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Gemeinde Jesu in Südtirol: woher – wohin?

Johannes 1,14-18: Johannes zeugte von ihm, ruft und spricht: dieser war es, von dem ich gesagt habe: nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden. Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es uns verkündigt. Luther 1912.

Einleitung

Südtirol gehört wohl zu einem der schönsten Gebiete der Erde. So sehen jedenfalls wir Südtiroler unser Land, aber auch die zahlreichen Touristen und Gäste genießen die Vielfalt unserer Berglandschaft. Wir Südtiroler sind grundsätzlich aufgeschlossen für Neues und offen für andere Menschen und deren Kultur. Das ist so in Politik – wir leben mit drei Sprachgruppen und Menschen aus anderen Kulturen gut zusammen – wir sind wirtschaftlich verbunden und nicht zuletzt touristisch ein beliebtes Ferienziel. Es gibt in allen Bereichen unseres Lebens viel Neues, Innovatives, aber die alten Werte werden auch in unserer Zeit noch hochgehalten. Wie eh und je werden auch heute noch in ganz Südtirol Brauchtum und Tradition liebevoll gepflegt. Egal, ob bäuerliches, Volks- oder Kirchenbrauchtum. Die von Dorf zu Dorf verschiedenen und mitunter Jahrhunderte alten Gepflogenheiten können Besucher noch heute im Urlaub in Südtirol hautnah miterleben, so zu lesen auf VIVO Südtirol als ein Beispiel von vielen, die unsere traditionelle Kultur anpreisen: „Fester Bestandteil der Südtiroler Kultur sind ebenso religiöse Prozessionen, das traditionelle Schnitzhandwerk, welches auch heute noch vielen Händen Arbeit gibt, verschiedenste Osterbräuche oder aber auch eine weit kuriosere Tradition wie das Aufstellen und Bewachen des „Kirchtagsmichl“: eine Strohpuppe, welche wohl auch schon dir während des einen oder anderen Festbesuchs in deinem Urlaub in Südtirol begegnet ist. Also lerne Land und Leute von einer anderen, neuen Seite kennen; erfahre mehr über die von Generation zu Generation weitergegebenen Rituale, welche das Leben der Menschen bis in die heutige Zeit prägen, und lass dich ein, auf eine wundersame Reise durch Kultur und Geschichte.“

Gerade auf Kultur und Geschichte unseres Landes und deren Menschen möchte ich zu Beginn meiner Ausführungen eingehen und eine Reise in die Vergangenheit antreten. Allerdings wird es nicht die allgemein bekannte Geschichte sein, von denen es viele Bücher und Berichte zu lesen und im Internet zu erfahren gibt, sondern eine Kultur, die ebenfalls zu Südtirol gehört, aber aufgrund der Ereignisse der Geschichte fast in Vergessenheit geraten ist oder einfach ausgelöscht wurde. Geschichte wird nicht immer so dargestellt, wie sie objektiv war, sondern in einem Filter des Schreibers, wobei Daten und Personen sicher objektiv sind, aber das, was Personen geschrieben und gesagt und gelebt haben ist subjektivem Denken und Interpretationen unterworfen. So werden viele abgehaltenen Bräuche als Tradition verkauft, weil es dem Tourismus und der Wirtschaft guttut: z. B. die Weihnachtsmärkte, die aber in der Weise nie so Tradition war, also doch so dargestellt, dass es in das Denken und Leben der Jetztzeit hineinpasst und die Lebenskultur unterstreicht, geprägt von wirtschaftlichen Überlegungen und zeitgemäßem, geistigem Denken. Das ist in der Politik wie Wirtschaft und persönlichem Leben so.

Da denke ich an meine Generation zurück in den 70 Jahren als Menschen dafür einstanden Südtirol von Italien zu lösen. Die einen sehen diese Personen als Freiheitskämpfer die anderen als Terroristen, auch wenn die meisten heute wahrscheinlich eher gleichgültig dem gegenüber sind. Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Herkunft des Menschen, der Erde und des Weltalls werden geschichtlich je nach geistigem Gedankengut als Evolution verstanden und so interpretiert oder als Einblick in den großartigen Schöpfungsplan eines mächtigen Gottes. Von daher kann Geschichte auch interpretiert und manipuliert werden, wie es dem Schreiber passt und die Lebensumstände und der Zeitgeist es  unterstreichen. Das gilt auch für die Kirchengeschichte, um die es in diesem Buch in der Hauptsache geht. Es liegt mir aber daran einiges über die Geschichte der Gemeinde Jesu von ihren Anfängen an bis in unsere Zeit, und vor allem Südtirol-bezogen, zusammen zu tragen und zu berichten. Dabei gehe ich von dem einen Fundament aus, das Bestand hat über all die Zeiten und Generationen und Epochen der Geschichte hinweg: nämlich das Wort des ewigen Gottes, unseres Schöpfers: Ursprung, Spender und Erhalter des Lebens. Es wird also nicht die offizielle Kirchengeschichte sein, sondern die Geschichte der Gemeinde Jesu im Besonderen, vor allem im zweiten Teil, eben was uns Südtiroler direkt angeht.

E.H.Broadbent schreibt in seinem Buch 2000 Jahre Gemeinde Jesu: Es gibt eine Geschichte neben der bekannten Kirchengeschichte, die, obwohl sie die dunkelste Tragödie enthält, doch allgemein die gute Botschaft, die frohe Botschaft oder einfach das Evangelium genannt wird. Die Geschichte erzählt, wie Gott durch eine wundersame Geburt in eine Beziehung zum Menschen trat, die nicht einmal die Schöpfung zuwege gebracht hatte, wie er durch Opfertod und machtvolle Auferstehung den Tod besiegte, die Sünde als seine Ursache beseitigte und seinem Ruhm als Schöpfer den als Erlöser hinzufügte: Das ist Wahrheit und Gnade zugleich, welche die Gemeinde Jesu von Anfang an prägte und für alle Zeiten, Generationen, Völker und Nationen der ganzen Welt gilt, demnach auch für Südtirol.

E.H. Broadbent beschreibt die Einzigartigkeit des Wortes Gottes in Bezug auf die Gemeinde: Das Neue Testament ist die würdige Ergänzung des Alten. Es ist das einzig passende Ziel, zu dem Gesetz und Propheten führen konnten. Es tut diese nicht hinweg, sondern bereichert sie, indem es sie zugleich erfüllt und ersetzt. In sich selbst trägt es den Charakter der Vollkommenheit und zeigt nicht etwa den bruchstückhaften Anfang einer neuen Zeitepoche, der ständiger Berichtigung und Ergänzung bedürfte, um den Bedürfnissen der stets sich ändernden Zeit zu begegnen, sondern eine Offenbarung, die für alle Menschen aller Zeiten passend ist. Wir können Jesus Christus nicht besser kennenlernen als in den vier Evangelien, noch können die Folgerungen oder Lehren, die sich aus den Tatsachen seines Todes und seiner Auferstehung ergeben, klarer dargelegt werden, als dies in den Briefen geschieht.

Das Alte Testament berichtet von der Entstehung und Geschichte Israels, des Volkes, durch das Gott sich in der Welt offenbarte, bis Christus kommen würde. Das Neue Testament zeigt die Gemeinde Christi, die sich aus all denen zusammensetzt, die wiedergeboren wurden durch den Glauben an den Sohn Gottes, und so Teilhaber des göttlichen und ewigen Lebens sind ( Johannesevangelium: 3,16).

Beginn der Gemeinde Jesu: 1. Jahrhundert

Die frühe Geschichte der Gemeinde Jesu ist uns ausführlich in der Apostelgeschichte übermittelt. Von dieser wissen wir, dass Gemeinde Jesu ihren praktischen Anfang mit Pfingsten nimmt: Jesus Christus, der Sohn Gottes: geboren in Bethlehem aufgewachsen in Nazareth, gewirkt in Galilea, Samarien und vor allem Jerusalem, gekreuzigt, gestorben, begraben, auferstanden und in den Himmel aufgefahren, wo er jetzt zur Rechten Gottes des Vaters sitzt und wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Dieser Jesu gab seinen Jüngern die Anweisung zu warten und zu beten, bis der Heilige Geist von oben mit Kraft auf die Jünger herabkommen sollte. Diesen Geist hatte Jesus seinen Jüngern schon vor der Kreuzigung versprochen und öfters darauf hingewiesen. Johannesevangelium 15,26: Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. Allein der Geist der Wahrheit erweckt die Gemeinde Jesu zum Leben, erhält sie in allen Lebenslagen und Lebensumständen am Leben und führt sie seinem Herrn Christus einmal als Braut zu.

Derselbe Heilige Geist gab den Aposteln die Kraft, den Mut und die Freimütigkeit die frohe Botschaft von der Errettung des von Gott getrennten Menschen klar, einfach und deutlich zu verkünden, sodass es jeder verstehen konnte, der Gott hören wollte. Von sich aus hätten die Jünger das nicht geschafft. Der Geist Gottes gab den Jüngern die Fähigkeit in verschiedenen Sprachen zu reden von dem was geschehen war, damit alle Menschen, zunächst Juden aus verschiedenen Ländern, die wegen des großen Festes gekommen waren, die Botschaft von Jesus Christus in ihrer eigenen Muttersprache hören. Gott will wohl, dass jeder Mensch in seiner eigenen Sprache angeredet wird, vielleicht auch als Zeichen, dass Gott durch seinen Geist mit jedem Menschen ganz persönlich und vertraulich reden will.

„So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat Apostelgeschichte 2,36:“

das ging ihnen durchs Herz und sie sagten: Was sollen wir tun? Petrus sagte: „Kehrt um und lasst euch taufen.“ Kehrt um, tut Buße das ist das, was von nun an, von Pfingsten an, allen Menschen auf der ganzen Welt, ausgehend von Jerusalem verkündet wird: kehrt um und glaubt der frohen Botschaft, dann bekommt ihr den Heiligen Geist, der wird euch mit Gott versöhnen, euch zu Kindern Gottes machen, ewiges Leben geben und euch alles erklären, was Jesus gesagt und getan hat durch sein Wort. Das ist Gnade und Wahrheit zugleich. Vielleicht war es die Freude darüber, dass Gott nun durch seinen Sohn Jesus Christus alles mit sich versöhnte, dass die, welche gläubig geworden waren, beisammen waren und alle Dinge gemeinsam hatten. Die Gemeinschaft untereinander war herzlich: Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele Apostelgeschichte 4,32

Die Gemeinde Jesu war von Anfang an:

1. „nach außen die „Herausgerufene“.

jene Menschen, welche gläubig wurden hatten nun eine Heimat bei Gott gefunden. Sie sind dem Ruf Gottes gefolgt. Es war die Versammlung der Gläubigen, die nicht zuerst aus menschlichem Willen zusammenkommt, sondern von Gott im Heiligen Geist zusammengerufen wird und nun im Glauben antwortet. Es waren Gläubige, die durch die Geburt von oben den Geist Gottes bekommen hatten und damit zu Jesus und seiner Gemeinde gehörten, sozusagen in das Reich Gottes hineingerufen wurden und dem Befehl Gottes gefolgt sind. Das sollte nicht nur eine geistliche Wirklichkeit sein, sondern sich auch ganz praktisch in den Zusammenkünften der Gläubigen auswirken. So lesen wir in Apostelgeschichte 5,12-14: es geschahen aber viele Zeichen und Wunder im Volk durch die Hände der Apostel und sie waren alle in der Halle Salomos einmütig beieinander. Von den anderen aber wagte keiner, ihnen zu nahe zu kommen. Doch das Volk hielt viel von ihnen. Die äußere Trennung zwischen Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu und Menschen, die die Botschaft vom Kreuz nicht angenommen hatten, kennen wir heute nicht mehr so krass, weil Gottesdienste oder Versammlungen zum Teil mit Gläubigen und Ungläubigen gefeiert werden, oft auch mit dem Gedanken möglichst viele Menschen zu erreichen. Das war anfangs nicht so: die Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu und damit auch das Zusammentreffen galt nur den Gläubigen.

2. Nach innen hatte die Gemeinde 4 „Säulen“. 

Welche die Gläubigen als Gemeinde Jesu auszeichneten: Gebet – Gemeinschaft – Brotbrechen und Lehre der Apostel. Die Lehre der Apostel stand am Anfang an Stelle des uns heute bekannten Neuen Testaments, da es ja dies am Anfang in schriftlicher Form nicht als gesamten Kanon gab, sehr wohl aber gab es bereits ab Mitte des 1. Jahrhunderts schon einige Schriften wie Evangelien und einige Briefe, die in den Gemeinden Jesu gelesen und als apostolische Lehre akzeptiert wurden. Dafür gab Gott den Aposteln anfangs besondere Zeichen und Wunder, damit die Menschen verstehen konnten: diese Botschaft kann nur von dem wahren Gott kommen und sie erkannten Gott, der ewig Seiende, ist mit diesen Aposteln.

Diese Tatsachen wurden anfangs, das können wir in der Apostelgeschichte und den Briefen nachlesen, mit allem Einsatz und aller Konsequenz gepredigt und an der Lehre der Apostel wurde festgehalten in aller Liebe und Demut vor Gott und den Menschen.

Ausbreitung der Gemeinde Jesu nach Pfingsten

Von Pfingsten an breitete sich das Evangelium ungemein schnell aus. Die vielen Juden, die es auf dem Fest zu Jerusalem hörten, wo es zuerst gepredigt wurde, brachten diese Neuigkeit in die verschiedenen Länder, wohin sie zerstreut waren. Obwohl das N.T. (Apostelgeschichte) uns hauptsächlich über die Missionsreisen des Apostels Paulus Genaueres mitteilt, machten auch die anderen Apostel ausgedehnte Reisen, predigten und gründeten Gemeinden in weiten Gebieten. Und nicht nur die Apostel verkündeten die frohe Botschaft:

Alle Gläubigen waren Zeugen für Christus, die Zerstreuten gingen umher und verkündigten das Wort (Apostelgeschichte 8,4).

Es gab da aber auch eine andere Tatsache, die die Gemeinde Jesu von Anfang an getroffen hatte, eine weniger erfreuliche, weswegen die Gläubigen zerstreut wurden:

Als nämlich die ersten Gemeinden im jüdischen Lebensbereich gegründet wurden, waren die Juden selbst ihre ersten Gegner. Jesus sagte schon zu Lebzeiten: haben sie mich verfolgt, werden sie euch auch verfolgen (Joh. 15,20). Die erste Verkündigung des Evangeliums geschah durch Juden und an Juden, und es wurden dazu die Synagogen genutzt. Die Hauptpunkte des Synagogendienstes waren ja: Schriftlesung, Belehrung über ihre Gebote und Gebet, das hielt die Juden in aller Welt zusammen und war ein guter Anknüpfungspunkt für die frohe Botschaft, die ja vom Alten Testament erklärt und gepredigt wurde. Diese Verfolgung begann schon am Anfang in Jerusalem mit Petrus und Johannes und ganz konkret mit Stephanus, einem Mann, der in unserer Zeit von allen christlichen Denominationen geehrt und geachtet wird. Der erste Märtyrer: er, ein Mann voll Gnade und Kraft, wurde wegen seiner klaren Botschaft vor dem Hohen Rat (Apostelgeschichte Kap.7) gesteinigt. Paulus, der Verantwortliche dafür, wurde später von Jesus selbst gefragt: warum verfolgst du mich? Also wer die Gemeinde Jesu oder ihre Gläubigen verfolgt, der verfolgt Jesus selbst, der legt sich mit Gott, dem ewig Seienden, an.

Aber die Gemeinde Jesu geht wegen Verfolgung niemals unter, weil Gott selbst darüber wacht und sie wird letztlich den Sieg davontragen, weil Jesus schon gesiegt hat. Die Gläubigen in der Jerusalemer Gemeinde zerstreuten sich alle, in die Länder Judäa und Samarien wegen der großen Verfolgung. Apg. 11,19: die aber zerstreut waren wegen der Verfolgung, die sich wegen Stephanus erhob, gingen bis nach Phönizien und Zypern und Antiochia und verkündigten das Wort: das waren nicht die Apostel, die blieben in Jerusalem, sondern die einfachen Gläubigen. Durch Verfolgung wurde sogar das Wort Gottes noch mehr verbreitet: das ist oft in der Geschichte der Gemeinde Jesu: Gottes Weg mit seinen Dienern. Gott führt im Leid und durch Verfolgung erweckt Gott den Eifer der Gläubigen für seine frohe Botschaft. Gott ließ diese Verfolgung in der Gemeinde Jesu zu, andererseits aber wurde dadurch das Wort Gottes verkündet auch außerhalb von Jerusalem, in Gebiete, in denen die Gläubigen sonst wahrscheinlich nicht gegangen wären: jeder Gläubige verkündete mit aller Kraft: Jesus schenkt Versöhnung mit Gott dem Schöpfer durch die Gnade, die in Jesus Christus jedem, der das Wort der frohen Botschaft annimmt und zu Jesus und seinem Wort umkehrt. Von Anfang an wurde gepredigt, dass diese Gnade nicht billig ist, denn es hat Gott, den Vater, das Liebste gekostet, nämlich seinen Sohn dahinzugeben und seinem Sohn, Jesus Christus, das Leben, das für uns geschlachtet wurde am Kreuz, bestätigt durch die Kraft der Auferstehung und den vollen Einsatz des Heiligen Geistes, der jeden von uns zur Erkenntnis dieser ewigen Wahrheit führt und darin bewahrt. Das war die Kraft der Botschaft mit der die ersten Gläubigen die Menschen, inzwischen Juden wie Heiden, konfrontierten und somit bald der ganze damalige Erdkreis von dieser Botschaft erfuhr und überall Menschen zum Glauben an diesen Jesus Christus gekommen sind, ihn als Herrn im eigenen Leben annahmen, und für ihn alles andere geringschätzten. Die Gnade war auch für die Gläubigen nicht billig, denn sie waren bereit ihr Leben für den Dienst an Gott zu geben und bereit ihr Leben einzusetzen, da sie wussten, dass Jesus sein Leben für sie gegeben hat und sie dafür alles bekommen hatten. Das ist uns heute in unserer Zeit und Kultur und selbst für uns Gläubige doch oft etwas fremd, wer will schon verfolgt werden, ist ja auch verständlich, aber gerade deshalb sind die ersten Gläubigen Vorbilder im Sinne von Hebräer 11: seht welch eine Wolke von Zeugen wir haben. Die Verkündigung der frohen Botschaft bewirkte aber auch, dass bereits die ersten Gemeinden nicht nur Menschen fanden, die die Botschaft bereitwillig annahmen, sondern auch klar und entschieden ablehnten. So kamen auch andere, außer den Juden, hinzu, welche die Gemeinde Jesu von Anfang an verfolgen und vernichten wollten. Die Ausbreitung der frohen Botschaft, vor allem durch Paulus und seinen Missionsreisen, geriet bald in Widerstreit mit griechischen Ideen und heidnischen Religionen. Allen voran der Kult der Diana in Ephesus. Diese Verfolgungen geschahen noch zur Zeit der Apostel und wird uns in der Apostelgeschichte berichtet. Eine der vorbildlichsten Gemeinden des neuen Testaments war, und als solche gilt sie auch heute noch, Ephesus. Dort predigte und lehrte Paulus ca. zwei Jahre: Apg. 19, 10: …und das geschah zwei Jahre lang, sodass alle, die in der Provinz Asien wohnten, das Wort des Herrn hörten, Juden wie Griechen, Paulus ging dabei keinen Kompromiss weder mit den Juden noch mit den heidnischen Gebräuchen des in Ephesus vorherrschenden Diana-Kultes ein. Er setzte sich zunächst mit den Juden in der Synagoge auseinander (Apg.19,8: er ging aber in die Synagoge und predigte frei und offen drei Monate lang, lehrte und überzeugte sie von dem Reich Gottes. Das war so üblich, aber als er sah die Juden widerstanden ihm hat er sich mit seinen Jüngern getrennt und ging in das Haus des Tyrannus: Als aber einige verstockt waren und nicht glaubten und vor der Menge übel redeten von der Lehre, trennte er sich von ihnen und sonderte auch die Jünger ab. Im Haus des Tyrannus konnte Paulus ungestört, ohne Kompromisse eingehen zu müssen, allein das Wort Gottes lehren. In Ephesus konnte dann auch die Liebe zu Jesus, seinem Wort und seiner Gemeinde zu großer Entfaltung kommen.

Allerdings lehrt uns gerade die Gemeinde in Ephesus, dass diese Liebe zu Jesus nicht eine Entscheidung ist, die man einmal trifft und dann für immer gilt und für alle Generationen. Jeder einzelne, jede Generation muss seinen/ihren Weg zu Jesus finden und darin bleiben in der Kraft des Heiligen Geistes. Später sandte Paulus, als er in Milet war, nach Ephesus, um die Ältesten der Gemeinde zu rufen, um ihnen letzte Anweisungen zu geben, denn er sollte die Geschwister nicht mehr sehen. Er gebot ihnen folgendes in prophetischer Vorausschau: So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist eingesetzt hat zu Bischöfen zu weiden die Gemeinde Gottes, die er durch sein eigenes Blut erworben hat. Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch kommen, die die Herde nicht verschonen werden. Auch aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die Verkehrtes lehren, um die Jünger an sich zu ziehen. Darum seid wachsam und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht abgelassen habe, einen jeden unter Tränen zu ermahnen.

Für die Gemeinden Jesu, die zur Zeit der Apostel entstanden sind, aber auch für jene Gemeinden nach der Zeit der Apostel bis zu der Zeit Kaiser Konstantin, also in den ersten 3 Jahrhunderten galten folgende Richtlinien: E.H. Broadbent 2000 Jahre Gemeinde Jesu: Jede von ihnen besteht aus den Jüngern des Herrn Jesus, die da, wo sie wohnen, sich in seinem Namen zusammenfinden. Ihnen ist die Gegenwart des Herrn in ihrer Mitte verheißen, und die Wirksamkeit des Heiligen Geistes tut sich auf verschiedene Weise durch alle ihre Glieder kund (Matth. 18,20; 1 Kor. 12,7). Dabei wurden besonders in der Zeit nach den Aposteln, als das Neue Testament noch nicht als Kanon, wie wir es heute kennen, anerkannt wurde, die Geschehnisse in der Geschichte der Gemeinden ausgewählt und in der Apostelgeschichte in einer Weise wiedergegeben, dass sie ein ständiges Muster für alle künftigen Gemeinden bieten. Das Abweichen von diesem Muster hatte verheerende Folgen und Erweckung und Wiederherstellung gab es nur, wenn man zu dem Muster und zu den Grundsätzen zurückkehrte, welche die Schrift enthält.

Konfrontationen der ersten Gemeinden mit verschiedenen zeitgemäßen Lehrmeinungen:

  • Bereits zur Zeit der Apostel aber später noch mehr beherrschte die griechische Philosophie alle Religionen und Lehren in Griechenland, wie in Rom, in Afrika wie in Asien. Sie suchte nach irgendeiner Theorie über Gott, nach Erklärung der Natur und nach Lebensführung. Eine Gnosis oder Erkenntnis um die andere, ein philosophisches System nach dem anderen entstand und wurde zum Gegenstand heißer Erörterungen.
  • Von politischer Seite wurde die Gemeinde immer mehr von der Macht Roms bedrängt. Diese Bedrängnis und Verfolgung war schlimmer als jede andere, da viele Gläubige den Märtyrertod durch die römische Macht fanden. Das römische Reich wurde allmählich in einen Angriff auf die Gemeinden hineingezogen, einen Angriff, bei dem unter Umständen seine ganze Macht und alle seine Möglichkeiten eingesetzt wurden, jene zu biegen oder zu zerbrechen.
  • Dann geschah aber etwas, was die Gemeinde Jesus zu allen Zeiten erlebte: Verführung und Verfolgung kamen nicht nur von außen, sondern wie Paulus voraussagte auch von innen:

Auch aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die Verkehrtes lehren, um die Jünger an sich zu ziehen. Darum seid wachsam. Darauf sollten wir auch in unserer Zeit besonderes Augenmerk legen.

Uneinigkeit in den Gemeinden:

Es entstand mit der Zeit auch Widerstand innerhalb der Gemeinde Jesu, die zu Auseinandersetzung und später auch zu Trennungen innerhalb der Gemeinden führte. Allmählich, anfangs unauffällig, aber immer deutlicher war ein Unterschied zu erkennen zwischen den neutestamentlichen Schriften und denen, die gleichzeitig mit den apostolischen Schriften oder später entstanden sind, aber nicht in die Liste oder den Kanon der inspirierten Schriften aufgenommen wurden bzw. als solche nicht anerkannt wurden von den Gemeinden, die der apostolischen Lehre treu blieben. So enthielten diese hinzugekommenen Schriften Lehren und Inhalte, die auch von den Gemeinden zum Teil zwar akzeptiert wurden, aber sie machten auch gleichzeitig das wachsende Abweichen von den göttlichen Prinzipien des Neuen Testaments deutlich. Dies begann schon in den Tagen der Apostel und danach breiteten sich solche Schriften schnell aus.

Clemens, ein Ältester der Gemeinde in Rom, schrieb noch zu Lebzeiten des Apostels Johannes an die Gemeinde in Korinth einen sehr interessanten Brief in aller Demut und Liebe, der einen Blick in die Gemeinden gegen Ende der apostolischen Zeit tat. Aber schon in diesem Brief zeigt sich der Anfang der Unterscheidung zwischen Geistlichen und Laien, übernommen aus den Ordnungen des Alten Testament. Diese Trennung von Geistlichen und Laien, Klerikalismus genannt, wurde immer deutlicher und stärker betont.

So änderte sich auch bereits Anfang des 2. Jahrhunderts das Verständnis der Taufe: man begann mit Kindertaufe und lehrte dabei die Wiedergeburt durch die Taufe d.h. durch eine Handlung, nicht durch Glauben allein, nämlich durch das Taufsakrament wird man von neuem geboren: das war und ist nicht schriftgemäß.

Gleichzeitig setzte auch ein Wandel beim Gedächtnismahl des Todes des Herrn gegenüber dem ursprünglichen schlichten Brechen des Brotes und Trinken des Weins im Kreis der Jünger ein. Man machte aus diesem einen wundersamen, geheimnisvollen Akt. Die Handlungen beim Mahl des Herrn wurden schon sehr früh in der Geschichte der Kirche einem Priester vorbehalten und verstärkte so die zunehmende Unterscheidung zwischen Geistlichen und Laien. (Buch: 2000Jahre Gemeinde Jesu.)

2-3 Jahrhundert

Die Entstehung eines kirchlichen Systems:

Es begann mit dem Heranwachsen einer klerikalen Hierarchie unter der Leitung der Bischöfe, die ihrerseits wiederum Vorgesetzte, „Metropoliten“ genannt, hatten, und größere Gebiete beaufsichtigten. Dies setzte eine menschliche Organisation und religiöse Formen an die Stelle der Kraft und Wirksamkeit des Heiligen Geistes und der Wegweisung durch die Schrift in den einzelnen Gemeinden. Eine solche Entwicklung geschah zunächst schrittweise. Anfangs wurde nämlich kein Anspruch dahingehend erhoben, dass eine Gemeinde die andere beaufsichtigen solle, auch wenn man durchaus angesehene Brüder um Rat fragen konnte. Aber bereits im zweiten und dritten Jahrhundert geschah eine schrittweise Änderung des Gemeinde Verständnisses hin zu einer Führung und Kontrolle der meist selbst ernannten geistlichen Führer, die auch ihre eigenen Schriften und Lehren als verbindlich für Gläubige proklamierten. Viele Gläubige und Gemeinden ließen sich aber nicht von dieser neuen Entwicklung der Beaufsichtigung und menschlichen Organisation mitreißen… (J. Venn Bartlett Geschichte der frühen Kirche).Es gab eben doch wahre Gläubige, die sich allein dem Herrn Jesus verpflichtet wussten und den Schriften treu dienten.

Allen voran war Origenes einer von ihnen. Von ihm und seiner Familie wird folgendes berichtet: er war einer der größten Kirchenlehrer und zugleich einer der geistlichsten Kirchenväter. Origenes gab ein klares Zeugnis über den geistlichen Charakter der Gemeinde. Sein Vater kam wegen seines Glaubens ins Gefängnis und wurde später hingerichtet. Trotz allem blieb Origenes, seine Mutter und seine 6 Brüder dem Herrn treu. Er war ein sehr guter Lehrer der Schriften und hatte viele Schüler, die nach ihm seinen Eifer für das Evangelium und seine biblischen Unterweisungen fortsetzten. Origenes selbst wurde vom Bischof von Alexandrien 231 dem Bann ausgesetzt, weil er als Laie auch Bischöfe, also Vorsteher der Kirche lehrte und das passte nicht zum entstandenen und bereits weithin verbreiteten Klerikalismus. Das war die traurige Folge dieser neuen Entwicklung innerhalb der Gemeinden. Origenes wurde wegen seines Glaubens und seiner Treue zu den Schriften öfters gefoltert und erlitt als Folge davon im Jahr 254 den Tod.

Origenes selbst betrachtete die Gemeinde als aus all denen bestehend, die in ihrem Leben die Kraft des ewigen Evangeliums erfahren haben. Diese bilden die wahre geistliche Gemeinde, die nicht immer mit der übereinstimmt, so Origenes, die von Menschen Gemeinde – Kirche – genannt wird. Sein arbeitserfülltes Leben war der Erläuterung der Schriften gewidmet und er unterschied sehr wohl zwischen dem, was klar und lehrhaft festgelegt ist und dem, was mit Vorsicht zur Erwägung vorgebracht werden muss. Im Blick auf letzteres sagte er: Doch wie es wirklich ist, weiß mit Sicherheit nur Gott allein und die, welche durch Christus und den Heiligen Geist seine Freunde sind. Unser Wissen ist Stückwerk, sagt Paulus, aber das Wort Gottes ist ewig, da darf man nichts dazu bzw. hinwegtun oder eigenwillig auslegen oder gar eigene Lehren hineinlegen.

Anders war Cyprian, der Bischof von Karthago, geboren um 200. Er bedient sich freimütig des Ausdrucks: die katholische Kirche. Er sieht außerhalb von ihr keine Heilsmöglichkeit, so dass sich schon zu seiner Zeit die alte katholische Kirche bildete, das ist die Kirche, die bereits vor Konstantin die Bezeichnung katholisch für sich beanspruchte und alle die ausschloss, die nicht mit ihr übereinstimmten. Er gebot seine Schriften zu lesen, die geeignet seien, dem zu helfen, der in Zweifel gerate. Im Blick auf Novatian, einem treuen Diener der Wahrheit, der sich deshalb bemühte mit Anderen größere Reinheit in die Kirche zu bringen, erklärte Bischof Cyprian: Dieser, der nicht in der Kirche ist, ist kein Christ…. Es gibt nur eine Kirche … und auch nur einen Bischof.

Trennung: Kirche Gemeinde Jesu:

Als die Kirche größer wurde, ermattete der erste Eifer, und die Gleichförmigkeit mit der Welt und ihrem Wesen nahm ebenso zu. Diese Entwicklung erfolgte aber keinesfalls ohne Widerstand. Die Organisation der katholischen Gruppe von Kirchen schritt fort, aber in ihr bildeten sich Kreise, die eine Reform anstrebten. Einige Gemeinden trennten sich auch von ihr, und andere, die sich mehr oder weniger an die ursprünglichen neutestamentlichen Lehren und Praktiken hielten, sahen sich selbst von den Kirchen getrennt, die jene Grundsätze weitgehend aufgegeben hatten. Die Tatsache, dass das katholische Kirchensystem später das Beherrschende wurde, brachte es mit sich, dass wir über diese eine umfangreiche Literatur besitzen, dagegen wurde das Schrifttum derer, die sich von ihr unterschieden, unterdrückt, und wir kennen es im Wesentlichen nur aus den Schriften, die gegen sie geschrieben wurden. Es gab aber jedenfalls neben den katholischen Kirchengemeinschaften eine ganze Reihe unterschiedlicher biblischer Zeugnisse, von denen jedes durch ein besonderes Charakteristikum gekennzeichnet war.

Die Geschichte der Gemeinde Jesu war also in den ersten 3 Jahrhunderten sehr bewegt und in der Treue zum Herrn Jesus und seinem Wort herausgefordert und geprüft durch viele Irrlehren, Verführungen und Verfolgungen von außen und innerhalb der Gemeinde und doch gab es viele lebendige Zeugnisse: Gemeinden, kleinere und größere, die weder von Philosophie, zeitgemäßem Denken noch von der weltlichen Macht oder der schrittweise entstehenden kirchlichen Organisation mitgerissen bzw. ausgelöscht wurden.

Reformbewegung innerhalb der Kirche

Es traten aber auch innerhalb der katholischen Kirche zahlreiche Kreise auf, die auf eine Reform hinarbeiteten, aber doch in Gemeinschaft mit ihr blieben. Unter ihnen zählten sich z.B. die Montanisten, wahrscheinlich wegen Montanus so bezeichnet, einem Gläubigen, der 156 in Phrygien zu lehren begann. Er selbst war ein „Charismatiker“, der noch im 2. Jahrhundert in Zungen redete, obwohl es diese nur zur Zeit der Apostel gab und nachher aufhörte. Weiters führte er zwei Frauen mit sich, die besondere Geistesoffenbarungen zu haben behaupteten. Dies ist erwähnenswert, weil er damit zu den Gläubigen seiner Zeit aber auch bis herauf in unsere gehört, die eigene Ansichten und besondere Offenbarungen mit dem wahren Glauben an das apostolische Wort einerseits und dem Festhalten an der kirchlichen Organisation andererseits zusammenzubringen, ja zu vereinen, versuchten. Eine Ausrichtung vieler Gläubiger, die gerade im 20. Jahrhundert neu entstanden ist und durch die verschiedensten christlichen Gemeinden und Kirchen unterstützten Einheitsbestrebungen der Ökumene und im speziellen der charismatischen Erneuerung sich ausbreitet. Das ist wohl damals wie heute dadurch zu verstehen, dass im Blick auf die zunehmende Verweltlichung innerhalb der Kirche und die Art in der bei den Führern das Theologie-Studium an die Stelle der geistlichen Vollmacht trat, viele Gläubige von heißem Verlangen nach tieferer Erfahrung der Innewohnung und Kraft des Heiligen Geistes erfasst wurden. Sie sehnten sich nach einer geistlichen Erweckung und besonderen geistlichen Erfahrungen, aber gleichzeitig auch mehr oder weniger nach der Rückkehr zu apostolischer Lehre und Praxis. Zu dieser Verweltlichung innerhalb der Kirche kam die von politischer Macht angeordnete Verfolgung der Gemeinde Jesu, die unter Kaiser Markus Aurelius ihren Höhepunkt erreichte (177). Die Verfolgung von Seiten Roms und die Verweltlichung der Kirche belebte vor allem bei den Gläubigen außerhalb der Kirche die Erwartung der Wiederkunft des Herrn und das geistliche Trachten der Gläubigen. Die Montanisten unter ihnen aber hofften, dass sich Gemeinschaften innerhalb der Kirche bildeten, die zur ursprünglichen Frömmigkeit zurückkehrten, als solche lebten, die des Herrn Wiederkunft erwarteten und vor allem dem Heiligen Geist seinen rechtmäßigen Platz in der Kirche zuerkannten. Obwohl es unter ihnen, wie bereits erwähnt, Überspitzungen gab, indem einige nach geistlichen Offenbarungen verlangten, lehrten und praktizierten sie doch die notwendige Reform. Im großen Ganzen anerkannten sie aber zum Unterschied vieler freier, eigenständiger Gemeinden Jesu die Organisation, die sich in der katholischen Kirche entwickelt hat, und versuchten, in Gemeinschaft mit ihr zu verbleiben. Während jedoch die katholischen Bischöfe wünschten, in der Kirche möglichst viele Mitglieder zu bekommen, drängten die Montanisten beharrlich auf Beweise echten Christseins im Leben derer, die sich um Aufnahme bewarben.

Das katholische System nötigte die Bischöfe aber dazu, eine immer stärkere Aufsicht über die Kirche auszuüben; die Montanisten jedoch waren dagegen, sie hielten daran fest, dass die Leitung der Gemeinden das Vorrecht des Heiligen Geistes ist und dass seinem Wirken Raum gegeben werden sollte. Diese Meinungsunterschiede führten im Osten bald zu Bildung selbständiger Kirchen, im Westen hingegen blieben die Montanisten lange als Gemeinschaften innerhalb der katholischen Kirche, und erst im Laufe vieler Jahre wurden sie von ihr ausgeschlossen oder trennten sich von ihr. Sie sind ein Beispiel dafür, dass es nicht möglich ist, biblische Richtlinien mit menschlichen Vorstellungen und Gedanken von Gemeinde zu vereinen. So kam es zu Verfolgung nicht nur durch politische Macht, sondern auch schon sehr früh durch die Kirche und zwar schon vor der Zeit des Kaisers Konstantin. In Karthago z. B. erlitten Pertpetua und Felicitas wegen ihres treuen Festhaltens im Glauben an die apostolische Lehre im Jahr 207 den Märtyrertod, obwohl sie sich zu den Montanisten zählten und damit Glieder der katholischen Kirche waren. Zur Ermutigung vieler freier Gemeinden und kleiner Gruppen von Gläubigen, die man in gewisser Hinsicht auch mit den heutigen Hausgemeinden vergleichen kann, schrieb Tertullian, ein großer Führer in den afrikanischen Kirchen und hervorragender und prominenter Schriftsteller:

Selbst, wo nur drei sind, die am Wort Jesu festhalten, und seien es auch Laien, so ist da doch Gemeinde. Er war es auch der schrieb: das Blut der Gläubigen, ist der Same der Gemeinde Jesu. Ein harter, aber, wie die Geschichte der jungen Gemeinde Jesu zeigt, auch wahrer Satz: in den zentralen Lehren der Botschaft des Wortes unterschieden sich die Jesusnachfolger mit aller Konsequenz für ihr Leben von den Irrlehrern und falschen Propheten, die von der apostolischen Lehre nur das annahmen, was ihnen zusagte, und das übrige verwarfen und ihre eigenen Lehren, Offenbarungen und Prophetien verbreiteten, sich mehr und mehr dem Wesen der Welt anpassten als dem apostolischen Wort und damit leugneten, dass Jesus der Christus ist.

1. Johannesbrief Kap. 2, 22-26: Wer ist ein Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, der hat auch den Vater. Was ihr gehört habt von Anfang an, das bleibe in euch. Wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang an gehört habt, so werdet ihr auch im Sohn und im Vater bleiben. Und das ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben. Die wahren Jesusbekenner erkannte und erkennt man eben daran, dass sie daran festhalten, was von Anfang an geschrieben steht im Wort des Herrn und sich nicht davon abbringen lassen.

Verfolgung der Gemeinde Jesu durch Rom:

Als die Gemeinden in nähere Berührung mit dem Römischen Reich kamen, mit Beginn bereits zur apostolischen Zeit, ereignete sich eine Verfolgung aus politischen Gründen, die vor allem die betraf, die dem Wort Gottes die Treue hielten und deshalb sich nie widersetzten oder Vergeltung übten, sondern alles aus Liebe zum Herrn ertrugen, dessen Fußstapfen sie folgten. Obwohl die Christen zugestandenermaßen gute Untertanen waren, untersagte es ihnen ihr Glaube, dem Kaiser oder den Götterbildern zu opfern oder ihnen göttliche Ehren zu erweisen. So sah man sie als solche an, die dem Reich untreu waren und als der Götterkult ins Alltagsleben des Volkes eindrang, in seine Religion, sein Geschäft, seine Vergnügungen, wurden die Christen gehasst, weil sie sich von ihrer Umwelt absonderten. Ernste Maßnahmen wurden gegen sie ergriffen, erst vereinzelt und örtlich, doch schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts galt es als gesetzwidrig, Christ zu sein. Alle Habe der Christusbekenner wurde eingezogen, sie wurden gefangengesetzt und nicht nur in zahllosen Fällen hingerichtet, vielmehr wurde ihre Strafe noch durch unvorstellbare Martyrien verstärkt. Herausragend war das Zeugnis der Gläubigen dieser sehr düsteren Zeit der Gemeinde Jesu: die größte Verfolgung erlebten die Gemeinden sicher von politischer Seite, also durch das römische Reich wie bereits erwähnt vor allem unter Kaiser Markus Aurelius. Wie verschieden aber auch die Gemeinden in Lehre und Praxis waren, sie waren eins im Leiden und im Sieg. Das ist bemerkenswert und kann nur mit und in der Kraft des Heiligen Geistes erklärt werden. Mit Gewissheit ist der Heilige Geist auf eine ganz besondere Weise mit jedem Gläubigen, der wie Stephanus seinem Tod entgegensieht und in diesem Hineingehen in die Ewigkeit wie Stephanus erfährt, was uns in der Apg. 7,55 berichtet ist: Er aber, voll Heiligen Geistes, sah auf zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten Gottes.

4.-5. Jahrhundert:

Kaiser Konstantin und die Christen:

Dann aber trat ein Ereignis ein, das den langen und furchtbaren Kampf zu einem unerwarteten Schluss führte. In den Auseinandersetzungen innerhalb des Römischen Reiches war Kaiser Konstantin erfolgreich. Im Jahre 312 errang er seinen entscheidenden Sieg, zog in Rom ein und erließ unverzüglich ein Edikt, das die Christenverfolgung beendete. Ein Jahr später folgte das Edikt von Mailand, durch das jedermann Freiheit in der Wahl der Religion zugestanden wurde. So wurde das Römische Reich durch die Hingabe derer besiegt, die den Herrn Jesus kannten (E.H. Brodbent). Die heidnischen Religionen wurden fürs erste nicht unterdrückt, doch da ihnen jetzt die Stütze am Staat fehlte, nahmen sie ständig ab. Das Bekenntnis zum Christentum wurde begünstigt. Das Ansehen der Bischöfe und besonders der Metropoliten (Vorgesetzte) in den katholischen Kirchen machte die Verbindung zwischen Kirche und Zivilbehörden leicht. Konstantin selbst, der die kaiserliche Würde des Oberpriesters der heidnischen Religion beibehielt, machte sich zum Schiedsrichter der christlichen Kirchen. So wurden in den damaligen Konzilien Entscheidungen immer in Zusammenarbeit von Kaiser und Bischöfen getroffen. Kirche, gemeint ist die vom Ende der apostolischen Zeit an entstandene katholische Kirche und Staat wurden sehr bald eng verbunden, und es dauerte nicht lange, bis die Machtmittel des Staates den Kirchenführern zur Verfügung standen, um ihre Bestimmungen durchzusetzen.

Die Verfolgten werden bald selbst Verfolger:

Die Gemeinden, die dem Wort Gottes gehorsam waren, wurden nun auf eine neue Weise verfolgt, und zwar ging diese Verfolgung nicht von dem heidnischen Römischen Reich aus, sondern von der Einrichtung, die sich anmaßte, die Kirche zu sein, die die Macht des christianisierten Staates ausübte. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass in dieser Zeit der Machtergreifung von Seiten der offiziellen Kirche der Kanon des Neuen Testamentes, so wie wir das N.T. in der heutigen Form kennen, von den ersten Konzilien anerkannt wurde. Ich sage hier bewusst anerkannt, weil das N.T, nicht von den Konzilien ausgewählt oder zusammengestellt wurde, sondern die Bücher der Heiligen Schrift waren eben schon im Umlauf in den Gemeinden und es galt nur sie zu bestätigen. Diese Einheit in der Anerkennung was Gottes Wort ist und was nicht, konnte in Anbetracht der vielen verschiedenen Ansichten und Lehren nur der Heilige Geist bewirken, der allein über Sein Wort wacht.

1. Petrus 1,16: denn es ist noch nie eine Weisung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet. Die offizielle Annahme des Neuen Testamentes als Gottes Wort ist auch immer wieder, bei jedem Vergleich der kanonischen mit den apokryphen und nichtkanonischen Büchern, bestätigt worden, da der Unterschied, hinsichtlich des Wertes und der geistlicher Kraft augenscheinlich ist. Häufig aber wurde andererseits von offizieller Kirchenseite angenommen, die Schrift allein genüge nicht zur Leitung der Kirchen, ohne Heranziehung zumindest der frühen Tradition. Da zeichnete sich schon die Stellung der mündlichen Tradition über den Schriften des Neuen Testaments an, wie sie ja später immer deutlicher gelehrt wurde und heute noch in der katholischen Kirche den höheren Stellenwert als das geschriebene Wort hat.

Solange die Kirche sich abgesondert gehalten hatte, war sie ein kraftvolles Zeugnis für Christus in der Welt und zog ständig Bekehrte in ihre heilige Gemeinschaft. Als sie jedoch, schon geschwächt durch die Annahme menschlicher Führung an Stelle der Leitung des Heiligen Geistes, plötzlich in Verbindung mit dem Staat gebracht wurde, da wurde sie beschmutzt und verfälscht.

Diese Kirche konnte den moralischen, politischen und wirtschaftlichen Verfall des römischen Reiches nicht aufhalten und so kamen auch andere Völker von Osten und Westen, um das römische Reich zu zerstören. Die Städte wurden vernichtet und eine an Kultur und Luxus gewöhnte Bevölkerung, die die militärische Zucht nicht kennengelernt hatte, wurde von heidnischen Barbaren niedergemetzelt oder in die Sklaverei geschleppt.

Die Entwicklungen in den ersten drei Jahrhunderten waren also sehr bewegt: sie legten den Grundstein und zeigten den Weg der Gemeinde Jesu in theologischer wie praktischer Sicht. Aber die Kirche als organisatorisches und politisches System entwickelte sich ebenfalls in diesem Zeitraum und ist Grundlage und Voraussetzung zugleich für die Entwicklung der Kirche in den kommenden Jahrhunderten ja zum Teil bis heute. Das Wissen um diesen Teil der Geschichte der Gemeinde und der Kirche in ihren Anfängen kann hilfreich sein, um den geistlichen und weltlichen Hintergrund der Christenheit in unserer Zeit besser zu verstehen und unterscheiden zu lernen. Die Gemeinde Jesu war nie, auch nach dem 4. Jahrhundert, eine reine Organisation, die große Macht und Einfluss ausübte, nur um globale politische und wirtschaftliche Veränderungen in dieser Welt zu schaffen. Aber sie, die Gemeinde Jesu, konnte und kann auch nicht vernichtet oder verdrängt werden. Die Mächtigen dieser Welt kommen und gehen, aber das Wort des Herrn und damit auch seine Gemeinde bleibt in Ewigkeit. 1. Petrus 1,24-25: Das Gras ist verdorrt, die Blume abgefallen, aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit. Das ist aber das Wort, welches unter euch verkündet ist.

Gemeinde Jesu in dieser Welt:

Folgendes haben wir schon in der Entwicklung der Gemeinde Jesu in den ersten drei Jahrhunderten deutlich gesehen und erkennen können: Gemeinde Jesu ist in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt, d.h. nicht vom Wesen dieser Welt. In den Gläubigen spiegelt sich das Wesen Gottes, wenn auch nicht immer in vollkommener Weise, sondern in demütiger, vom Wort Gottes und dem Sohn Jesus lernender Weise. In uns und unserem Umkreis kann der Gläubige und die Gemeinde Jesu sehr wohl die „Welt“ bzw. die Menschen dieser Welt verändern, und zwar durch Verkündigung der frohen Botschaft in Wort und Werk und Festhalten am Namen unseres Herrn Jesus Christus, indem wir die Liebe, die wir von Jesus bekommen, weitergeben. So wurde es der Gemeinde in Philadelphia verheißen und dies gilt grundsätzlich für alle Zeiten und Völker dieser Welt in dieser Gnadenzeit: Offbg. 3,7 und 8: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, der zuschließt, und niemand tut auf – auf diese Macht fundiert unser Glaube – Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen DENN DU HAST EINE KLEINE KRAFT UND HAST MEIN WORT BEWAHRT UND HAST MEINEN NAHMEN NICHT VERLEUGNET.

Augustinus und Christus:

Die Geschichte zeigt uns immer wieder, dass Ereignisse eintreffen, die der Mensch so nicht einplant. Am

26. August 410 geschah etwas für die Menschen der damaligen Zeit Undenkbares. Nach 900 Jahren imperialistischer Sicherheit wurde Rom von einem Gotenheer unter Führung Alarichs I. (410) erobert. Das Jahr 476 bezeichnet das Ende des Weströmischen Reiches. Hieronimus, der Übersetzer der lateinischen Vulgata, war zu jener Zeit in Palästina und schrieb: Wenn Rom untergehen kann, was könnte dann sicher sein?

In dieser Zeit war Augustinus Bischof von Hippo, etwa 730 Kilometer südwestlich von Rom an der Küste von Nordafrika. Der Herausgeber der Zeitschrift Christian History sagt schlicht: Nach Jesus und Paulus ist Augustinus die einflussreichste Gestalt des Christentums. Augustinus war nicht Christ von Geburt an, im Gegenteil: es war für ihn ein langer Weg bis er zur Erkenntnis des Christus gelangte.

Augustinus wurde am 13. November 354 in Thagaste bei Hippo im heutigen Algerien geboren. Sein Vater Patricius, ein nicht ganz armer Bauer, war ungläubig. Er arbeitete hart, um Augustinus die bestmögliche Ausbildung in Rhetorik zu verschaffen und war nur bedacht auf sein äußeres Fortkommen. Augustinus selbst beschreibt seine Jugend folgend: Als ich zum Mann geworden war, war ich von übermäßiger Gier nach den Vergnügungen der Hölle entflammt…… Meine Familie unternahm nichts, um mich vor diesem Fall durch eine Ehe zu retten. Es ging ihnen einzig darum, dass ich gut zu reden und andere mit Worten zu überzeugen lernte. Besonders von seinem Vater sagte er, dass er sich überhaupt keine Gedanken machte, wie ich in Deinen Augen (Oh Gott) aufwuchs, oder ob ich züchtig war oder nicht, ihm ging es nur darum, ich möge eine produktive Zunge bekommen. Seine Mutter war gläubig und betete viel für ihn: Bevor er nach Karthago ging, um dort 3 Jahre lang zu studieren warnte ihn seine Mutter ernstlich, nicht Hurerei zu treiben, und vor allem keines Mannes Frau zu verführen. „Ich ging nach Karthago, wo ich mich in einem brodelnden Kessel der Lust wiederfand—- Was mir wirklich fehlte, warst Du, mein Gott, der Du die Nahrung der Seele bist. Ich fühlte aber diesen Hunger nicht. Ich war bereit zu stehlen, und ich stahl, obwohl mich kein Mangel dazu zwang. Ich war der Beste in der Rhetorikschule. Ich freute mich meiner Vorrangstellung und war voller Einbildung… Es war mein Ziel, ein guter Redner zu sein, nur zu dem unheiligen und geistlosen Zweck, menschlicher Eitelkeit zu gefallen.“ In Karthago nahm er sich eine Konkubine, lebte mit dieser Frau fünfzehn Jahre zusammen und hatte einen Sohn mit ihr, Adeodatus. Augustinus war bis zu seinem einunddreißigsten Lebensjahr ein lasterhafter Mensch und lebte danach bis zu seinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr zölibatär. Doch seine Bekehrung geschah nicht so plötzlich, wie oft angenommen wird.

Als er im Alter von 19 Jahren in dem „Dampfkessel“ von Karthago war, voller Selbstdünkel und ganz und gar den sexuellen Vergnügungen ergeben, las er Ciceros Hortensius, der ihn zum ersten Mal wegen seines Inhalts und nicht nur wegen seiner rhetorischen Form gefangen nahm. Hortensius erhob das Suchen nach Weisheit und Wahrheit über alles physisches Vergnügen. Das veränderte sein Lesen und Denken. Von da an ging es ihm mehr um die Wahrheit als um den Stil, was zu keiner Zeit etwas Negatives ist. Das führte ihn aber noch nicht wirklich zu Gott, er suchte noch bei vielen anderen Philosophen, die es ihm zeitweise angetan hatten. Unter anderem entdeckte er die Schriften des Plotinus, eines Neo-Platonikers, der 270 gestorben war. Für Augustinus Platonismus war die biblische Lehre, dass das Wort Fleisch wurde, ein Ärgernis. Das änderte sich, als er in Mailand den Predigten des Ambrosius folgte. Er pflegte wochenlang diesen Predigten des Ambrosius zu lauschen. Ich war ganz Ohr, um seine ausdrucksvollen Reden in mich aufzunehmen, ich begann auch die Wahrheit dessen zu begreifen, was er sagte, wenn auch nur teilweise. Ich brannte von Liebe und Furcht gleichzeitig. Ich begriff, dass ich weit von dir, Oh Gott, entfernt war und von weit her hörte ich Deine Stimme, die sagte: Ich bin Gott, der da IST. Ich vernahm deine Stimme, wie wir Stimmen hören, die zu unserem Herzen sprechen, und plötzlich hatte ich keinen Grund zum Zweifeln mehr. Doch diese Erfahrung war noch keine echte Bekehrung. Von Augustinus lernen wir ganz praktisch und konkret was Bekehrung im Leben bedeutet, worum es bei Bekehrung geht und wie sie sich auswirkt. Allein Erfahrungen mit Gott zu machen sind nicht immer gleichzusetzen mit Bekehrung. Augustinus sagte: ich war erstaunt, dass obwohl ich Dich liebte… ich nicht im Genuss meines Gottes blieb.

Diese Deine Liebe zog mich zu Dir, aber bald war ich durch mein eigenes Gewicht von Dir abgezogen und tauchte wieder unter in den Dingen dieser Welt…. Obwohl ich den Duft Deiner Speise empfunden hatte, war ich nicht in der Lage, davon zu essen. Diese eher poetisch klingenden Aussagen, zeugen von einem inneren Kampf, den wohl jeder kennt, welcher Kind Gottes ist und durch die vollkommene Liebe Jesu ein vor Gott gehorsames und ihm wohlgefälliges Leben führen möchte. Paulus beschreibt es folgend: Römer 7,15: Was ich bewirke, begreife ich nicht; denn nicht, was ich will, treibe ich voran, sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber gerade das tue, was ich nicht will, gestehe ich dem Gesetz zu, dass es Recht hat. Dann aber bin nicht mehr ich es, der handelt, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß: In mir, das heißt in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes. Denn das Wollen liegt in meiner Hand, das Vollbringen des Rechten und Guten aber nicht. Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das treibe ich voran. Wenn ich aber gerade das tue, was ich selbst nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der handelt, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Ich entdecke also folgende Gesetzmäßigkeit: Dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse naheliegt. In meinem Innern freue ich mich am Gesetz Gottes, in meinen Gliedern aber nehme ich ein anderes Gesetz wahr, das Krieg führt gegen das Gesetz meiner Vernunft und mich gefangen nimmt durch das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten aus diesem Todesleib!!??

Augustinus suchte tief im Inneren nach Frieden mit Gott und fand diesen auch in der Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus: Du hast uns für Dich erschaffen, und unsere Herzen finden keinen Frieden, bis sie in Dir ruhen. Diese Ruhe fand Augustinus in Jesus Christus und seinem Wort, dann aber entdeckte er in seinem Leben, dass ihn der Alltag, die Begierden dieser Welt, die Lust dieser Welt immer wieder aus der täglichen Beziehung mit Gott warfen. Er erkannte dabei, dass er selbst sein größter Feind war und nicht unbedingt die Umstände oder die Menschen, die ihn natürlich auch von Gott abbringen wollten. Er aber wollte von Herzen im GENUSS SEINES GOTTES bleiben. Er erkannte, dass eine Gottesbeziehung zu leben nicht in erster Linie ist, Gebote zu halten, Gott zu dienen nur um nicht bestraft zu werden, ein gehorsamer Knecht Gottes zu sein, sein Kreuz auf sich zu nehmen: das gehört zur Nachfolge alles dazu, aber das Wesentliche am Glauben an den einen Gott ist: im Genuss des allmächtigen Gottes zu bleiben: glücklich, wirklich glücklich ist nur der, sagte Augustinus, der Gott kennt. Das größte am Glauben ist Gott, der Allmächtige und gnädige Gott, selbst: Mein Glück aber ist es, Gott nahe zu sein; bei Gott dem Herrn habe ich meine Zuflucht. Psalm 73, 28.

Augustinus bezeichnete dieses Streben nach Gott in seinem Leben eben als Genuss seines Gottes. So wie man eine Speise genießt, das Zusammensein mit seinen Lieben, die Schönheit der Schöpfung, ein Hobby, Sport, Kultur, Musik und vieles mehr im Leben genießt: alles, was Gott geschaffen hat, dürfen wir mit dankbarem Herzen annehmen und genießen, aber das größte von allem ist: Gott, der da IST, zu genießen. Diese frohe Botschaft ist nicht zeitgebunden, sondern gilt für alle Jahrhunderte, für alle Generationen, für alle, die Gott suchen: genießt es Gott zu kennen, freut euch darüber. Warum aber ist es nicht immer so einfach mit dem Herzen zu erleben, was wir mit dem Kopf glauben? Augustinus fasste von nun an das Trachten seines Lebens als das Trachten nach einem festen unerschütterlichen Genuss seines Gottes auf: das bedeutete für ihn und vielleicht für viele von uns auch zunächst einen inneren Kampf, denn er wusste, dass er jetzt von diesem Genuss seines Gottes nicht durch etwas Intellektuelles abgehalten wurde, sondern durch seine sexuellen Begierden. Wir wissen, dass uns Sünde von Gott trennt, genauso wissen wir, dass Jesus alle Sünden am Kreuz bezahlt hat, aber wir unterschätzen oft die Macht der Sünde, die auch uns als Kinder Gottes gefangen halten kann und unsere Beziehung zu Gott stört. Augustinus hat dies erkannt: ich wurde immer noch in den Fesseln der Frauenliebe gehalten, bekennt er selbst. Daher ging es in dem Kampf um die Art des Vergnügens, das in seinem Leben triumphieren sollte.

Ich begann nach einem Mittel zu suchen, das mir Kraft verlieh, mich mehr an Dir, Gott, zu erfreuen.

Er fragte sich: wie bekomme ich die Kraft, Gott mehr als den Sex zu lieben: wie bekomme ich die Kraft Gott mehr zu lieben als alle Arten und Schattierungen von Sünde? Aber ich konnte dieses Mittel nicht entdecken, bis ich den Mittler zwischen Gott und den Menschen umklammerte, Jesus Christus. Für Augustinus begann ein innerer Kampf gegen die Sünde. Diesen Kampf gegen die Sünde in uns, ist uns heute oft nicht mehr so präsent, weil wir Sünde nicht mehr als Sünde erkennen und nicht oder oft zu spät erfahren müssen, dass Sünde uns, unsere Lieben und unser Leben zerstört, sowohl in diesem Leben und auch bis in die Ewigkeit hinein. Augustinus wurde von seiner eigenen tierischen Kettung an die Lust gequält, und hat erlebt, dass andere frei und heilig in Christus waren: so sah es jedenfalls Augustinus. Diesen Kampf beschrieb er folgend: „Ich merkte, wie ich durch den Tumult in meiner Brust getrieben wurde, in dem Garten Zuflucht zu suchen, wo niemand den grausamen Kampf unterbrechen konnte, in dem ich mein eigener Gegner war… Ich war außer mir vor Irresein, das mir Heilung bringen sollte. Ich starb einen Tod, der mir Leben bringen sollte. Ich war rasend, von schrecklichem Zorn gegen mich selbst übermannt, dass ich Deinen Willen nicht annehmen und in Deinen Bund treten konnte… Ich raufte mir die Haare und hämmerte mit den Fäusten gegen meine Stirn…“ Dabei begann er immer deutlicher zu sehen, dass der Gewinn viel größer als der Verlust war, und durch ein Wunder der Gnade fing er an, die Schönheit des Reinseins in Christi Gegenwart zu erkennen. Was mich abhielt, diese Schönheit in Christus voll zu leben und zu erleben waren nur Nichtigkeiten…. Sie zupften an meinem Kleid und flüsterten: Willst du uns fortschicken? Von da an werden wir nie mehr bei dir sein für alle Ewigkeiten. So ging es jetzt um den Kampf zwischen dem Leben in der Beziehung zu dem Gott der Gnade und Wahrheit und den Nichtigkeiten, die an seinem Fleisch zerrten. „In meinem Elend hörte ich nicht auf zu schreien. Wie lange soll ich fortfahren und morgen, morgen sagen? Warum nicht jetzt? Warum nicht in diesem Augenblick Schluss mit meinen ekligen Sünden machen? Plötzlich hörte ich eine Kinderstimme nahe bei dem Hause singen: Nimm und lies! Nimm und lies!“ So ein Lied mit diesem Inhalt gab es aber nicht, deshalb erkannte Augustinus dies als Befehl Gottes und nahm das Buch mit dem Brief des Paulus an die Römer und las: Römer 13,13-14: Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.

„Plötzlich als ich an das Ende dieses Satzes gekommen war, war es als flutete das Licht des Vertrauens in mein Herz, und alle Dunkelheit, aller Zweifel war gewichen“ (Augustinus). So hat Gott für jeden ein passendes Wort: es ist aber wichtig sein Wort zu lesen, um Gottes Antwort zu bekommen und seine Gnade und Wahrheit verstehen zu können. Die Erfahrung der göttlichen Gnade bei seiner eigenen Bekehrung führte Augustinus zu seiner Theologie der Gnade und das ist das Verständnis von Gnade: Gnade ist, dass Gott uns souveräne Freude gibt, die über die Freude der Sünde triumphiert. Mit anderen Worten: Gott wirkt tief im menschlichen Herzen, um den Sinn für Freude so umzuwandeln, dass wir Gott mehr lieben als Sex, Macht, Geld oder vielleicht sogar uns selbst oder irgendetwas anderes. Jesus sagt: Johannes-Evangelium Kap. 15,11: das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. Das geschieht in gegenseitiger Liebe: das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.

Gott zu lieben heißt, so zufrieden in Gott und so angetan von allem zu sein, was er für uns ist, dass auch seine Gebote aufhören, uns Mühe zu machen und dass die Umstände, in denen wir leben und die Menschen, auch die, die uns Not machen und Leid bringen, uns nicht die Freude am Herrn nehmen können. Ja, dass die Freude am Herrn zu unserer Stärke wird: Nehemia 8,10: seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke. Das ist also keine neue Theologie, sondern eine Erkenntnis des Glaubens, dass Gott uns Freude bereitet will, egal in welcher Lebenssituation wir sind: Habakuk war am Ende seiner Fragen und Klagen über das Unglück dieser Welt überzeugt: Hab. 3,18: …aber ich will mich freuen des Herrn und fröhlich sein in Gott, meinem Heil. Paulus, dessen Briefe Augustinus ausgiebig studierte, schrieb an die Philipper: Freut euch und abermals sage ich euch freuet euch, eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! Augustinus erkannte das und hat diese Gnade der Freude in den Alltag gebracht. Ich denke auch wir haben es bitter nötig uns von Augustinus ermutigen zu lassen, die Wurzel allen christlichen Lebens in der triumphierenden Freude an Gott wiederzuentdecken, die die Souveränität der Trägheit und der Lust und der Habgier in unserem Leben entthront.

John Piper schreibt in seinem Buch überwältigt von Gnade über Augustinus unter anderem Folgendes: Das ganze Leben eines wahren Christen ist ein heiliges Verlangen. Mit anderen Worten: der Schlüssel zum Christenleben ist ein Hunger und Durst nach Gott: denn in dir ist die Quelle des Lebens, und in Deinem Licht sehen sie das Licht. Und einer der Hauptgründe, warum die Menschen die Souveränität der Gnade nicht verstehen oder erleben, wie sie durch das Erwecken souveräner Freude wirkt, liegt darin, dass ihr Hunger und Durst nach Gott so gering ist. Das übergroße Verlangen, in Anbetung und Heiligkeit hingerissen zu werden, bleibt ihnen unverständlich. Augustinus selbst sagt dazu: zeige mir einen Liebenden: er weiß, wovon ich rede, zeige mir einen, der sich sehnt, einen, den hungert, zeige mir einen fern in der Wüste, der durstig ist nach der Quelle des Ewigen Landes. Zeige mir solch einen Menschen: er weiß, was ich meine. Doch spreche ich zu einem kalten Menschen, so versteht er überhaupt nicht, wovon ich rede.

Diese Worte von Augustinus sollten unsere Herzen brennend machen, entzündet durch ein erneuertes Verlangen nach Gott. Sie sollen auch zeigen, warum das bei anderen nicht so ist: Sie lassen sich einfach treiben. Sie sind nicht nur gegenüber der Herrlichkeit Christi im Evangelium kalt, sondern gegenüber allem. Selbst ihre Sünden, so John Piper, begehen sie lässig anstatt mit Leidenschaft. Dabei ist Gott bestrebt in allen Dingen uns ein erfülltes Leben der Freude, des glücklich seins und des inneren Friedens zu geben: ich weiß wohl was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides Jeremia 29,11.

So will uns Gott mit seiner Gnade beschenken, doch von der Seite des Menschen geschieht dieser Friede mit Gott durch Gebet und durch den Glauben an die Offenbarung Gottes in seinem Wort und seinen Sohn Jesus Christus. Deshalb hat Augustinus seine ganzen Bekenntnisse, 350 Seiten insgesamt, in Form eines Gebetes geschrieben…. Auch seine Mutter Monika betete und flehte für ihn, als er für sich nicht bitten wollte. Wer nicht aus noch ein weiß, wer wissen will was Leben ist, was Wahrheit ist, wer die Freude der Gnade Gottes erleben will, Antwort auf Fragen wie woher/wohin der Mensch kommt und geht der bete, flehe und bitte Gott um Weisheit. Jakobus 1,5: Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er den ewigen Gott, der jedermann gern gibt und niemanden schilt; so wird sie ihm gegeben werden.

Ich selbst habe vor meinem Glauben an Jesus Christus Gott gebeten er möge mir Gewissheit geben, ob die frohe Botschaft von Jesus Christus wirklich Wahrheit ist. Gott hat mir im Herzen durch sein Wort geantwortet: mein Wort ist Wahrheit. Von diesem Zeitpunkt habe ich nie mehr, trotz vieler Fehler, die ich in meinem Leben gemacht habe, daran gezweifelt: sein Wort ist Wahrheit. Augustinus hat vor allem im Gebet gerungen, dass die Freude an Gott größer ist, als alles andere und hat erfahren: Gebet ist der Pfad zur Fülle der souveränen Freude. Die Antwort der Gebete der Mutter war seine Bekehrung und die Freude der Mutter war überaus groß. Gott erhört Gebete zu seiner Zeit nach seinem Willen und das ist gut so, denn Gott allein weiß, was wir bedürfen und wonach sich unser Herz sehnt.

Augustinus wollte dieses Erleben der Freude in Jesus Christus nicht für sich behalten, sondern war darauf bedacht diese frohe Botschaft in aller Demut und Einfachheit seines Lebens seinen Mitmenschen zu vermitteln. Sein Eifer für die Seelen der Menschen war darauf gerichtet, sie die Schönheit Gottes sehen und ihn lieben zu lassen. Seine Botschaft an uns: „Wenn du deine Wonne an Seelen hast, liebe sie in Gott …. und ziehe so viele du kannst mit dir zu ihm. Du selbst seiest ihre Freude…“ Nur wenige haben in der Kirchengeschichte Augustinus darin übertroffen, die Großartigkeit und Schönheit und das Begehrenswerte an Gott darzustellen. Er war durch die Heilige Schrift und seine Erfahrung völlig davon überzeugt, dass nur derjenige wirklich glücklich ist, der Gott kennt. Deshalb wollte er mit aller Kraft dafür wirken, dass dieser Gott der souveränen Gnade und souveränen Freude in der Welt bekannt gemacht und geliebt wird. Was ihm widerfahren ist, können andere auch erleben; denn alle Menschenherzen stimmen darin überein, dass sie glücklich sein wollen. Sie mögen alle auf verschiedenen Wegen danach suchen aber alle tun ihr Bestes dasselbe Ziel zu erreichen und dieses Ziel ist die Freude am Leben. Dies ist in jedem Zeitalter, jeder Generation und jedem Volk eine breite gemeinsame Grundlage für die Evangelisation, davon ist Augustinus überzeugt. Vielleicht hat er mit manchen Dingen in seinem Leben übertrieben, wie z.B. seiner Askese oder der Ehelosigkeit, aber das war ja seine persönliche Entscheidung und diese hat er niemand aufgedrängt. Für Augustinus war die Nähe und die Liebe Gottes an die erste Stelle getreten. Gott hat uns viele schöne und gute Dinge in der Schöpfung gegeben, die wir genießen können, genauso wie wir die Gemeinschaft mit unseren Freunden und Lieben genießen, uns mit unserem Ehepartner und unseren Kindern freuen können, an dem was uns an wunderbaren Dingen des Lebens gegeben ist, aber das größte ist eben Gott selbst zu kennen und uns an ihm zu erfreuen. Er bringt dies an einem einfachen Beispiel zum Ausdruck: Stellt euch vor, Brüder, ein Mann würde für seine Verlobte einen Ring machen, und sie würde den Ring inniger lieben als den, der ihn für sie gemacht hat…. Natürlich soll sie seine Gabe lieben; doch, wenn sie sagte: Der Ring reicht mir. Ich will sein Angesicht nicht wiedersehen, was würden wir von ihr halten?

Dieser Klang souveräner, triumphierender Freude fehlt bei allzu vielen Christen in Glauben und Gottesdienst und vor allem im Alltag des Lebens. Oft auch verständlich, da die meisten von uns vieles zu bewältigen haben was Arbeit, Beruf, Ehe, Familie, Persönliches usw. betrifft. Wir sollten uns selbst die Frage erlauben, ob es vielleicht daher kommt warum wir den Triumph der souveränen Freude in unserem Leben nicht erfahren, weil wir Gott nicht so wichtig und ernst nehmen, wie unser eigenes Leben oder die Dinge, die unser Leben ausmachen oder wonach wir im Leben streben, was wir alles erreichen wollen usw. wichtiger sind und Gott nur so nebenbei in unserem Leben da ist. Es ist nicht gut für uns Gott ins Abseits zu stellen, denn dann kann es uns ergehen wie Augustinus, dass wir dermaßen an die Vergnügungen dieser Welt gekettet sind, sodass wir trotz unseres Redens von der Herrlichkeit Gottes Fernsehen, Computer und Vergnügungen, Nahrung, Gesundheit, Wohlstand und Sex, Geld, menschliche Anerkennung und Karriere usw. genauso lieben wie alle anderen auch! Es ist aber gut für uns, wenn wir Gott, den ewig Seienden mit einbeziehen in unser Leben und ihm in aller Demut unsere Sünden und Schwachheiten bekennen und lassen, und Jesus bitten Herr unseres Lebens zu sein: er allein gibt uns Kraft zu einem Leben des Friedens und der Freude. Das will uns Augustinus vermitteln und noch mehr: wer sich ganz auf Gott und seine frohe Botschaft einlässt, kann erfahren was Augustinus ausspricht: „Wie wunderbar war plötzlich alles für mich: ich war die fruchtlosen Vergnügungen los, die ich einst zu verlieren fürchtete! Du triebst sie von mir fort, du der du die wahre, souveräne Freude bist. Du o Herr, mein Gott, mein Licht, mein Reichtum und mein Heil.“

Gewähre mir, o Gott, in dem Vermächtnis der souveränen Freude leben zu dürfen.“

Augustinus bekannte wiederholt, dass die souveräne Gnade Gottes ein Geheimnis ist, das wir nicht verstehen können. Oft zitierte er die Worte des Apostels Paulus: O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind seine Gerichte und unausspürbar seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Mitberater gewesen? Oder wer hat ihm zuvor gegeben, und es wird ihm vergolten werden? Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen Röm. 11, 33.36.

So können wir die Gnade Gottes nicht mit dem Verstand wirklich verstehen, sondern einfach im Glauben annehmen und Gott beschenkt uns mit seinem Frieden und seiner Freude.

Augustinus und Pelagius

Augustinus war also fest davon überzeugt durch den Glauben an das apostolische Wort und seine Erfahrung im Leben nach seiner Bekehrung, dass die Gnade Gottes über alles steht und diese Gnade ist Erwählung von oben. Gott, der Schöpfer hat uns erwählt, nicht wir. Wir können diese Gnade einfach als Geschenk annehmen. Augustinus hatte über das Thema Erwählung oder freier Wille mit dem in Rom lebenden englischen Mönch einen regen theologischen Austausch. Dieser theologische Austausch ist für die Geschichte der Kirche und auch für uns heute zum Verständnis der Gnade gut zu kennen und vor allem zu verstehen. Es erstaunt, dass dieses Thema bereits bei Augustinus auftaucht, obwohl es viele in die Zeit der Reformation einordnen würden. Wir sehen wie zu augustinischer Zeit schon Kontroversen ausgetragen und diskutiert wurden, ohne den anderen gleich zu verfolgen und zu töten, wie es später geschah, aber auch ohne Kompromisse im Fundament des Glaubens einzugehen, wie es heute oft geschieht. Augustinus war jedenfalls nicht bereit dazu. Im Buch Einig in der Wahrheit in dem es um grundlegende Kontroversen in der Geschichte des Christentums geht schreibt Erwin W. Lutzer etwas provokant: Unsere Zeit hat wenig Verständnis für ernsthafte theologische Reflexion; in einer Zeit billiger Gnade und poppiger Evangelisation sehen die Probleme von Erwählung oder freiem Willen aus wie Haarspaltereien. Die tiefgründigsten Theologen der Kirchengeschichte, angefangen von Augustinus bis Luther und weiter haben das ganz anders bewertet: „Wie einer diese Frage beantwortet, zeigte ihnen, ob er das Evangelium überhaupt verstanden hatte.“

Das Ganze begann, als ein britischer Mönch Namens Pelagius sich gegen eine Aussage des Kirchenlehrers Augustinus wandte, der im nordafrikanischen Hippo lebte und wirkte. Dieses Thema ist aus folgendem Grund fundamental für die Errettung in Christus: Augustinus war sich seiner Sündhaftigkeit zutiefst bewusst. Im Wissen, dass er vor Gott vollständig hilflos war, rief er zu ihm: „Gib, was du befiehlst, und dann befiehl was du willst…“ Damit wollte Augustinus sagen, dass Gott ihm zuerst alles geben müsse, bevor er etwas von ihm forderte. Er wusste sich selbst so hoffnungslos an die Sünde gebunden, dass er aus sich nicht das Geringste der Gebote Gottes halten konnte. Ohne mich (Jesus Christus) könnt ihr nichts tun.

Pelagius, der britische Mönch, kannte kein solches Empfinden der Hilflosigkeit. Er war ein disziplinierter Schüler der griechischen Theologen und er glaubte, dass der Mensch sich mit dem Beistand Gottes bessern könne, also einfach ein besserer Mensch werden kann. Der Gedanke ist auch heute unter Christen verbreitet. Er interpretierte die Paulinischen Briefe eigenständig: seine Lehre war, dass der Mensch fähig sei, jedes Gebot zu halten, das Gott ihm auferlegt. Der Eckstein von Pelagius Theorie war eben die Freiheit des Willens. Damit meinte er nicht jene Freiheit, die wir haben, wenn wir entscheiden, ob wir zum Frühstück Tee oder Kaffee trinken wollen. Wenn der Mensch vor der Wahl steht, ob er sündigen wolle oder nicht, kann er sich frei für das eine oder andere entscheiden. Der Mensch hat jederzeit die absolut gleichwertige Fähigkeit, das Böse oder das Gute zu tun. Der Mensch könne daher sündlos leben, wenn er es wollte. Unter anderem lehrte er, dass das Gesetz genauso zum Himmelreich führt, wie das Evangelium. Schon vor dem Tod Christi gab es sündlose Menschen. Pelagius glaubte nicht, dass Gott in das Leben eines Menschen direkt eingreifen müsse, um ihn zu retten. Er lehrte, dass die natürliche Fähigkeit des Menschen, die Gebote zu halten, schon ein Ausdruck von Gottes Gnade sei. So manifestiert sich Gottes Gnade, nach Pelagius, unter Wahrung der schlichten Freiheit des Menschen sich für oder gegen die Sünde zu entscheiden. In vielen Fällen, so Pelagius, werden Menschen erwachsen und leben ohne Sünde und wenn sie sündigen, können sie sich zu Gott bekehren, Vergebung erlangen und fortan seine Gebote vollkommen befolgen. Vielleicht ein bisschen so wie wir heute sagen hören: ich habe ja niemand umgebracht und halte die 10 Gebote. Gewisse Menschen, meint Pelagius, müssten nicht das Gebet des Herrn sprechen: vergib uns unsere Schulden. Sie können offensichtlich ohne das Evangelium errettet werden, da sie das Gesetz ganz halten könnten. Auf diese Weise wurde die Notwendigkeit der Gnade als eine übernatürliche Gabe geleugnet. Während also der Schlachtruf des Pelagius lautete: Ich sollte, darum vermag ich; rief Augustinus verzweifelt: Ich sollte, aber ich vermag nicht. Warum befiehlt Gott Sündern Dinge zu tun, die sie nicht tun können? (meint Pelagius). Gott befiehlt uns Gebote, die wir nicht tun können, damit wir begreifen, dass wir es von ihm erbeten müssen und allein auf die Gnade angewiesen sind: so die Argumentation des Augustinus. Diese Lehre des Pelagius ist noch nach ihm über Jahrhunderte mit in die Lehre der Kirche eingeflossen, hat sich sogar durch die Vertiefung der Sakramente erweitert bis hin zur Reformation, ja bis heute. Sie ist eindeutig gegen die Aussagen des Wortes Gottes, die sagen, dass alle Menschen Sünder sind: Rö. 3,23- 24: denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und spiegeln nicht mehr die Herrlichkeit wider, die Gott dem Menschen ursprünglich verliehen hatte.

Ein Mann kam zu Jesus und fragte: Meister was muss ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe? Jesus antwortete: halte die Gebote. Diese habe ich von meiner Jugend an gehalten, beteuerte der junge Mann. Dann geh hin verkauf alles, was du hast, gib es den Armen und folge mir nach. Das vermochte der junge Mann nicht zu tun, da er viele Güter hatte und daran hing. Jesus wies darauf hin, dass es für einen Menschen unmöglich ist durch eigene Werke in den Himmel zu kommen, weil er seine Sicherheit und sein ganzes Leben eben auf seinen Reichtum oder seine eigenen Taten und Werke setzt…. Und das worauf ein Mensch in seinem Leben baut, ist sein Gott. Darauf fragten die Jünger Jesus, die entsetzt darüber waren: ja wer kann denn dann gerettet werden? Und Jesus antwortete: Bei den Menschen ist`s unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich. Rettung kommt allein von oben. Augustinus hat dies bezeugt: er selbst hat sowohl die tiefste Verzweiflung über die Macht und Schuld der Sünde erfahren als auch die höchste Freude der Vergebung. Darum war seine erste Aussage: zu dir hin schufst du uns und ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir und glücklich, wirklich glücklich ist nur der, der Gott hat.

Augustinus und die Kirche

In der Zeit, in der Augustinus lebte, geschah, wie schon erwähnt, der Niedergang des Weströmischen Reiches. Dieser Niedergang war es, der ihn veranlasste, sein berühmtes Buch „Der Gottesstaat“ zu schreiben. Der volle Titel macht seinen Zweck klar: Obwohl der größte Staat der Welt gefallen ist, bleibt doch Gottes Reich für immer. Aber seine Ansicht darüber, was Reich Gottes ist, führte ihn zu Lehren über die Gemeinde Jesu, die Ursache unsagbarer Not wurden. (E.H. Brodbent). Die tatsächliche Größe seines Namens unterstreicht nur noch die leidvollen Folgen des Irrtums, den er über das Thema Kirche lehrte. Er war es neben anderen, der den Leitsatz aufstellte, das Heil gebe es allein durch die Kirche mittels ihrer Sakramente. Das Heil, so im Buch 2000 Jahre Gemeinde Jesu, aus den Händen des Heilands nehmen und in die Hände von Menschen legen, ein von Menschen erdachtes System zwischen den Erretter und den Sünder schieben, widerspricht ganz und gar der Offenbarung des Evangeliums. Christus sagt: Kommt her zu mir, und kein Priester, keine Kirche hat die Vollmacht als Mittler aufzutreten.

Augustinus verlor, so Broatbent, in seinem Streben nach Einheit der Kirche und in seiner ehrlichen Abneigung gegen jede Abweichung in der Lehre und jeden Unterschied in der Form, den Blick für die geistliche, lebendige, unzerstörbare Einheit der Kirche, des Leibes Christi, die alle umfasst, welche durch die Wiedergeburt Teilhaber des göttlichen Lebens sind. Infolgedessen sah er nicht die praktische Möglichkeit der Existenz von Gemeinden Gottes an verschiedenen Orten und zu allen Zeiten, von denen jede in unmittelbarer Verbindung mit dem Herrn und dem Geist steht, die aber doch miteinander Gemeinschaft haben, und dies trotz menschlicher Schwäche, trotz unterschiedlicher Erkenntnisgrade, trotz voneinander abweichender Schriftauffassung und Verschiedenheiten in der Praxis. Er bemühte sich sehr, in guter Absicht, die Kirche nach außen und organisatorisch zu einer sichtbaren Einheit zu bringen. Dazu suchte er aber auch nach äußeren, materiellen Mitteln diese sichtbare Einheit zu bewahren oder gar zu erzwingen. Das entspricht im Grunde nicht seiner Auffassung von einer allumfassenden Gnade, die seine persönliche Beziehung zu Gott prägte.

Er lehrte zwar, dass es besser ist die Menschen durch Belehrung zum Dienst Gottes zu bringen, statt dass man sie durch Furcht vor Strafe oder Pein dazu zwingt. Für viele aber sei es nach Augustinus durchaus von Nutzen, ja sogar notwendig zuerst durch Furcht oder sogar Strafe zum Glauben gezwungen zu werden. Dann kann man sie durch Belehrung in den Glauben des apostolischen Wortes einführen. Er war aus Erfahrung, wie Augustinus betont, zur Überzeugung gekommen, dass zwar die vorzuziehen sind, welche durch Liebe zurechtgebracht werden, aber es sind ganz sicher diejenigen zahlreicher, die durch Furcht dahin gelangen.

Augustinus war von Herzen überzeugt: wer könnte uns wohl mehr lieben als Christus, der sein Leben darlegte für die Schafe? Darum wollte Augustinus den Menschen, in sicher guter Absicht, die frohe Botschaft, wenn nötig auch aufzwingen, so in etwa: man muss den Menschen das Gute aufzwingen, wenn sie es nicht freiwillig wollen. Das funktionierte damals wie heute nicht. Er begründete diese beiden Methoden der Missionierung auch biblisch: nachdem Jesus Petrus und die anderen Apostel allein durch sein Reden zu sich gezogen hatte, überwältigte er bei der Berufung des Paulus diesen nicht nur durch seine Stimme, sondern er schmetterte ihn zu Boden durch seine Macht; und um einen, der in der Finsternis seines Unglaubens wütete, dahin zu bringen, dass er das Herzenslicht begehrte, schlug er ihn zuvor mit leiblicher Blindheit. Das war aber die souveräne Macht Gottes und ist nicht auf Menschen anwendbar. Augustinus folgerte aber daraus: warum sollte daher die Kirche nicht auch Gewalt anwenden, um ihre verlorenen Söhne zur Umkehr zu zwingen. Der Herr selbst sprach: Geh hinaus auf die Wege und an die Zäune und nötige sie, hereinzukommen. Wenn also daher die Gewalt, welche die Kirche durch göttliche Bestimmung zur rechten Zeit einsetzbar bekommen hat, das Mittel sein kann, durch das die auf den Wegen und an den Zäunen das sind die Ketzer und Abtrünnigen hereinzukommen genötigt werden, dann sollten diese nichts dagegen einzuwenden haben, dass sie gezwungen werden.

E.H.Broatbend schließt daraus: eine solche Lehre von einer solchen Autorität veranlasste und rechtfertigte jene Verfolgungsmethoden, durch die das päpstliche Rom in der Grausamkeit dem heidnischen Rom glich. Dies gilt aber nicht nur für die römische Kirche, sondern auch für Kirchen, die sich Gemeinde Jesu nennen, in der sich einzelne Gläubige oder als kirchliche Denomination sich von den biblischen Grundsätzen der gesunden Gemeindelehre entfernen. Paulus sagte den Ältesten der Gemeinde in Ephesus:

Auch aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die Verkehrtes lehren, um die Jünger an sich zu ziehen. Darum seid wachsam.

So wurde ein liebevoller, zart beseiteter Mann wie Augustinus, indem er, wenn auch in bester Absicht, von den Grundsätzen der Schrift abwich, in ein gewaltiges und unbarmherziges Verfolgungssystem mit hineingezogen.

Frühchristliche Hinweise in Tirol

In diese Zeit, nämlich ab dem 4. Jahrhundert finden sich bereits die ersten und wahrscheinlich auch ältesten Hinweise einer christlichen Verkündigung in Tirol.

Das Schloss Tirol, so in jeder Information über Schloss Tirol zu lesen, wurde in verschiedenen Bauphasen errichtet. Eine erste Anlage wurde im 11. Jahrhundert errichtet, im 12. Jahrhundert kam es zum Neubau des Südportals. Im 13. Jahrhundert wurde aufgestockt und erweitert. Interessant aber ist in Zusammenhang für frühchristliche Hinweise eine Kirchengrabung:

Über den Resten eines römerzeitlichen Gebäudes wurde eine erste frühchristliche Saalkirche errichtet. Um 600 wurde der Bau um eine Rundapsis erweitert, also bestand die Saalkirche schon früher. Zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert entstand daraus eine zweite Kirche mit drei Apsiden und einem westlichen Vorbau. Sie blieb bis ins frühe 11. Jahrhundert in Verwendung. Man fand darin bronzene Ohrringe, die aus einem Grab des 7/8 Jahrhundert stammen: in der Saalkirche mit Rundapsis wurde die beschriftete steinerne Grabplatte einer Lobecena albada, der weißgekleideten Lobecena geborgen, wohl eines im Kindesalter verstorbenen Mädchen, das im Taufkleid bestattet wurde. Also wurde auch bereits die Kindertaufe praktiziert.

Die Bestattungslage hinter der Chorschranke, die normalerweise nur den Geistlichen vorbehalten ist, weist auf den hohen Rang ihrer Familie hin. Vielleicht war Lobecena die Tochter eines langobardischen oder bajuwarischen Herrschers? Die Grabplatte der Lobecena ist im Tempel ausgestellt. 1994 wurde in der Kirche aus dem 5/6 Jahrhundert auf der Vorburg eine Reliquienkammer mit einem kleinen Marmor- Sarkophag entdeckt. Darin befand sich eine silberne, mit einem feuervergoldeten Kreuz versehene Reliquienpyxis, die drei in Seidengaze gehüllte Reliquienbeutelchen umschloss. Vieles spricht dafür, dass die Reliquien von den Missionaren Sisinius, Martyriue und Alexander stammen, die bereits nachweislich im Jahr 397 am Nonsberg das Martyrium erlitten. Da Missionare zur damaligen Zeit wohl eher das klare Evangelium verkündeten, könnten diese die apostolische Lehre nach Tirol gebracht haben. Warum sonst sollten die drei Missionare den Märtyrertot erlitten haben. Nach dieser Zeit begann auch der Reliquienkult (mehr dazu später), der oft auch den wahren Gläubigen im Nachhinein angedichtet wurde. Außerdem war es in der Baukunst üblich, so jedenfalls im Schloss Tirol, sich der romanischer Steinmetzkunst zu bedienen (Kapitelle um den Rittersaal zusammen mit den beiden Marmorportalen). Formal ist diese lombardischer Traditionen verpflichtet. Vielleicht kam die Verkündigung eben deshalb aus der Lombardei, wo schon das Evangelium klar verkündet wurde (Ambrosius). Aber solche Zusammenhänge waren für die kirchliche Tradition nicht erwähnenswert und können nach heutigen Erkenntnissen nicht sicher belegt werden.

Entwicklungen der Kirche im 4. und 5. Jahrhundert und ihr Einfluss bis heute:

Wir sehen in der Geschichte der Kirche in den folgenden Jahrhunderten bis hinauf zur Reformation und darüber hinaus, wie groß der Einfluss eines Einzelnen in der Geschichte des christlichen Denkens sein kann. Von Augustinus an verlaufen zwei theologische Ströme in die Theologie nachfolgender Jahrhunderte. Die Reformatoren, allen voran Luther und Calvin, zitierten ihn in übereinstimmender Weise, als sie ihre Heilslehre entfalteten, die im Mittelalter verlorengegangen war. Die römisch Katholischen zitieren Augustinus, um ihr Kirchenverständnis zu erhärten. Erwartungsgemäß verwarf aber die Kirche den Pelagianismus, aber der Augustinus wurde auch nicht ganz akzeptiert. Die menschliche Natur sträubt sich gegen den Gedanken, dass Gott darüber entscheidet, wer errettet wird und wer verloren bleibt. Man suchte daher eine vermittelnde Position zwischen Pelagius und Augustinus. Diese Kompromiss- bereitschaft, dass der Mensch auch seines bei tragen müsse durch Sakramente oder seine eigenen Werke, um das ewige Heil zu erlangen, ist uns in vielen christlichen Gemeinden und Kirchen bis heute erhalten geblieben, ja hat sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt und führt zu einer Einheit, die nicht die biblische Einheit der Gemeinde Jesu sein kann, da diese sich kompromisslos auf das Wort und die uns darin dargereichte Gnade gründet. Denn wenn die Gemeinde Jesu die Stellung aufgibt, die ihr Name andeutet – nämlich „herausgerufen“ zu sein aus der Welt und abgesondert für Christus – verliert sie die Kraft, die aus der Unterordnung unter den Herrn fließt, und tauscht sie ein gegen irdische Autorität, die ihr verhängnisvoll ist ( E.H.Broadbent).

Erwin E. Lutzer schreibt in seinem Buch Einig in der Wahrheit: Obwohl der Pelagianismus endgültig im Konzil von Arausio (dem heutigen Orange in Südfrankreich) im Jahr 529 verworfen wurde, setzte er sich durch und entspricht heute der Position der Römischen Kirche. Es ist auch die von vielen Evangelikalen vertretene Sicht, die sagt, es sei der Mensch und nicht Gott, der darüber entscheidet, ob jemand errettet werde oder nicht.

Die Debatte über Gnade und Wahrheit in diesem entscheidenden Thema, errettet allein aus Gnade oder auch durch Werke, wurde lange fortgeführt und hat in der Reformation wieder durch Luther und andere Reformatoren großes Aufsehen in kirchlichen Kreisen erregt. Durch die klare Aussage Luthers gerettet allein aus Gnade hat die Gemeinde Jesu in der Zeit der Reformation vielleicht ihren größten Triumph gefeiert, welcher ja dann auch auf Südtirol übergriff und auch hierzulande vieles bewegte. Aber das ist noch eine lange, bewegte Zeit bis dahin.

Die Entstehung neuer Lehrsysteme:

Die Gemeinde Christi wurde in der Folge nach Augustinus nicht nur von heftigen äußeren Verfolgungen und von den Verführungen irdischer Gewalt betroffen, sondern auch von den Angriffen falscher Lehren. Vom dritten bis zum fünften Jahrhundert entwickelten sich nach E.H. Broadbent vier derartige Lehrsysteme von so grundlegender Bedeutung, dass ihr Einfluss auf Kirche und Welt nie aufgehört hat. Es ging:

  1. im Wesentlichen darum den Menschen als Krone der Schöpfung zu sehen, wie es in der Schrift steht, jedoch nach griechischer Philosophie ihn zweigeteilt zu verstehen, wobei der Körper das Böse ist, geschaffen von einer bösen Macht und nur der Geist sei Schöpfung Gottes. Darüber wurde
  2. die Göttlichkeit Jesu von verschiedenen Seiten geleugnet.
  3. Das Heil kann vom Menschen durch eigene Entscheidung sündlos zu leben erreicht werden und es bedarf also nicht unbedingt allein der Gnade Gottes dafür (Pelagius). Dann verstärkte sich in diesen zwei Jahrhunderten der
  4. Sakramentalismus: Er lässt das Heil nur in der Kirche mittels ihrer Sakramente, die von ihren Priestern verwaltet werden, finden. Diese Lehre galt für die katholische Kirche, aber im Buch 2000 Jahr Gemeinde Jesu betont E.H. Broadbent: diesen Anspruch, man kann schon von Dogma sprechen, übertrugen und übertragen noch heute viele andere größere oder kleinere Kirchensysteme auf sich selbst.

Und doch wird vom Herrn und den Aposteln nichts klarer und eindringlicher gelehrt, als dass die Errettung des Sünders allein durch den Glauben an den Sohn Gottes, an seinen Sühnetod und seine Auferstehung geschieht.

Das Mönchtum.

Der geistliche Niedergang der Kirchen, ihr Abweichen vom Muster des Neuen Testaments, die daraus folgende zunehmende Verweltlichung, die Unterordnung unter ein menschliches System und die Duldung oder Verharmlosung der Sünde riefen nicht nur Bestrebungen zur Reform der Kirchen oder zur Gründung reformierter Kirchen hervor, wie z. B. Die Montanisten (oben erwähnt) oder Donatisten (von außerhalb dieser Gemeinden nach ihrem Lehrmeister so benannt) und viele andere. Es führte aber auch einzelne Menschen, die nach Heiligkeit und Gemeinschaft

mit Gott strebten, dazu, sich von jedem Verkehr mit Menschen zurückzuziehen. Es entstand das Mönchtum. Zunächst waren es einzelne, die sich an öde Orte zurückzogen und als Einsiedler lebten, um so, von den Ablenkungen und Versuchungen des normalen Lebens frei, durch Meditation jene Schau und Erkenntnis Gottes zu erlangen, nach der ihre Seelen sich sehnten. Beeinflusst von der weitverbreiteten Lehre, die Materie sei böse, rechneten sie damit, durch eine äußerst bescheidene Lebensweise und asketische Übungen die Hindernisse zu besiegen, die, wie sie meinten, der Körper dem geistlichen Leben bietet.

Als dem Papst von Rom Schritt für Schritt gelang die „Kirche“ zu beherrschen und die Päpste in der Folge um irdische Macht intrigierten und kämpften, zog das Mönchtum viele von denen an, die geistlich gesinnt waren und ein Verlangen nach Gott und Heiligkeit hatten. Ein Kloster unterscheidet sich aber weitgehend von einer Gemeinde im neutestamentlichen Sinn des Wortes, und so fanden die Seelen, die sich gedrängt fühlten, der verweltlichten, römischen Kirche zu entfliehen, im Kloster nicht das, was eine echte Gemeinde ihnen geboten hätte. Sie waren an die Regeln eines Ordens gebunden, statt das freie Wirken des Heiligen Geistes zu erfahren. Eine Tatsache, in der auch heute viele Gemeinden Jesu hineinschlittern, wenn die Organisation wichtiger wird, als die Wirkung des Heiligen Geistes. Die verschiedenen Mönchsorden, die entstanden, nahmen fast alle die gleiche Entwicklung. Sie begannen in Armut und strengster Selbstverleugnung, wurden reich und mächtig, lockerten die Zucht und wuchsen in der Zügellosigkeit und Verweltlichung. Dann veranlasste eine Gegenbewegung einzelne zur Gründung eines neuen Ordnens in absoluter Selbsthingabe, der wiederum in den gleichen Kreislauf hineingezogen wurde.

Das zeitlose Fundament der Gemeinde Jesu:

Jede Zeit, ja jede Generation entwickelt ihre eigenen Wege das Leben insgesamt und das Glaubensleben im Besonderen zu gestalten und eigene Ziele zu verwirklichen. Unsere Zeit ist da viel schnelllebiger und innovativer in allen Bereichen als es früher der Fall war. Aber bei all den Neuerungen darf niemals vergessen werden, dass gerade im Bereich Glauben und Gemeinde Jesu diese auf ein zeitloses Fundament gründen, das es zu beachten gilt. In den Jahrhunderten nach Augustinus kam es zu folgenden schwerwiegenden Fehlentscheidungen, die die Gemeinde Jesu nachhaltig beeinträchtigte (Broadbent 2000 Jahre Gemeinde Jesu):

  • Die Bemühungen, die Gemeinden selbst durch das episkopale und klerikale System vor Uneinigkeit und Ketzerei zu bewahren, schlugen fehl und daraus entwickelten sich arge Missstände.
  • Die Erwartung, die verfolgten Gemeinden könnten durch die Verbindung mit dem Staat gewinnen, war enttäuschend.
  • Das Mönchtum zeigte sich unfähig, als Zuflucht vor der Welt den Gemeinden eine Stütze zu bieten, und verweltlichte selbst.

Das sind Ereignisse und Entwicklungen, die schon in den ersten zwei Jahrhunderten nach Augustinus eintraten und sich fortsetzten und zumindest was vor allem die ersten beiden Punkte betrifft zu massiven Verfolgungen der Gemeinde Jesu führten. Aber es gab immer wieder neue Aufbrüche und auch Erweckungen in und außerhalb der Kirche hin zum Glauben an den Herrn Jesus Christus, denn damals wie heute blieb bei allen Veränderungen jedoch etwas wesentlich Zeitloses, das eine Erneuerung herbeiführen konnte: Das Vorhandensein der Schrift in der Welt stellte die Hilfe dar, die der Heilige Geist in den Herzen von Menschen machtvoll zur Geltung bringen konnte, um den Irrtum zu besiegen und sie zur göttlichen Wahrheit zurückzubringen. Immer und überall auf der Welt hat es Gemeinschaften, echte Gemeinden, gegeben, die sich an die Schrift als Richtschnur für Glauben und Lehre, als Leitstern für den persönlichen Wandel wie für die gemeindliche Ordnung hielten. Diese Gläubigen und Gemeinden, obwohl sehr oft verborgen und verachtet, übten doch einen Einfluss aus, der seine Frucht trug.

Mission der Gemeinde Jesu nach Augustinus und vermehrter Widerstand der Kirche

Während dieser wirren Zeiten hörte nämlich aufgrund des biblischen Auftrages die missionarische Tätigkeit nicht auf; sie wurde mit Eifer und Hingabe fortgeführt. In der Tat gab es, bis im elften Jahrhundert die Kreuzzüge die Begeisterung der katholischen Völker ganz in Anspruch nahmen, ein fortlaufendes Zeugnis, das in die damalige Welt hinausgebracht wurde und die Erkenntnis Christi in ferne Länder trug, aus denen die Eroberer des Römischen Reiches kamen. E.H. Broadbent berichtet von Nestorianischen Missionaren, die bis nach China und Sibirien zogen und dort Gemeinden gründeten von Samarkand bis Ceylon. Griechen, viele davon aus Konstantinopel, zogen durch Bulgarien und drangen in die Tiefen Russlands ein, während die heidnischen Völker Mittel- und Nordeuropas, und damit wohl auch Tirol, von Missionaren aus britischen und römischen Kirchen erreicht wurden. In Nordafrika und Westasien gab es mehr Menschen, die sich zum Christentum bekannten, als heute. Zum Großteil führen Gemeinden unserer Zeit in manchen asiatischen Ländern, im Nahen Osten und in Afrika und orthodoxe Christen, die ursprünglich ihr geistliches Zentrum in Konstantinopel oder Griechenland sahen, ihre Lehre und ihr Fundament direkt bis auf die apostolische Lehre der ersten Gemeinden zurück. Deshalb hat ihr Lehrfundament in all den Jahrhunderten nicht so eine große Veränderung durch falsche Lehren und Irrlehren erfahren, wie dies im Westen der Fall ist. Die westliche Kirche entwickelte ihr Zentrum in Rom und die hatte zum Unterschied vor allem der Ostkirchen ihr geistliches Fundament eben vor allem in der mündlichen Tradition der Kirche und der Verbindung mit der weltlichen Staatsmacht.

Die Irrtümer dieser sich immer wieder verändernden mündlichen Überlieferung, die in den bekennenden vor allem westlichen Kirchen herrschte, spiegelten sich auch in ihrer Missionstätigkeit wider. Da gab es nicht mehr die schlichte Christusverkündigung und die Gründung von Gemeinden, wie in den ersten Tagen. Neben einem Teil Wahrheit, den man brachte, bestand man auch auf der Einhaltung ritueller und gesetzlicher Übungen, die sich durch mündliche Tradition und staatlich geführte Lehrgrundsätze, die in den Konzilien beschlossen wurden, ergaben. Und wenn Könige sich zum Christentum bekannten, führte der Grundsatz von Kirche und Staat zur zwangsweisen Unterwerfung von Scharen ihrer Untertanen unter die neue Staatsreligion. Statt, dass in den verschiedenen Städten und Ländern Gemeinden gegründet wurden, die wie in den Tagen der Apostel unabhängig waren von irgendeiner zentralen Organisation und unmittelbare Beziehung zum Herrn hatten, wurden alle in eine der großen Organisationen hineingezwungen, die ihren Mittelpunkt in Rom oder Konstantinopel oder sonst wo hatten. Was im großen Rahmen gilt, trifft auch im Kleinen zu: die schädlichen Wirkungen dieses Systems zeigen sich, wo immer man, statt Sünder zu Christus zu führen und ihnen die Schriften als Richtschnur zu geben, sie zur Mitgliedschaft irgendeines Bekenntnisses zwingt oder sie lehrt, auf eine Mission als Führer und Helfer zu schauen. So wird die Entfaltung der Gaben des Heiligen Geistes unter ihnen behindert und die Ausbreitung des Evangeliums bei ihren Landsleuten verzögert.

Ewiges Leben: Haupt- oder Nebensache?

Die wichtigste Frage, die ein Mensch im Leben überhaupt stellen kann, ist verschieden formuliert worden, betrifft aber das Wesentliche des Lebens: Hiob fragte: Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott? Der reiche Jüngling wollte vom Herrn wissen: was muss ich tun, um das ewige Leben zu ererben? Und der Kerkermeister fragte aufgeschreckt: Was muss ich tun, um errettet zu werden? Es ist einerseits traurig, andererseits gar erschreckend, aber wahr, dass wir das Neue Testament schon zwanzig Jahrhunderte besitzen und die Christenheit die Frage noch immer zwiespältig beantwortet. An der richtigen Antwort entscheidet sich, wo man die Ewigkeit verbringen wird. Diese Frage wurde oft und wird immer noch zur Nebensache.

Die Lehre des Neuen Testaments ist in dieser Frage aber unkompliziert. Mindestens einhundertmal lesen wir, dass der Glaube an Christus das Mittel ist, durch das der Sünder vom Allmächtigen selbst Vergebung empfängt und von ihm aufgenommen wird. Als Christus am Kreuz starb, war eines seiner letzten Wort tetelestai: es ist vollbracht (Joh 19,30) Man verwendete dieses Wort damals auch in der Handelssprache: als Vermerk auf einer Rechnung hatte es die Bedeutung: Bezahlt. Der Tod Christi genügt, um die Schuld von einem jeden zu tilgen, der ihm allein vertraut. Daraus ergibt sich ein Zweifaches:

Erstens werden wir nicht durch eigene Leistungen gerettet.

Zweitens hat Christus den Preis ein für alle Mal bezahlt, daher brauchen wir uns das Heil nicht zusätzlich noch zu verdienen:

Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, auf dass niemand sich rühme (Eph. 2,8-9).

Missionarische Aktivitäten in Europa außerhalb Roms:

Anders in Rom: Mit der Konstantinischen Wende blühte in Rom erst richtig der Sakramentalismus auf. Die Kirche wurde zu einem politischen Faktor in Verbindung mit dem Staat. Nach außen und nach innen wurden die Sakramente zum Mittel, das der Kirche die Aufsicht über die Bürger des Reiches in die Hand spielte. Errettung war nicht mehr eine Angelegenheit der persönlichen Beziehung zu Gott, dem Retter, sondern zur Kirche, die die Sakramente verwaltete. Das gab der Kirche ungeahnte Macht. Sie hatte die Schlüssel zum Himmel und zur Hölle in der Hand. Sie konnte Gnade spenden oder Gnade verweigern. Zu sagen, man habe Frieden mit Gott außerhalb der Kirche gefunden, war Häresie. Zum Sakramentalismus gesellten sich all die kirchlichen Rituale, die sich im Neuen Testament nicht finden.

Doch eine reinere Art missionarischer Tätigkeit, als die von Rom ausging, verbreitete sich von Irland über Schottland nach Nord- und Mitteleuropa. Irland empfing als erster im dritten oder vierten Jahrhundert durch Kaufleute und Soldaten das Evangelium, und etwa im sechsten Jahrhundert war es ein christliches Land und hatte eine so starke missionarische Aktivität entwickelt, dass seine Missionen von den Küsten der Nord- Ostsee bis zu den Ufern des Bodensees arbeiteten. Diese Gläubigen, meist Mönche!, waren

nicht einsiedlerisch und abgeschottet von der Welt, sondern auch sozial engagiert. So beschreibt Broadbent, und das ist durchaus erwähnenswert, die missionarische Verbreitung dieser Zeit von Irland aus, folgend: Ihre Methode war, in ein Land zu reisen und da, wo es dienlich schien, eine Missionsniederlassung zu gründen. Im Mittelpunkt erbauten sie eine einfache Holzkirche, darum drängten sich Schulräume und Hütten für die Mönche, die Bauleute, Prediger und Lehrer zugleich waren. Außerhalb dieses Kreises wurden nach Bedarf Wohnungen für die Schüler und ihre Familien, die sich nach und nach einfanden, gebaut. Das Ganze wurde von einem Wall umgeben, doch ging die Niederlassung oft über die ursprüngliche Anlage hinaus. Gruppen von jeweils zwölf Mönchen, jede unter der Führung eines Abtes, zogen aus, um neue Felder für das Evangelium zu erschließen. Die zurück blieben lehrten in der Schule und sobald sie die Sprache des Volkes, bei dem sie wohnten, zur Genüge kennengelernt hatten, übersetzten sie Teile der Schrift und schrieben sie ab, auch Gesänge, und brachten sie ihren Schülern bei. So sehen wir, dass wohl zu allen Zeiten auch vor der Reformation Teile der Heiligen Schrift in den jeweiligen Sprachen übersetzt wurden. Es stand den Mönchen frei, zu heiraten oder ledig zu bleiben; viele blieben ledig, um größere Freiheit für ihren Dienst zu haben. Das hört sich alles sehr modern an und man würde es kaum von dieser Zeit im ersten Jahrtausend erwarten. Diese gläubigen Lehrer vermieden es, die Religion des Volkes anzugreifen, hielten es vielmehr für sinnvoller, die Wahrheit zu predigen als die Irrtümer zu erklären. Sie hielten sich an die Heilige Schrift als die Quelle für Glauben und Leben und verkündigten die Rechtfertigung aus Glauben. Sie kümmerten sich nicht um Politik, noch wandten sie sich an den Staat um Hilfe. Diese ganze Arbeit zeigte nach Ursprung und Fortgang zwar einige Züge, die der Lehre des Neuen Testaments und dem Beispiel der Apostel fremd waren, war aber unabhängig von Rom und in entscheidenden Punkten verschieden vom römisch- katholischen System. Damit gerieten diese beiden Systeme bald in heftigen Streit mit schlimmen Folgen.

Ein Beispiel solcher apostolischen Mission war das Buch mit dem Titel „Heliand“ d. h. Der Heiland, welches etwa im Jahre 830 oder früher geschrieben wurde. Es handelt sich um ein Stabreim-Epos in der alten sächsischen Sprache, und wurde zweifellos in den Kreisen der britischen Mission auf dem Festland verfasst. Dieses Buch enthält „die Evangeliengeschichte“ in einer Form, die das Volk, für die sie geschrieben war, ansprechen sollte, sie ist beachtenswert, weil sie nichts von einer Verehrung der Maria und der Heiligen weiß und frei ist von den meisten charakteristischen Zügen der römischen Kirche jener Zeit.

Eine ähnliche apostolische Mission ging ebenfalls ab dem 4. Jahrhundert von Spanien aus und bewirkte von dort ausgehend über Frankreich bis nach Rom eine Erneuerungsbewegung. Einer der bedeutendsten Lehrer der Heiligen Schriften war der Reformer Priscillian (350-385). Er lehrte Inhalt der Erlösung sei unsere Bekehrung zu Gott, deshalb sei ernsthafte Abkehr von der Welt erforderlich, damit nichts die Gemeinschaft mit Gott hindern könne. Diese Konsequenz des Glaubens, nämlich die bewusste und bekennende Abkehr von der Welt (von ihrem Wesen), wurde ja zu allen Zeiten in Zusammenhang mit Gemeinde Jesu gepredigt, ist uns heute in vielerlei Hinsicht eher fremd geworden. Die Errettung allein aus Gnade ist für Priscillian nicht ein magisches, durch ein Sakrament hervorgebrachtes Geschehnis, sondern ein geistlicher Vorgang. Die Gemeinde Jesu bringt den Menschen das biblische Zeugnis, sie tauft und übermittelt das Wort Gottes, aber jeder einzelne muss selbst für sich entscheiden und muss selbst glauben. Diese Verkündigung passte nicht zur offiziellen Lehre der Kirche Roms, deshalb wurde Priscillian in der Synode zu Bordeaux fälschlicherweise der Zauberei und Unsittlichkeit beschuldigt und von der Kirche verdammt und zur Aburteilung der staatlichen Gewalt überantwortet. Priscillian wurde, trotz Einspruchs der Bischöfe von Mailand, mit sechs anderen Gläubigen enthauptet. Dies war der erste nachgewiesene Fall, dass Christen durch die Kirche offiziell hingerichtet wurden, ein Beispiel, dem andere mit erschreckender Häufigkeit folgten.

Verbindung Kirche-Staat und ihre Folgen

Die Verbindung von Kirche und Staat wurde zu allen Zeiten von vielen Jüngern des Herrn als seiner Lehre widersprechend angesehen, weil die Kirche die Macht, die sie dadurch hatte zu ihren Gunsten auszunutzen wusste und all jene gewaltsam unterdrückte, die sich von ihrem System trennten oder sich irgendwie weigerten, ihre Ansprüche anzuerkennen. Viele zeigten schließlich aus Gleichgültigkeit oder Furcht oder des Vorteils wegen eines äußerlichen Gehorsams. Aber es gab immer wieder einige, die begehrten, Christus zu folgen und die Unterweisung seines Wortes und die Lehre der Apostel einzuhalten. Diese wurden aber immer wieder Opfer von Verfolgungen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die auf Konstantin folgenden Jahrhunderte der politischen Freiheit:

einerseits eine Geschichte zeigt, die zu einem Anwachsen der Verweltlichung und des ehrgeizigen Strebens des Klerus nach Macht in den Kirchen führte. Dieses Machtstreben beanspruchte die völlige Herrschaft über die Besitztümer und Gewissen der Menschen. Das wurde teilweise von Seiten der offiziellen Kirche mit grenzenloser Gewalttätigkeit und List durchgesetzt.

Andererseits öffnet sie aber auch hier und da Durchblicke auf dem Weg der Trübsal, den zahllose Heilige gingen, die zu allen Zeiten und an den verschiedensten Orten lieber alles von Seiten der Weltkirche erduldeten, als Christus zu verleugnen oder sich von seiner Nachfolge abzukehren.

Die wahre Geschichte“, so Broadbent, „dieser Gläubigen ist so weit wie möglich ausgelöscht worden. Ihre Schriften wurden entsprechend der Gewalt ihrer Verfolger vernichtet. Nicht allein das, es wurden auch falsche Berichte über sie verbreitet von jenen, denen daran lag die größten Lügen über die Gläubigen auszustreuen, um ihre eigenen Gräueltaten zu rechtfertigen.“ In solchen Geschichten werden Gläubige als Ketzer geschildert, es werden ihnen böse Lehren angedichtet, die sie selbst in Wirklichkeit verwarfen. Sie wurden „Sekten“ genannt. Ein Ausdruck, der bis in die heutige Zeit auch der Gemeinde Jesu anhängt. Man gab den Gläubigen zahlreiche Benennungen, um den Eindruck zu erwecken, sie stellten viele neue, fremde und unbekannte Lehren dar, und fügte schmähende Beiworte hinzu, um sie in üblen Ruf zu bringen. Sie, die Gläubigen selbst nannten sich gewöhnlich einfach Christen oder Brüder. Es ist aber heute schwierig, ihre wirkliche Geschichte zu verfolgen. Was ihre Gegner über sie geschrieben haben, muss angezweifelt werden. Geständnisse, die ihnen durch Folterungen abgenötigt wurden, sind wertlos. Trotz dieser Schwierigkeiten gibt es jedoch eine große Zahl glaubwürdiger Zeugnisse, die ständig durch weitere Nachforschungen vermehrt werden. Und diese zeigen, was jene Unterdrückten waren und taten, was sie glaubten und lehrten. Diese ihre eigenen Mitteilungen bieten sichere Hinweise auf ihren Glauben und ihr Leben. Von solchen gesicherten, geschichtlichen Hinweisen wissen wir, dass immer wieder von Anfang der Gemeinde Jesu bis zu Augustinus, ja bis zum Ende des 1. Jahrtausends Erweckungsbewegungen entstanden. Es sind einige Berichte von Männern dieser Zeit erhalten geblieben, die sich ganz dazu hingaben, solche Erweckungsgemeinden zu besuchen und zu stärken und das Evangelium zu verkündigen. Sie waren Männer von apostolischem Geist, fest, geduldig, demütig und unerschrocken. Die Tatsache, dass diese Gläubigen die Unabhängigkeit zwischen jeder einzelnen Gemeinde anerkannten, führte zwar zu Unterschieden zwischen den einzelnen Gemeinden ebenso mussten auch die Eigenarten ihrer hervorragenden Männer dazu führen, dass eine Generation sich in gewisser Hinsicht von der andern unterschied in geistlicher Gesinnung oder im Blick auf Lehrpunkte, die besonders betont wurden. Wenn also auch keine direkte Verbindung zwischen der einen und andern Gemeinde Jesu bzw. der einen oder anderen Erweckungsbewegung zu erkennen ist, so bleibt die Ursache bzw. das Fundament des Glaubens doch das gleiche:

die Verkündigung der frohen Botschaft, die

  1. in der alleinigen Gnade und Vergebung in Jesus Christus besteht
  2. im Wort vom Kreuz gepredigt und geglaubt wurde und das
  3. Sehnen der Gläubigen nach praktischer Verwirklichung der neutestamentlichen Wahrheiten.

6-9. Jahrhundert:

Einflussreiche religiöse Entwicklungen in Europa und Arabien:

Die Ereignisse der 6/7 Jahrhunderte ausgehend von Arabien müssen dabei erwähnt werden, weil dadurch in der Folge die Gemeinde Jesu vor allem im Osten, in Arabien und Nordafrika richtiggehend ausgerottet wurde und dies bis heute, was die Verfolgung der Christen betrifft, in vielen Teilen der Welt, noch hoch aktuell ist und durch die Migration aus verschiedenen Ländern auch uns in Europa betrifft. Es geht in erster Linie um den Propheten Mohammed.

Dazu muss bedacht werden, dass es einige vorausgehende Entwicklungen in der christlichen Kirche vor allem in Europa gab, die den „Erfolg“ Mohammeds begünstigten.

Die Offenbarung schreibt bei fünf von sieben Gemeinden, an die die Sendschreiben gerichtet sind:

    • tue Buße, wenn nicht… werde ich deinen Leuchter wegstoßen….
    • wer überwindet…… und
    • wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt….

In der christlichen Kirche gab es aber einige Lehren und Vorgehensweisen, wie bereits erwähnt, die nicht darauf ausgerichtet waren auf Gott zu hören, seinem Wort die Treue zu bewahren und dem Heiligen Geist im persönlichen Leben und Wirken Raum zu geben. Damit verbunden war, meinem Verständnis nach, eine der größten Vergehen der Kirche die Einführung der Bilder- und Reliquienverehrung, wie sie bereits auch in Tirol schon ab dem 4. Jahrhundert nachweislich praktiziert wurde. Dadurch galt nicht mehr Gott im Himmel die alleinige Ehre, sondern es wurden und werden Menschen verehrt und angebetet.

Es ist wohl derselbe Geist, der die Israeliten in der Wüste zur Anbetung des selbstgemachten goldenen Kalbes verführte. Als Mose nicht so schnell wie erwartet vom Berg Sinai zurückkam, versammelte sich das ganze Volk gegen Aaron und sagte: Auf, mach uns einen Gott…. Obwohl der Gott Abraham, Isaaks und Jakobs durch Mose deutlich gesprochen hat: Ich bin der ich bin, (Jawhe) hat mich zu euch gesandt (1. Mose 3,14) und später sagt Gott deutlich und klar: 3. Mose 26,1: Ihr sollt euch keine Götzen machen… oder Psalm 31,7: Ich hasse, die sich halten an nichtige Götzen. Ja sie reizen Gott zum Zorn: Psalm 78,58: und reizten ihn zum Zorn mit ihren Götzen. Psalm 96,5: alle Götter der Völker sind Götzen. Später sagt Jesaja von diesem Volk: Jesaja 2,8: Auch ist ihr Land voll Götzen; sie beten an ihrer Hände Werk, das ihre Finger gemacht haben. Im 1. Korinther Kap. 8,4 schreibt Paulus in Zusammenhang mit Götzen: … so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn. Philipper 2,10:  dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und

auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. So gibt es in Vergangenheit, Gegenwart und in Zukunft nur den einen wahren Gott und seinen Sohn Jesus Christus, durch den wir sollen durch Glauben gerettet werden und ihm, dem Vater und dem Sohn allein gebührt alle Anbetung und Ehre. In Zukunft wird sogar jeder Mensch mit eigenen Augen sehen dürfen oder im Gericht anerkennen müssen, dass Jesus Herr über alle und alles ist.

Wie wir Menschen uns gegenseitig verhalten und was wir uns einander antun ist schlimm genug, wenn wir die Geschichte der Menschheit betrachten, ob altes oder neues Testament, aber es kann uns jetzt noch vergeben werden, wenn wir darum bitten: setzt der Mensch aber Gott ab und ersetzt ihn durch etwas Anderes, etwas von Menschen Gemachtes oder Erdachtes, so gibt es keine Vergebung und keine Hilfe, weil wir ja kein anderes Opfer als Jesus haben für die Vergebung unserer Verirrungen. Alles was der Mensch an die Stelle Gottes setzt oder zwischen Mensch und Gott als Mittler einschiebt, einschließlich Geld und Macht, können nicht helfen. Wir dürfen sie schon gar nicht zu Gott oder an die Stelle Gottes erheben, denn der eine wahre Gott ist ein

eifernder Gott, der in seinen Geboten deutlich sagt:

ICH BIN DER HERR, DEIN GOTT, DER DICH AUS ÄGYPTENLAND, AUS DER KNECHTSCHAFT, GEFÜHRT HAT. DU SOLLST KEINE ANDEREN GÖTTER HABEN NEBEN MIR. DU SOLLST DIR KEIN BILDNIS NOCH IRGENDEIN GLEICHNIS MACHEN, WEDER VON DEM, WAS OBEN IM HIMMEL, NOCH VON DEM, WAS UNTEN AUF ERDEN, NOCH VON DEM, WAS IM WASSER UNTER DER ERDE IST: BETE SIE NICHT AN UND DIENE IHNEN NICHT! DENN ICH, DER HERR, DEIN GOTT, BIN EIN EIFERNDER GOTT….

ANBETUNG UND DIENST:

Es geht darum, dass Anbetung und Dienst die höchsten Ziele im Leben und Glauben eines Christen sind. Gott, der ewig Seiende, will allein angebetet werden und ihm dienen wir allein in aller Hingabe. Darum brauchen sich Gläubige keinem Menschen weder in evangelistischen noch lehrmäßigen Bereichen menschlichen Lehren unterzuordnen. Jesus allein ist der Herr und sein Wort Maßstab für Glauben und Leben. Das war von Anfang an so: Adam sollte sich nur an das eine Gebot Gottes halten, um zu leben. Ungehorsamkeit diesem Wort gegenüber bedeutete den Tod.

Später wurde das Volk Israel immer wieder daran erinnert z.B. Jesaja 44,6: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott. Jesus, das Ebenbild dieses unsichtbaren ewigen Gottes (Kolosser 1,15) stellt sich selbst Johannes in der Offenbarung mit folgenden Worten vor: Offbg. 1,17: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. Mit Jesus, dem Lamm Gottes, werden auch wir zu ewigem Leben erweckt, wir, die wir glauben, dass Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen eingeborenen Sohn sandte, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben.

                         Dafür gilt Gott, dem Vater, allein alle Ehre.

Jedoch gehören Anbetung und Opfer zusammen, denn im Opfer Jesu am Kreuz hat Gott uns seine ganze Liebe gezeigt: Ich kann Gott nicht richtig anbeten, wenn ich nicht überzeugt bin, dass durch Jesus meine Sünde und all meine Sünden vergeben sind, ich ewiges Leben habe und dadurch erst den einen heiligen Gott durch die Kraft seines Geistes begegnen kann. So ist es für uns wichtig sich allein vor dem wahren und einzigen Gott, der sich uns geoffenbart hat, zu demütigen und zu beugen.

Es gibt nur den einen Mittler zwischen Gott und Mensch: Jesus Christus.

Jesus weist die Samariterin am Jakobsbrunnen zunächst klar zurecht: ihr (Samariter) wisst nicht, wen ihr anbetet: denn die Samariter hatten den Ort Garazim selbst als Anbetungsort ausgesucht nicht Gott. Sie hatten auch das Gesetz Mose vermischt mit heidnischen Anbetungsweisen: das ist für uns eine wichtige Warnung: weder haben wir die Freiheit einen besonders heiligen Ort auszuwählen noch zu entscheiden was anzubeten ist und auch die Art wie Gott anzubeten ist, liegt nicht in unserem Erwägen, denn schließlich will er allein angebetet werden und Gott wäre nicht Gott, wüsste er nicht wie er angebetet werden will.

Zur Samariterin, einer einfachen, aber schuldbelasteten Frau sagte Jesus, nachdem er sie auf ihre Sünde hinwies, etwas ganz Revolutionäres: es kommt die Zeit   Wer Gott anbeten will muss ihn im Geist

und in der Wahrheit anbeten. Im Geist anbeten bedeutet sich Gott und seinem Urteil über mich zu unterwerfen: allein der Geist Gottes gibt unserem Geist die Erkenntnis darüber, wer wir sind und wer Gott ist: ohne das Verständnis und das Bekenntnis, dass nur der Christus das wahre und einzige Opfer für unsere Sünden ist, das Gott annimmt, kann man nicht versöhnt werden mit Gott, dem Lebendigen und auch nicht errettet werden vor dem großen Tag des Gerichts (siehe dazu Hebräerbrief). Diese Tatsache ist heute wichtiger denn je vor unserer Zeit, denn wenn das Ende naht, so weist Petrus in seinem 2. Brief im 3. Kap. Vers 11 hin: … Wenn das auf diese Weise vergeht, wie wichtig ist es da, dass ihr ein durch und durch geheiligtes Leben führt, ein Leben in der Ehrfurcht vor Gott. Wartet auf den großen Tag Gottes; verhaltet euch so, dass er bald anbrechen kann! Dem sind wir näher denn je. Gott sucht aber überall und zu allen Zeiten solche wahren Anbeter in Ehrfurcht vor ihm. Johannes 16,8: wenn der Heilige Geist gekommen ist, wird er die Welt überführen. Er wird den Menschen die Augen öffnen über Sünde,

Gerechtigkeit und Gericht. Der Geist Gottes ist bereits seit Pfingsten in dieser Welt: und zwar in den Gläubigen dieser Welt, seiner Gemeinde.

Daher ist unsere Reaktion: Buße tun: d.h. umzukehren und Gott, dem Vater und Jesus Christus seinem Sohn allein die Ehre geben. Es geht darum: wem gebe ich mein Leben in die Hand, wem vertraue ich mein Leben an, was oder wer erfüllt mein Herz? Welche Bedeutung gewinnt sein Wort in meinem Leben? Woher kommen Kraft, Friede, Freude, Trost in meinem Leben, wo gehe ich hin mit meinen Sorgen, Schwachheiten, Nöten des Lebens und wem gebe ich von Herzen allen Dank und wem gilt Ehre und Lob für alles?

Mein ganzes Leben ist demnach Anbetung und Dienst aus dem Herzen heraus, wenn es denn JESUS gehört:

Psalm 100: Jauchzet dem Herrn, alle Welt! Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Jubel. Erkennt, dass der Herr allein Gott ist. Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst, sein Volk sind wir und die Schafe seiner Weide. Kommt zu seinen Toren mit Dank, in seine Vorhöfe mit Lobgesang, dankt ihm, preist seinen Namen. Denn der HERR ist gut, ewig währt seine Gnade und seine Treue von Generation zu Generation.

Beginn der Bilder- und Reliquienverehrung

Die Bilder- und Reliquienverehrung hat diese Ehre und Anbetung und den ganzen Ruhm, der Gott und dem Lamm allein gebührt, genommen und alle Ehre den Menschen und seinen Werken gegeben und zugeschrieben. Das hatte zu allen Zeiten schwerwiegende Konsequenzen:

Diese Reliquienverehrung selbst begann in der Kirchengeschichte schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt: Helena, die Mutter Konstantins des Großen, brachte von Jerusalem Holzstücke mit, die man für Partikel des Kreuzes hielt, sowie Nägel, die bei der Kreuzigung verwandt worden sein sollten. Bilder, Statuen begann man zu verehren. Kirchen wurden gebaut zur Aufnahme von Reliquien oder zum Gedächtnis an den Tod von Märtyrern. So wurden die einfachen Haus- und Stubenversammlungen der Jünger des Herrn unmerklich verwandelt in die Zusammenkünfte aller, ob freiwillig oder gezwungen, ob gläubig oder nicht, in geweihten Gebäuden, die zu Ehren der Jungfrau oder eines Heiligen errichtet wurden und Figuren, Bilder oder Reliquien enthielten, denen man Verehrung zollte. Es war wohl von manchen Ursprüngen der Bilderdarstellung eine gute Absicht ausgegangen, nämlich, dass man denen, die nicht lesen konnten, in Zeichnungen und Bilder das Leben, Sterben und die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus nahebringen wollte. So konnten sie so zu sagen das „Evangelium sehen“, wenn sie es schon nicht zu hören oder zu lesen vermochten. Aber bald schon wurden Gebete statt an Gott an die Jungfrau und die Heiligen, die ja zusätzlich zur Erklärung der frohen Botschaft dazukamen, gerichtet, und der Bilderdienst des Heidentums, wir denken hier biblisch gesehen an Ephesus und das Bildnis der Diana, wiederholte sich in den Einrichtungen, die um die Bilder, Priester und religiösen Gebräuche entstanden.

Wir erinnern aber in erster Linie an jene zahlreichen Gläubigen, deren Heilserwartung, trotz des heidnischen Bilderdienstes, sich allein auf Christus gründete, und die ein geheiligtes, gottgeweihtes Leben führten. Sie waren jedoch ein Überrest innerhalb der Masse derer, die in das System des Bilderdienstes und die damit verbundene Sünde und Unwissenheit verführt worden waren, und ihre Einsprüche waren vergeblich.

Kaiser des römischen Reiches gegen den Bilderdienst

Es gab aber auch großen Widerstand von Seiten mancher damaligen Kaiser gegen den Bilderdienst. So hatte der Kaiser des byzantinischen Reiches, Leo der Isaurier, als einer der erfolgreichsten und besten Kaiser bekannt, im Jahr 726 sein erstes Edikt gegen die Bilderverehrung verordnet, dem er eine Aktion zur Vernichtung der Bilder und der Bekämpfung derer folgen ließ, die sich daran halten wollten. Dadurch wurde ein Kampf ausgelöst, der mehr als ein Jahrhungert dauerte. Leo musste feststellen, dass er ein Heer von Gegnern auf den Plan gerufen hatte. Es entstand ein „Bilderkrieg“.

Kaiser Karl der Große, allen aus den Geschichtsbüchern gut bekannt, nahm auf dem Konzil 794 in Frankfurt, wo er selbst den Vorsitz hatte, einen hervorragenden Platz ein. Der Papst war auch vertreten. Trotzdem wurden die Beschlüsse des zweiten Konzils von Nizäa, durch die der Bilderdienst und die Bilderverehrung eingeführt wurden, aufgehoben. Die Gegner dieses Beschlusses waren so aufgebracht, dass sie ihre Gegner nicht nur „Bildstürmer“ sondern sogar „Mohammedaner“ nannten. Diesen Zusammenhang werden wir noch genauer erklären. In Frankfurt wurde bestimmt, dass jeglicher Bilderdienst zu verwerfen sei; es dürfe keine Anbetung, keinen Kult, keine Verehrung derselben geben, kein Niederknien, kein Anzünden von Kerzen, kein Räuchern von Weihrauch vor ihnen, kein Küssen der toten Bilder, auch wenn sie die Jungfrau und das Kind darstellten. Bilder seien nur erlaubt in Kirchen, als Schmuck und zur Erinnerung an fromme Menschen und fromme Taten. Auch die Sprache, in der gebetet werde, darf nicht auf Latein, Griechisch oder Hebräisch beschränkt werden, sondern jeder kann in seiner eigenen Muttersprache beten. Die Vertreter des Papstes konnten nur Proteststellung einnehmen. Diese

„Missionstätigkeit“ und der Kampf gegen den Bilderdienst wirkte sich weithin aus. Dadurch wurden die heidnischen Sachsen zum biblischen Verständnis der Verehrung des einen wahren Gottes hingeführt, aber auch in und um Turin änderte sich einiges in Bezug auf Bilderverehrung. Ludwig, der dritte Sohn Karls, folgte als Kaiser. Er war ein Bewunderer des Spaniers Claudius, eines eifrigen Schriftforschers, der durch seine Bibelkommentare bekannt geworden war. Sobald er Kaiser war, ernannte er Ludwig den Claudius zum Bischof von Turin. Der neue Bischof, schriftkundig und schriftliebend, nahm sogleich die günstigen

Umstände wahr, die durch das Konzil zu Frankfurt geschaffen worden waren; er ging sogar über dessen Beschlüsse hinaus und entfernte aus den Turiner Kirchen sämtliche Bildnisse, die er Abgötter nannte, wobei er die Kreuze nicht ausnahm. Dies wurde von so vielen gutgeheißen, dass es in Turin zu keinem wirklichen Widerstand kam. Claudius lehrte auch öffentlich, das Apostelamt des heiligen Petrus habe mit dessen Tod aufgehört, die „Schlüsselgewalt“ sei auf den gesamten Episkopat, also auf die gesamte Gemeinde Jesu, übergegangen und der Bischof von Rom habe apostolische Gewalt nur insofern, als er ein apostolisches Leben führte. Es gab zwar viele Gegner, doch die meisten Prälaten jenseits der Alpen dachten wie der Bischof von Turin. Doch später setzte sich dann doch die Bilder- und Reliquienverehrung mit aller Macht und Gewalt durch. Dieser Bischof von Turin ist auch bekannt, dass er mit den Waldensern den Glauben teilte, welche in den Tälern des Piemonts daheim waren, aber durch Verfolgung sich auf große Teile Europas verbreiteten, vor allem in den Alpentälern. Ob Gläubige in Tirol auch dabei waren, wird nicht speziell erwähnt. Mehr dazu später.

Heidnische Tempel zu christlichen Kirchen:

Welche praktische Auswirkung die Bilder- und Reliquienverehrung in Rom hatte, zeigt unter anderem folgender Bericht (Internet):

Vor 1400 Jahren, am 13 Mai 609, weihte Papst Bonifatius IV den Pantheon-Tempel in Rom zur Kirche um. Ganze 28 Wagenladungen mit Knochen aus den Katakomben ließ er ankarren, um einen Ort zu schaffen, an dem alle Märtyrer gemeinsam verehrt werden sollten. Durch diese Zusammenlegung von Reliquien entstand schließlich der Brauch an dem Festtag „Allerheiligen“, die Gesamtheit der Heiligen auf einmal zu würdigen. Damit änderte sich die Verwendung des Tempels nur minimal. Zuvor war im Pantheon (griechisch allen Göttern) vermutlich die gesamte heidnische Götterwelt der Antike angebetet worden. Den Tempel zu übernehmen, hatte die Kirche Konstantin dem Großen zu verdanken. Angeblich war ihm vor einer wichtigen Schlacht Jesus Christus erschienen und hatte ihm offenbart, wie er seine Gegner bezwingen könnte. Als Konstantin tatsächlich als Sieger aus der Schlacht hervorging, sicherte er aus Dankbarkeit den Christen freie Religionsausübung zu. Unter seinen Nachfolgern entwickelte sich das Christentum dann schließlich zur Reichskirche. Dabei erwies sich das ursprüngliche Bilderverbot der christlichen Urgemeinde als großes Hindernis, weil das Alte Testament das Fertigen von Bildnissen verurteilt, galt der Beruf des Malers nach damaligen Ansichten als ähnlich schändlich wie der eines Zuhälters. Doch für die Kirche als staatstragende Organisation war es dringend notwendig geworden, ein Bildprogramm zu erschaffen, das auch für das einfache Volk zu verstehen war. Und so griff man bei der Darstellung christlicher Inhalte auf die heidnischen Vorbilder zurück, die im ganzen Reich bekannt waren. Deshalb thronte im Himmel ein bärtiger Gottvater, genau wie der heidnische „Himmelvater“ Jupiter. Der gute Hirte Jesus Christus erinnerte an den Sänger Orpheus, dessen Gesang die Tiere besänftigte und der wie Jesus aus dem Reich der Toten zum Leben zurückgekehrt war. Selbst die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes war bereits als Symbol der Liebesgöttin Aphrodite bekannt. Im N.T. steht bei der Taufe Jesu durch Johannes dem Täufer, dass sich der Himmel öffnete (Matthäus 3,16) und der Geist Gottes wie eine Taube herabschwebte… das ist etwas anderes als den Geist Gottes als Taube darzustellen.

Doch damit nicht genug, erkannten antike Betrachter in der Madonna mit dem Kind eindeutig die Göttin Isis mit dem Gottessohn Harpokrates. Die geflügelten Engelsfiguren hatten ihre Vorläufer in Statuen der Siegesgöttin Nike. Und der gehörnte Teufel mit den Hammelbeinen war eine wenig verschleierte Kopie des lüsternen Naturgottes Pan. Selbst den Geburtstag des neuen Gottes am 25. Dezember übernahm man einfach von dem bisherigen Reichsgott Sol Invictus. Nun mag das für den einen oder anderen übertrieben erscheinen, doch kann man wohl unweigerlich daraus schließen, dass diese Umwidmung vom Heidentum zum Christentum des Kirchengebäudes in Rom nichts mit einer Bekehrung der „Geistlichkeit“ im biblischen Sinn zu tun hatte. Es war wohl einfach eine reine machtpolitische Sache und dabei ist es auch bis heute geblieben.

Der Prophet Mohammed:

Eine andere weitreichendere und schlimmere Entwicklung nahmen die religiösen Ereignisse, aber durchaus auch im Zusammenhang mit Bilder- und Reliquienverehrung, im Nahen Osten und Arabien. Dort entstanden große Veränderungen aus zunächst kleinen Anfängen, die schließlich die ganze Welt betreffen sollte. Im Jahre 571 wurde Mohammed in Mekka geboren, und bei seinem Tod im Jahre 632 hatte sich die Religion des Islam, deren Gründer und Prophet er war, über den größten Teil Arabiens ausgebreitet. Der Islam, Wortbedeutung „Hingabe“ hat das Bekenntnis: Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet. Entschieden verwirft er Figuren und Bilder jeder Art. Sein Buch, der Koran, enthält durchaus viele zwar verworrene Bezugnahmen auf Personen und Geschehnisse, von denen auch die Bibel berichtet: Abraham als Freund Gottes, Mose als das Gesetz Gottes, Jesus als der Geist Gottes. Das ist oberflächlich gesehen, was Gott, der ewig Seiende, von Anfang ja schon forderte: Es gibt nur einen Gott und einen Propheten, auf den man hören soll: 5. Mose 18,15.

Jessaja 45,22: wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet, aller Welt Enden; denn ich bin Gott und sonst keiner… Und: Jesus Christus, der Einzige der Gott gesehen hat, weil er von der Ewigkeit kommt, bringt uns diesen einen Gott näher. Jesus Christus ist die eine Verbindung zwischen Gott und Mensch: Es gibt in keinem anderen das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden (Apostelg. 4,12). In Jesus allein, sagt Gottes Wort klar, ist das Heil und Jesus allein kann verlangen, dass wir ihm in der Kraft des Heiligen Geistes in Hingabe nachfolgen, also seine Jünger werden. So können wir durchaus Parallelen zur Botschaft des Islam entdecken: es gibt nur einen Gott: dieses Lehren beide Botschaften, wir sollen uns diesem Gott ganz hingeben und wir dürfen uns kein Bildnis machen: auch das ist eine gemeinsame Botschaft und hat sicher viel Gehör erfahren, dadurch dass sich die christliche Kirche in weiten Teilen nicht an dieses und andere Gebote gehalten hat. Vielleicht ist es sogar verständlich, wenn Mohammedaner heute verkünden, die Christen haben die Bibel verändert. Das ist zwar falsch, denn das Wort Gottes ist von Anfang Wort Gottes und kann nicht verändert werden, aber die Aussagen und Lehren wurden sehr wohl von der Kirche grundlegend verändert. Mohammed hat wohl auch recht, wenn er meint, die Christen und die Juden sollten sich an das Wort des Buches halten.

Der grundlegende, aber auch tödliche Unterschied liegt in der Liebe des einen Gottes zu seinen Geschöpfen. Mohammed und der Gott, den er verkündet kennen diese Liebe nicht. Wie sollten sie auch, denn es gibt im Islam nur eine Person als Gott: dieser Gott kann sich höchstens selbst lieben und Mohammed ist ein Mensch, der niemals von Liebe redet oder Liebe zeigt. Johannes sagt: wer den Sohn nicht kennt, kennt auch den Vater nicht, wer den Vater nicht kennt, kennt auch den Sohn nicht und dies ist der Antichrist, der den Sohn leugnet: 1. Joh. 2,23.

Erst in Verbindung Vater-Sohn können wir die Liebe in Gott selbst verstehen: der Vater liebt den Sohn und der Sohn liebt den Vater: der Heilige Geist würde niemals etwas sagen oder tun, was dieser Liebe entgegenhandelt, denn er ist in diese Liebe als dritte Person mit hineingenommen. Das ist vollkommene Liebe: aber der Vater liebt auch uns Menschen, das ist das einzige Mal, wo Gott der Vater von seinem Sohn erwartet, dass er entgegen seiner Bitte: lass diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst, handelt: aus Liebe zu dir und mir hat Gott, der Vater diese Bitte nicht erfüllt und Jesus, in vollkommener Liebe und wahrem Gehorsam ging diesen Weg bis zum Ende, dafür hat Gott, der Vater ihn zu neuem Leben aus den Toten erweckt und ihm alles gegeben, damit meine ich auch die, die an diesen Jesus glauben.

Diese Liebe kennen Mohammed und der Islam nicht. Im Gegenteil diese Religion wurde erbarmungslos mit dem Schwert verbreitet, und so unwiderstehlich war die Kraft der neuen Begeisterung, dass in weniger als hundert Jahren nach Mohammeds Tod der Herrschaftsbereich und die Religion seiner Nachfolger von Indien bis Spanien reichten. Die Wahl, so Broadbent, zwischen Bekehrung zum Mohammedanismus oder Tod führte den Heeren des Islam immer neue Kräfte zu, doch ungezählte Scharen starben lieber, als dass sie Christus verleugneten. Vor allem in Nordafrika, wo die Gemeinden so zahlreich waren, wo schon lange biblische Tradition herrschte und so viele Zeugnisse der Glaubenstreue bis zum Tod derer waren, die unter der Verfolgung des heidnischen Römischen Reiches gelitten hatten, wurde ein großer Teil der Bevölkerung ausgelöscht. Der Mohammedanismus war ein Gericht, so Broadbent im Buch 200 Jahre Gemeinde Jesu, über den Bilderdienst, ob heidnisch oder christlich.

Gemeinde Jesu trotz weltlicher und kirchlicher Verfolgung

Zunächst hatte aber die bilderstürmische Bewegung den verfolgten Brüdern, unter anderem auch durch den Mohammedanismus, der ja wie erwähnt Bilder und Figuren entschieden verwarf, in Kleinasien, Arabien und Armenien eine Atempause geschenkt. Als aber im Jahre 842 unter der Kaiserin Theodora die Bilderanhänger gesiegt hatten, wurde beschlossen, die „Ketzer“, welche so beharrlich und so kraftvoll erklärt hatten, Statuen, Bilder und Reliquien seien wertlos, und ihre Anbetung im Geist sowie das Priestertum aller Gläubigen aufrechterhalten hatten, zu vertilgen. So kam Verfolgung und entschiedenes gewalttätiges Vorgehen nicht nur von der neuen Religion des Islam, sondern wie zu manch anderen Zeiten der Geschichte auch von der „christlichen“ Kirche. Das hat genauso wie im Mohammedanismus, nichts mit der Liebe zu tun, die das Wort fordert. Es war der Geist der Macht und der Gewalt, der letztendlich auch zum Geist der Kreuzfahrer führte und nicht der Geist der Liebe.

Es gab aber ebenfalls zu allen Zeiten immer wieder Männer, die trotz Androhungen von Folter, Gefängnis und Tod unerschrocken das Wort Gottes verkündeten, wodurch viele zum wahren Glauben bekehrt wurden, die Gemeinde Jesu sich ausbreitete und lokal unabhängig voneinander Erweckungsgemeinden entstanden. Zu solchen unerschrockenen Missionaren gehörte z. B. der einfache Zimmermann Sergius, der 800 – 834 wirkte. Er sagt von sich: ich bin von Ost nach West und von Nord nach Süd gezogen, um das Evangelium von Christus zu predigen, bis meine Knie müde wurden. Zur Bekehrung kam es bei ihm dadurch, dass er veranlasst wurde, die Schrift zu lesen. Eine gläubige Frau sagte ihm er solle das göttliche Evangelium lesen, das zu seiner Zeit nur Priestern, nicht Laien, vorbehalten war, denn es sei für alle Menschen gedacht. Er las und wurde gläubig und zeugte lange Zeit äußerst wirkungsvoll für den Herrn. Sein Wirken endete erst mit seinem Tod, als er von seinen Verfolgern mit einer Axt in Stücke gehauen wurde.

Sergius war einer der hervorragendsten einer Reihe von Männern, deren geheiligter und hingebungsvoller Dienst sie dazu veranlasste unabhängig von den Folgen für ihr Leben das Evangelium zu verkünden. Sie selbst nannten sich die „wahren Christen“ zum Unterschied von den „Römischen“. Von außen wurden sie zunächst in Kleinasien und Armenien, ein Gebiet mit sehr vielen wahren Christen, Paulizianer genannt. Man weiß heute nicht, woher der Name kam. Diese Männer wirkten zweihundert Jahre lang, von der Mitte des siebten bis zur Mitte des neunten Jahrhunderts.

Zu ihrer Zeit und möglicherweise von einem von ihnen wurde ein Buch mit dem Titel Der Schlüssel der Wahrheit geschrieben, welches ein lebendiges Bild von ihnen vermittelt. Unser Herr, so schreibt er, fordert zunächst Buße und Glauben, und dann tauft er; so müssen wir ihm folgen…. Der Taufende muss von tadellosem Charakter sein. Die „Glaubenstaufe“ ist also keinesfalls erst nach der Reformation entstanden. Gebet und Schriftverlesung sollen den Vorgang begleiten. Auch die Einsetzung eines Ältesten, so steht in diesem genannten Buch weiter, erfordert große Sorgfalt, damit nicht ein Unwürdiger gewählt wird. Es muss sichergestellt sein, dass er weise, liebevoll – das ist die Hauptsache, klug, sanft, freundlich, gerecht mutig, nüchtern und beredt ist. Beim Händeauflegen, das unter Gebet und Verlesung passender Schriftworte geschehen muss, soll er gefragt werden: bist du auch fähig, den Kelch zu trinken, den ich trinken werde, oder mit der Taufe getauft zu werden, mit der ich getauft werde? Die Antwort, die von ihm erwartet wurde, zeigt die Gefahren und die Verantwortung, die solch ein Mann auf sich nahm; keiner würde sich dazu entschließen, wenn nicht aus inniger Liebe und mit dem Willen, bis zum äußersten zu leiden in der Nachfolge Jesu und der Sorge für seine Herde. Die Antwort lautet: Ich nehme auf mich Geißelungen, Gefängnis, Folter, Schmach, Kreuz, Schläge, Drangsal und alle Versuchungen der Welt, die unser Herr und Mittler und die Allgemeine und Apostolische Heilige Kirche auf sich genommen und mit Freuden erduldet haben. So nehme auch ich, ein unwürdiger Diener Jesu Christi, aus tiefer Liebe und freiem Willen all dies auf mich bis zur Stunde meines Todes. Dann wurde er unter Verlesung zahlreicher Schriftstellen feierlich und ernst dem Herrn befohlen. Im Blick auf Bilder und Reliquien sagt der Schreiber: was die Mittlerschaft angeht, so gibt es nur die unseres Herrn Jesus Christus, nicht die von anderen Heiligen oder von Toten oder von Steinen, Kreuzen und Bildern. Hier haben einige die kostbare Mittlerschaft und Fürbitte des geliebten Sohnes Gottes verleugnet, sind toten Dingen nachgegangen, besonders Bildern, Steinen, Kreuzen, Wasser, Bäumen, Quellen und vielen anderen Eitelkeiten. Da sie diese anerkennen und verehren, opfern sie Weihrauch und Kerzen und bringen Gaben dar, aber das alles ist Gott zuwider. Dies zog den Widerstand der Bilder und Reliquienverehrer und der auch mancher Regierung vor allem unter derjenigen der Kaiserin Theodora am Ende dieser besagten 2 Jahrhunderte auf sich. Unter dieser Kaiserin gab es erneut ein Systematisches Gemetzel, Enthauptungen, Verbrennen, Ertränken und dauerte viele Jahre: doch auch dies konnte die Standhaftigkeit der Gläubigen nicht erschüttern. Da sind Glaubenszeugnisse und Bekenntnisse zum alleinigen Herrn Jesus Christus, die wir in unserer Zeit schwer nachvollziehen können, vielleicht auch weil wir die Nachfolge mit allen Konsequenzen und aller Härte nicht in der Weise, wie diese erfahren haben und, Gott sei Dank, auch noch nicht erfahren müssen. Aber es ist gut uns an die Treue unserer geistlichen Vorfahren und Vorbilder im Glauben zu erinnern, damit wir angehalten werden Gott näher zu kommen im Gehorsam und Vertrauen seinem Wort gegenüber und ihn anbeten für das, was er ist und für seine Liebe und Treue, die er zu allen Zeiten seinen Kindern zukommen lässt. Die Geschichte lehrt uns aber auch innigst und anhaltend für unsere Regierungen und „geistlichen Führer“ zu beten, damit sie zu Gott umkehren, aber auch damit wir ein ruhiges und freies Leben führen können, so wie es Gott gefällt und auch für uns in dieser Welt gut ist.

Das Gebet ist auch darum wichtig damit Ereignisse, wie die folgenden, uns in unserem Lande und unserer Zeit und auch der unserer Kinder nicht mehr eintreffen:

Es wird behauptet, dass in den Jahren 842-867 das Vorgehen Theodoras und ihrer Schergen den Tod von etwa 100 000 Menschen zur Folge hatte. Diese Zeit wird von Gregorios Magistros beschrieben, der zweihundert Jahre später mit der Verfolgung gleichgesinnter Menschen in demselben Gebiet beauftragt war. Er schreibt: Vor uns haben viele Generäle und hohe Beamte sie mitleidlos dem Schwert überantwortet, sie haben weder alte Menschen noch Kinder verschont, und das mit Recht.

Zur Zeit als der Sohn Theodoras, Michael, in Ausübung der grausamen Befehle einen Vater, dessen Sohn eine hohe Stellung im Staatsdienst innehatte, gepfählt hatte, trat dieser ein Bündnis mit dem sarazenischen Kalifen ein. Mit dieser mohammedanischen Unterstützung besiegten sie Kaiser Michael und nahmen die Städte bis nach Ephesus ein und zerstörten die Bildnisse, die sie dort fanden. Es kam noch zu weiteren Kriegen, zu denen wohl aus verständlichen Gründen auch einige „wahre Christen“ zustimmten. Hier also gab es schon eine Art Ökumene mit den Mohammedanern aus folgendem Grund: Als die wahren Gläubigen sahen, wie auf der einen Seite die Bilderverehrer sie aufs Härteste unterdrückten und auf der anderen Seite die Mohammedaner, frei von jeder Art des Bilderkultes, ihnen Freiheit und Unterstützung boten, hatten sie doch eingewilligt gegen den „kirchlichen“ Feind sozusagen mit Unterstützung der Mohammedaner zu kämpfen; mit Erfolg: denn sie nahmen Städte ein und drangen bis nach Ephesus vor. Dort wurde, anders als zu biblischen Zeiten, wo sich die Gläubigen einfach trennten von dem Götzenkult, jetzt die Stadt mit Gewalt eingenommen und die Bilder und Reliquien entweiht, die Kathedrale als Götzentempel betrachtet. Die wahren Gläubigen, von außen wie erwähnt Paulizianer genannt, wurden auf der christlichen Seite von der Kirche hauptsächlich wegen der Bilderverehrer verfolgt, gefoltert und auch getötet, wenn sie sich weigerten ihrem Glauben abzusagen und zur Kirche zurückzukehren, auf der anderen Seite die Mohammedaner, frei von jeder Art des Bilderkultes, ihnen Freiheit und Hilfe boten, aber dies mit Gewalt und Krieg, muss es ihnen aber doch schwer geworden sein zu entscheiden, welches der beiden Systeme der göttlichen Offenbarung in Christus näher stand oder besser, welches weiter davon entfernt war. Aber die Mohammedaner verwarfen die Schrift gänzlich, stellten sich unter den Koran, ein Buch menschlichen Ursprungs, und hinderten sich auf diese Weise selbst, über das hinauszugelangen, was ihr Stifter erreicht hatte. Mit solchen Menschen, die die Schrift gänzlich verwarfen, konnte man weiterhin kein Bündnis eingehen, auch wenn es vom Augenblick betrachtet von Vorteil war. Da waren doch die griechischen und römischen Kirchen besser, denn obwohl sie von der Wahrheit abgewichen waren, hielten sie doch grundsätzlich an der Bibel fest, und so blieb in ihrer Mitte etwas bestehen, das durch die Kraft des Heiligen Geistes Erweckung hervorbringen konnte. Das geschah auch: es kamen auch in dieser schwierigen und verworrenen Zeit viele Menschen zum lebendigen Glauben an Jesus Christus.

Verfolgung der Gemeinde durch weltliche Macht

Doch die byzantinische Regierung bekämpfte, verriet, indem sie diese tapferen und frommen Gläubigen als „Ketzer“ bezeichnete, und verfolgte sie erneut mit aller Macht und Gewalt. Damit aber zerstörte die byzantinische Regierung ihren eigenen natürlichen Schutz gegenüber der drohenden mohammedanischen Gewalt und bereitete so den Fall Konstantinopels vor: denn die Zahl der Gläubigen war groß und wie oft in der Geschichte der Gemeinde Jesu konnte sie nicht durch Verfolgung ausgelöscht oder von der Welt verbannt werden. Doch da viele Gläubige getötet wurden oder Richtung Europa auswanderten, wurde die byzantinische Bevölkerung kleiner und natürlich schwächte dies auch die Kriegsmacht, sodass die byzantinische Regierung mit ihrer Hauptstadt Konstantinopel letztendlich von der mohammedanischen Übermacht besiegt wurde. 1453 wurde Konstantinopel, und damit das byzantinische Reich, von den Türken, und zwar dem osmanischen Sultan Mehmed II endgültig erobert. Die Kriege sollten die Macht der Stärkeren herstellen, im Grunde aber ging es um Religionskriege, denn einerseits kämpfte die Kirche mit der jeweiligen Regierung, um die Macht vor allem, wie bereits erwähnt, gegen die sogenannten Paulizianer, also gegen die Christen, die sich zur apostolischen Lehre und ihren Herrn Jesus Christus bekannten, andererseits nutzten die Türken ihren Glauben, den Islam dazu, um  die „Ungläubigen“ zu bekämpfen. Diese, die „Ungläubigen“, geschwächt durch die Tötung oder Vertreibung der Gläubigen waren schließlich unterlegen.

Aussiedelung der wahren Christen nach Europa:

Diesen Geschehnissen in Arabien und um Konstantinopel gingen folgende Ereignisse voraus. Bereits in der Mitte des achten Jahrhunderts siedelte Kaiser Constantinus, Sohn Leos des Isauriers, der mit den Brüdern in der Verneinung des Wertes der Bilderverehrung übereinstimmte, eine Anzahl von ihnen nach Konstantinopel und Thrazien um. Später, in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts, verpflanzte ein anderer Kaiser, Johannes Tzimiskes, ein Armenier viele von den wahren Christen nach dem Westen. Über Bulgarien kamen diese dann nach Europa. Diese wahren Christen blieben dem Wort gehorsam, und verkündeten überall die frohe Botschaft, wo sie hinkamen. Ähnlich dem Ereignis in der Apostelgeschichte: Apg. 8,4: Die nun zerstreut waren, zogen umher und predigten das Wort und 11,19: Die aber zerstreut waren wegen der Verfolgung, die sich wegen Stephanus erhob, gingen bis nach Phönizien und Zypern und Antiochia und verkündigten das Wort niemandem als allein den Juden. Es waren aber einige unter ihnen Männer aus Zypern und Kyrene, die kamen nach Antiochia und redeten auch zu den Griechen und predigten das Evangelium vom Herrn Jesus. Und die Hand des Herrn war mit ihnen und eine große Zahl wurde gläubig und bekehrte sich zum Herrn. Verfolgung ist für jede Zeit und Generation schlimm, dient aber andererseits, damals wie heute, auch dazu, dass das Evangelium weiter an anderen Orten verbreitet wird, von denen, die Gott gehorsam sind und sein Evangelium verkünden.

So geschehen auch durch diese Einwanderer aus Kleinasien und ebenso kamen durch ihre Verkündigung viele zur Bekehrung, es wurden Gemeinden gegründet, die sich rasch ausbreiteten. Sie wurden hier weithin Bogomilen genannt, ein slawischer Name, der „Freunde Gottes“ bedeutet, abgeleitet von dem Ausdruck Bogu mili, diejenigen, die Gott teuer oder angenehm sind.

Von außen wurden diese Bogomilen in Kleinasien und Bulgarien verschieden beurteilt. Es gab einige, die ihre Lehren als unbeschreiblich böse bezeichneten, andere, die gegenteilig urteilten. Sie wurden, wie früher auch als „Ketzer“ bezeichnet. Auch das gibt es zu allen Zeiten auch der unseren, dass Gläubige von anderen auch von christlicher Seite verleumdet werden und ihnen falsche Lehren angedichtet werden und Sünden zugerechnet werden, die sie nicht begangen haben.

Der Schriftsteller Euthymius, gestorben nach 1118, berichtet: Sie, die Freunde Gottes, fordern diejenigen, die auf ihre Lehren hören, auf, die Gebote des Evangeliums zu halten, demütig, barmherzig und voll brüderlicher Liebe zu sein. Die Kirche selbst verbreitete folgende Meinung über diese Bogomilen: Sie verlocken die Leute, indem sie lauter Gutes und Nützliches lehren, aber allmählich vergiften sie und führen ins Verderben. Cosmas, ein bulgarischer Presbyter, der gegen Ende des zehnten Jahrhunderts schrieb, schildert die Bogomilen sogar als böse und entsetzlicher als Dämonen, bestreitet, dass sie an das Alte Testament oder die Evangelien glauben, erklärt empört, dass sie weder die Mutter Gottes noch das Kreuz verehren, die Zeremonien der Kirche und alle kirchlichen Würdenträger verachten, die orthodoxen Geistlichen „blinde Pharisäer“ nennen, behaupten, das Abendmahl werde nicht nach Gottes Anweisung gefeiert und das Brot sei nicht Christi Leib, sondern gewöhnliches Brot. In diesen Berichten klingt andererseits auch durch, was die „Freunde Gottes“ wirklich glaubten, dass sie sich an das Wort hielten und Jesus als ihren Messias akzeptierten und in der Nachfolge alles auf sich zu nehmen bereit waren. Es gab aber auch andere, die diese Gläubigen weit positiver beurteilten u. a. Muschag, ein gelehrter Schreiber des zehnten Jahrhunderts. Er war von ihrer Lehre sehr beeindruckt und betrachtete es als unchristlich und unwürdig, solche Leute weiterhin zu verurteilen. Als er von einer Verfolgung hörte, die sie zu erleiden hatten, erklärte er, die Schar dieser Verfolgten sei zu beneiden, wegen der Treue und Kraft ihres Glaubens. Es gibt keinen Beweis, schreibt er, für die Behauptung, die Christen, ob man sie nun Paulizianer, Bulgaren, Bogomilen oder anders nennt, hätten sich einer bösen Lebensweise schuldig gemacht, und was seitens ihrer Feinde über ihre Lehren vorgebracht wurde, ist unglaubwürdig. Es wird sogar von den Gegnern allgemein zugegeben, dass ihre Lebenshaltung, ihr sittliches Betragen, ihr Fleiß weit über das hinausging, was in ihrer Umgebung zu finden war; und gerade das war es, was so viele anzog, die in der Staatskirche keine Befriedigung finden konnten. Heißt es nicht an der Liebe sollt ihr sie erkennen und das war wohl die praktische Verkündigung der frohen Botschaft. Selbst Christus, die Liebe Gottes in Person, wurde der Gotteslästerung beschuldigt, um seinen Tod zu rechtfertigen. Matthäus 26, 63: Ich beschwöre dich sprach der Hohepriester bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes. Jesus sprach zu ihm: du sagst es. Doch sage ich euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels…. da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert!!! Jesus aber hatte alles aus Liebe zu jedem von uns erduldet.

Nicht nur die „Verpflanzung“ Richtung Europa, sondern auch die von Byzanz ausgehende Verfolgung trieb viele Gläubige westwärts. Die bibeltreue Lehre der Zurückgebliebenen wurde im Jahre 1140 auf einer Synode in Konstantinopel endgültig verdammt. Trotzdem blieben einige der „wahren Christen“ noch lange dem apostolischen Wort treu. Bis in das 17 Jahrhundert waren sie als Paulizianer oder Bogomilen auch in Kleinasien, Konstantinopel und Umgebung und Bulgarien bekannt und blieben ihrem Glauben treu. Bis sie aber doch Schritt für Schritt, so E.H. Broadbent, sich Rom anglichen, in ihren Kirchen Bilder zuließen und heute kennt man sie als bulgarische Katholiken, im Gegensatz zu den Bulgaren schlechthin, die entweder Orthodoxe oder Pomaken sind, das heißt von Voreltern abstammend, die zwangsweise zum Mohammedanismus bekehrt wurden.

10-13. JAHRHUNDERT

Gemeinde Jesu in Europa um die Jahrtausendwende:

Diejenigen aber, welche wegen Verfolgung bis nach Bosnien zogen, entwickelten sich gerade in Bosnien am stärksten. Schon im zwölften Jahrhundert waren sie dort sehr zahlreich, man fand sie bis hin nach Spalato und Dalmatien. Hier gerieten sie in Widerstreit mit der Kirche. Die Gläubigen aber breiteten sich weiterhin stark aus. Sogar ein bosnischer Herrscher, Kulin Ban, zunächst treuer Anhänger der Kirche, schloss sich um das Jahr 1180 mit seiner ganzen Familie und zehntausend anderen Bosniaken den Bogomilen oder Patarenern, wie die Gemeinden von Gläubigen in Bosnien auch genannt wurden, an. Das Land hörte auf katholisch zu sein und erlebte eine Blütezeit. Es gab keine Priester, vielmehr wurde das allgemeine Priestertum aller Gläubigen anerkannt. Die Gemeinden wurden von Ältesten geleitet, die durchs Los gewählt wurden, mehrere in jeder Gemeinde: meistens ein Aufseher – Großvater genannt

und dienende Brüder: Leiter und Älteste geheißen. Versammlungen konnten in jedem Haus gehalten werden, die ordentlichen Versammlungsräume waren ganz schlicht, es gab keine Glocken, keinen Altar, nur einen Tisch, auf dem ein weißes Tuch und ein Exemplar der Evangelien lag. Einen Teil ihrer Einkünfte gaben die Brüder als Hilfe für kranke Gläubige, für die Armen und zur Unterstützung derer, die als Evangelisten unter den Unbekehrten arbeiteten.

Doch Papst Innozenz III zwang den bosnischen Herrscher mit Hilfe des Königs von Ungarn zur Unterordnung unter die Kirche Roms. Der bosnische Herrscher willigte ein. In Bosnien sollten keine Ketzer mehr geduldet werden. Obwohl nun der damalige Herrscher Bosniens und die Fürsten des Landes unter dem Druck der Kriegsdrohung Zugeständnisse an die Kirche machten, lehnte das Volk es einmütig ab, diese anzuerkennen oder sich irgendwie dadurch binden zu lassen.

Interessant ist auch, dass gerade zu dieser Zeit die Brüder in Bosnien Verbindung mit ihren Glaubensgenossen in Italien, in Südfrankreich, in Böhmen, am Rhein und anderwärts sogar bis nach Flandern und England hin, hatten. Eine wunderbare biblische Einheit, die man sich normalerweise nicht in diese Zeit der Geschichte dachte und heute sich vielerorts wünschen würde. Ein italienischer Inquisitor, Reniero Sacconi, der in diesen Zeiten des Aufbruchs der Gemeinde Jesu in ganz Europa lebte und schrieb, nennt sie die Kirche der Katharer oder Reinen. Ein Name, der aus der Zeit vor Kaiser Konstantinus stammt und besagt, dass sie „rein“ sind vor Gott dem Schöpfer durch ihren Glauben in Jesus. – Das Blut des Lammes reinigt uns – Er behauptet sie reichten vom Schwarzen Meer bis zum Atlantischen Ozean. Welch großartiger, sichtbarer Sieg der Gemeinde Jesu in jener Zeit und unter jenen verschiedenen Völkern, trotz Widerstand und Verfolgung der Gläubigen durch den Islam, aber auch aus den eigenen Reihen der Kirche zusammen mit der Macht und Gewalt der jeweiligen Regierungen.

Beginn des Kreuzzuges und der Inquisition:

In diese Zeit hinein fiel auch der Kreuzzug, erstmals so genannt, den der Papst gegen die Albigenser, Gläubige in Frankreich, und der Provence, ausrief und dieses Land verwüstete. Hier wird auch zum ersten Mal der wahre Geist der Kreuzzüge deutlich, es war kein Geist der Liebe, sondern der Gewalt und der Macht-Ausübung, der Unterdrückung und Zerstörung, ausgehend von Europa und zunächst in Europa gegen die Gläubigen der Gemeinde Jesu. In der Provence wurde vor allem wegen des Fleißes und der brüderlichen Liebe der Gläubigen eine zur damaligen Zeit sowohl kulturelle, wirtschaftlich und sozial hochstehende und vorbildliche Region Europas regelrecht zerstört, wovon sich die Region nie mehr richtig erholte. Viele der Flüchtlinge zogen bis nach Bosnien, wo sie von den dort lebenden Gläubigen, den Freunden Gottes aufgenommen wurden. Die Albigenser wurden nämlich nach Prüfung der Glaubenslehre als Brüder und Freunde Gottes erkannt.

Ähnliches, vielleicht noch schlimmer und ausgedehnter, geschah in der Folge in Bosnien selbst. Der Friede nämlich, den der Herrscher Bosniens, Kulin Ban erreicht hatte, indem er sich Rom unterwarf, war nicht von langer Dauer, denn das Volk konnte nicht gezwungen werden, die Bedingungen einzuhalten. Die Gemeinden im Land wuchsen umso mehr, sie dehnten sich nach Kroatien, Dalmatien, Istrien, Kärnten und Slawonien aus. Vielleicht sogar bis Tirol. Darüber gibt es keine geschichtlichen Nachweise, aber es liegt doch nahe, dass Tirol nicht ausgenommen wurde von der missionarischen Ausbreitung des Evangeliums, da es mitten in Europa liegt und wie oben erwähnt von allen Seiten (Frankreich, Italien, vom Rhein, von Kärnten usw.) Menschen der lebendigen Gemeinde Jesu durch Verkündigung der frohen Botschaft hinzugetan wurden. Eine Erweckung, die in den normalen Geschichtsbüchern nicht erwähnt wird. Ja es entstanden freie Gemeinden, unabhängig von Staat und Kirche und auch nicht in gegenseitiger Abhängigkeit, obwohl das Bewusstsein da war zusammen zu gehören, da der Heilige Geist sie vereinte und sie eins im Wort des Herrn waren, entsprechend dem Gebet unseres Herrn Johannes 17,20 und 21: Ich bitte aber nicht allein für sie (die Apostel), sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Diese Einheit der Gläubigen der genannten Zeit scheint für uns eine Tatsache, die man eher der Reformation oder der Geschichte nach der Reformation den sogenannten Freikirchen zuspricht, aber, wie wir hören, zu jeder Zeit und jeder Generation zutraf, wo sich Menschen dem lebendigen und geschriebenen Wort anvertrauten.

Doch es stellte sich ihnen ein anderer Geist entgegen: der Geist des Zerstörers, des Krieges, der Gewalt. Nach dem Tod Kulin Ban veranlasste der Papst, der eingesehen hatte, dass die Bosniaken nicht anders als durch Gewalt bekehrt werden konnten, durch den Erfolg des Kreuzzugs in der Provence ermutigt, den König von Ungarn, in Bosnien einzufallen. Der Krieg zog sich über Jahre hin. Nicht die Gläubigen waren Verursacher des Krieges, sondern gegen sie wurde der Krieg geführt. Das Land wurde verwüstet, doch sobald die Heere des Eroberers sich zurückzogen, stellte sich heraus, dass die Gemeinden noch bestanden, und der Fleiß des Volkes stellte schnell den Wohlstand, den die Gläubigen durch ihren Einsatz und Arbeit erwarben, wieder her. Bald wurden richtige Festungen im ganzen Land errichtet „zum Schutz der Römisch-katholischen Kirche und Religion“. Der Papst gab das Land an Ungarn, das es lange beherrschte, doch da das Volk seinem Glauben treu blieb, rief er schließlich zu einem Kreuzzug der ganzen christlichen Welt auf. Die Inquisition wurde eingeführt (1291) und Dominikaner und Franziskaner gingen mit Gewalt und Terror gegen die gläubigen Gemeinden vor. Im Jahr 1325 gab der Papst dem Herrscher, dem Ban von Bosnien, dann den Auftrag die „Ketzer“ auszurotten, denn, so schrieb er, sie sind wie Wölfe in Schafspelzen, verbergen ihre Wildheit, um so die einfachen Schafe Christi zu täuschen.

Der Islam in Europa:

Inzwischen wurde der beständige Druck des Islam eine wachsende Gefahr auch für Europa. 1389 dehnte die türkische Herrschaft in der Schlacht von Kossovo ihr Gebiet auf Serbien aus und machte die mohammedanische Bedrohung für Europa ernster denn je. Doch auch das war nicht ausreichend, die Verfolgung der Bogomilen zu beenden. So kämpfte man gegen die Türken und die bosnischen „Arianer“. Als es dem König von Ungarn gelang diese zu besiegen und auch veranlasste in einem Kriegsverfahren 126 bosnische Gefangene aus edlem Hause zu enthaupten, wandten sich die zur Verzweiflung getriebenen Bosniaken ähnlich wie vorher in Kleinasien um Hilfe an die Türken. Die Gläubigen hatten bisher keinen Schutz von außen gesucht, aber jetzt wurden sie gezwungen. Bald darauf bereiteten die erstmals vereinigten Türken und bogomilischen Bosniaken Ungarn in der Schlacht von Usora, wenige Meilen von Doboj entfernt, im Jahr 1415 eine schwere Niederlage. Der Kampf zwischen Christentum und Islam wogte an der langen Kampffront hin und her. Aber sobald die päpstliche Partei die Oberhand gewann, begann in Bosnien die Verfolgung aufs Neue, so dass im Jahre 1450 etwa 40 000 Bogomilen mit ihren Führern die Grenze zu Herzegowina überschritten, wo sie unter dem Fürsten Stephan Wukstschitsch Schutz bekamen. Im Jahre 1453 wurde ja wie erwähnt Konstantinopel von den Türken eingenommen. Damit wurden auch Griechenland, Albanien und Serbien einverleibt. Die Bosnier zogen nach langem hin und her des Krieges die Herrschaft der Türken und damit des Islam vor der Inquisition, die die Gläubigen unter der päpstlichen Macht immer wieder erneut erlitten. Ein trauriges Schauspiel christlichen Machtspieles durch Gewalt entgegen aller biblischen Nächstenliebe. Dadurch konnte der Sultan innerhalb einer Woche siebzig Städte und Burgen einnehmen, weil die Bevölkerung sich den Türken frei ergab. Bosnien fiel damit an die Moslems und erstarrte vierhundert Jahre lang unter einem tödlichen System, das Leben und Fortschritt erstickte.

Die Bogomilen, d.h. die Freunde Gottes in Bosnien haben nur ein geringes Schrifttum hinterlassen, sodass wir nicht viel von Lehre und dem praktischen Leben dieser Gläubigen wissen. Fest steht aber, dass sie sich heftig gegen das im Christentum herrschende Böse wehrten und sich aufs äußerste bemühten, die Lehren und Vorbilder der Urgemeinden, wie sie in der Schrift zu finden sind, festzuhalten. Ihre Beziehungen zu den älteren Kirchen in Armenien und Kleinasien, zu den Albigensern in Frankreich, Waldensern und anderen in Italien sowie den Hussiten in Böhmen zeigen, dass es da eine gemeinsame Grundlage für Glauben und Leben gab, die sie alle einte. Ihr heldenhafter Widerstand – vierhundert Jahre lang gegen überwältigende Feindschaft – muss, obwohl nichts darüber berichtet wird, Beispiele von Glauben und Mut und Liebe bis zum Tod hervorgebracht haben, denen nichts in der Weltgeschichte vergleichbar ist. Sie bildeten ein Glied, das die Urgemeinden in den Taurus-Bergen Kleinasiens mit Ähnlichem in den italienischen und französischen Alpen verband. Ihr Land und Volk ging dem Christentum verloren durch die hartnäckigen Verfolgungen, denen sie unterworfen wurden: Johannes 15,20: Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe. Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen, haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.

Verbreitung des Evangeliums in Europa im 11. Jahrhundert…..

In der Geschichte der Menschheit kann man oft feststellen, dass sich die Verhaltensweisen der Menschen und daraus resultierende Ereignisse in ähnlicher Weise wiederholen. Dies gilt nicht nur für Kriege, Gewalt und Verfolgung, sondern auch für die guten Seiten der Menschheit. So geschehen im 11 Jahrhundert und danach. Brüder, die aus Bosnien und anderen Balkanländern aus besagten Gründen flohen, zogen durch Italien, kamen nach Südfrankreich und fanden überall solche, die ihren Glauben teilten. Die Lehre, die sie mitbrachten, fand willige Aufnahme. Wieder einmal wurde das Evangelium gerade durch Verfolgung anderswo als den Herkunftsländern der Gläubigen verbreitet. Die römische Geistlichkeit nannte sie Bulgaren, Katharer, Patarener oder anders und versicherte, getreu der jahrhundertealten Übung in Kleinasien und auf dem Balkan, sie seien Manichäer. Der Gründer dieser Sekte, und das war wirklich eine Sekte im heutigen Verständnis, war Mani. Er wurde in Babylon 216 geboren und war ein furchtbarer Gegner des Christentums. Sein dualistisches System entnahm er persischen, christlichen und buddhistischen Quellen, und er gab sich als berufen aus, das Werk, das von Noah, Abraham, Zoroaster, Buddha und Jesus begonnen und fortgesetzt worden war, weiterzuführen und zu vollenden. Diese Lehre war in der ganzen damaligen Welt verbreitet und hatte natürlich überhaupt nichts mit der apostolischen Lehre gemein. Das war einfach, wie so oft, eine Verleumdung der Gläubigen von Seiten der Kirche, um das Vorgehen gegen diese wahren Gläubigen zu rechtfertigen.

Neben den Gemeinschaften, zu denen die Jesusbekenner gehörten, bildeten sich aber auch innerhalb der römischen Kirche andere gläubige Kreise (nach Henry Hart Milman im Buch „Römisches Christentum“). Diese waren das Ergebnis geistlicher Bewegungen, die sich in einer Weise entwickelten, dass Scharen, die dem Namen nach jener Gemeinschaft angehörten, ihre gewohnten Gottesdienste verließen und sich um die versammelten, die ihnen das Wort Gottes vorlasen und auslegten. Da war z. B. ein Prediger Peter de Bruys in der Provence und anderen Teilen Frankreichs, der das Wort klar und deutlich predigte und viele von dem „Wahnglauben“, in dem sie aufgewachsen waren, zu den Lehren der Schrift zurückbrachte, bis er 1126 zu St. Gilles verbrannt wurde. Aus der Schrift wies er nach, dass keiner getauft werden dürfe, bis er volles Verständnis für die Bedeutung der Taufe erlangt habe, dass es zwecklos sei, Kirchen zu bauen, da Gott wahre Verehrung entgegennimmt, wo immer sie ihm dargebracht wird, dass Brot und Wein nicht in Leib und Blut Christi verwandelt werden, vielmehr Zeichen zur Erinnerung an seinen Tod sind; und dass Gebete und gute Werke der Lebenden den Toten keinen Nutzen bringen können. Hier sehen wir, dass gesunde biblische Lehre nicht erst wieder nach der Reformation gelehrt wurde, sondern dass es neben der Kirche und auch innerhalb derselben immer schon in kleinem aber auch größerem Ausmaß Menschen und Gemeinden gab, die sich auf das Wort bezogen und an diesem Wort festhielten.

Albigenser und Waldenser:

Von den vielen Kreisen der Gläubigen und Gemeinden sowie Gemeinschaften, die überall in Europa entstanden, sind Albigenser und Waldenser besonders erwähnenswert.

Der Name Albigenser taucht erst nach dem Konzil auf, das um die Mitte des zwölften Jahrhunderts zu Lombers nach Albi gehalten wurde, wo die Gläubigen angeklagt (es wurde ihnen unter anderem strengstens verboten die Bibel zu lesen oder auch nur eine zu besitzen) und allem Glauben absagen sollten und sich wieder der Kirche zuwenden. Im Volksmund wurden die Brüder sehr häufig „Gute Leute“ genannt, und es wird allgemein bezeugt, dass ihre Lebensweise ein Vorbild für alle war. Im Besonderen stand ihre Schlichtheit und Frömmigkeit im Gegensatz zu der Zügellosigkeit des Klerus im Vordergrund. Bei ihren Treffen waren Geschwister aus Kleinasien und anderen Teilen Europas dabei, so z. B. wird von einem Bruder aus Konstantinopel berichtet, der gute Nachrichten über die Entwicklung der Gemeinden in seiner Heimat sowie in Rumänien, Bulgarien und Dalmatien brachte, ein anderer Bruder brachte Nachricht aus Albanien usw. Diese Berichte waren auch Anlass zu einer weitreichenden Erweckung in Südfrankreich. Die Gläubigen selbst nannten sich allerdings nie Albigenser, sondern dieser Name wurde ihnen später von außen gegeben. Die Albigenser wurden genauso wie die Waldenser als eine Gruppe der Katharer angesehen. Der Begriff Katharer (wörtlich die Reinen von griechisch katharos „rein“) steht, so kann man dies im Internet nachlesen, für die Gesamtheit der Gläubigen des mittelalterlichen Christentums in Europa, außerhalb der Kirche, und zwar hauptsächlich vom 12. bis zum 15 Jahrhundert, wo sie dann durch Verfolgung und mit Gewalt ausgelöscht wurden. Die Gruppe der Albigenser war vornehmlich im Süden Frankreichs sowie in Italien, Spanien und Deutschland verbreitet. Die Katharer, vor allem aber die Albigenser, werden noch heute, so im Internet nachzulesen, theologisch wie erwähnt, der Irrlehre des Manichäismus und der Gnosis bezichtigt, obwohl sich keine direkte Verbindung nachweisen lässt, weil es diese auch nicht gibt. Diese Verleumdungen durch die Zuordnung zu Irrlehrern, falschen Propheten und Predigern der eigenen Lehren, gab der Kirche Anlass zum gewaltsamen Vorgehen gegen diese Gläubigen. Wenn man keinen direkten Zusammenhang zwischen den Irrlehren der damaligen Zeit und den „Katharern“ bzw. Albigensern usw. herstellen konnte, dann kam man zu dem Schluss, dass die Gläubigen ihre Lehre von Dämonen erhalten haben müssen. Selbst Jesus wurde beschuldigt durch den obersten der Dämonen zu handeln. Matthäus 12,24: Aber als die Pharisäer das hörten, sprachen sie: er treibt die bösen Geister nicht anders aus als durch Beelzebub, ihren Obersten. Die Gemeinde Jesu wuchs damals trotz oder gerade wegen Verfolgung durch Verleumdung so stark überall in Europa, sodass die Kirche wohl auch deswegen gezwungen wurde zu handeln, um nicht die politische, wirtschaftliche und vor allem geistliche Macht zu verlieren.

Die „Katharer“ oder Albigenser selbst nannten sich nie nach dem Namen eines Mannes oder einer theologischen Richtung oder einer Ortsbezeichnung, sondern sahen sich in geistlicher Verbindung mit der damals weltweiten Gemeinde Jesu, also unter Brüdern, deren einziger Herr Jesus Christus ist und waren allein seinem Wort verpflichtet. Ob sie nun Waldenser, Arme Leute von Lyon, Bogomilen oder sonst wie genannt wurden, der Glaube an Jesus und das Festhalten an seinem Wort gab ihnen die Einheit im Heiligen Geist und die Kraft diesen Glauben zu bekennen, koste es was es wolle. Dieser Glaube war es, der sie in ganz Europa und darüber hinaus miteinander verband. Einige Brüder darunter widmeten sich ganz dem Reise- und Predigtdienst, sie wurden die „Vollkommenen“ genannt. Einige, die eben vollkommen sein wollten, verkauften alles und gaben den Erlös den Armen, gemäß dem Schriftwort, und folgten Jesus nach: Matth.: 19,21: Jesus antwortete dem Jüngling: Willst du vollkommen sein, verkaufe, was du hast, und gib`s den Armen und folge mir nach. Es ist interessant, dass es diese Art von Nachfolge in Armut später in der Verbreitung der frohen Botschaft nach der Reformation auch in Südtirol gelebt wurde durch die Hutterer, dazu später mehr, und heute noch praktiziert wird in ihren Bruderhöfen. Man anerkannte allerdings, dass nicht alle auf einen solchen Weg gerufen waren. Die Mehrzahl der Gläubigen sollte, in dem Bewusstsein, dass sie selbst und alles, was sie hatten, Christus gehörte, ihm daheim, in ihren Familien und in ihren gewohnten Beschäftigungen dienen.

Im Jahr 1209 rief der Papst einen Kreuzzug gegen den Grafen Raimund VI, der wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen, auf der Seite der „Albigenser“ war, und zu den sogenannten „Ketzern“ stand. Der Papst versprach auch damals schon, den, auf seiner Seite kämpfenden Männern, Ablässe, wie sie den Kreuzfahrern erteilt worden waren, die das große Wagnis der Befreiung der heiligen Stätte in Palästina von den mohammedanischen Sarazenen auf sich genommen hatten. Hier in Frankreich war es allerdings leichter einen Krieg zu gewinnen als in Palästina und so wurde eine der fruchtbarsten und am schönsten kultivierte Teil Europas jener Zeit zerstört, verheert und war 20 Jahre lang Schauplatz unsagbarer Schlechtigkeiten und Grausamkeiten bis die Gegend schließlich zur Einöde wurde. Erwähnenswert ist doch auch noch die Tatsache, dass in der Stadt Beziers folgendes passierte: als diese zur Übergabe gezwungen wurde, verbündeten sich die katholischen Einwohner mit den aus der Kirche ausgetretenen, obwohl sie gewarnt worden waren, dass, sollte die Stadt eingenommen werden, keine Seele am Leben bleiben werde. Die Stadt wurde gestürmt, und von den Zehntausenden, die darin Zuflucht gefunden hatten, blieb keiner verschont. Ein Beispiel dafür, dass es nicht darauf ankommt welcher kirchlichen Organisation man angehört oder welcher Name den Gläubigen oder Gemeinden gegeben wird, sondern es kommt zu allen Zeiten auf den inneren Glauben an die Person Jesus Christus an, zu dem sich Menschen bekennen auch oder gerade in schweren Zeiten. Wie bereits früher erwähnt wurde hier auch 1210 die Inquisition eingeführt und diese beendete das, was der Kreuzzug unvollendet gelassen hatte.

Es ist nicht bekannt, ob damals schon Katharer, also klare Bekenntnisse zur Gemeinde Jesu, auch in Tirol gab, aber da sich die Albigenser durch Verfolgung über ganz Europa verbreiteten, ist es schwer vorstellbar, dass Tirol ausgenommen worden ist. Es ist allerdings bekannt, dass sich in Italien nach den Erfolgen der Inquisition in den 1250 Jahren die verbliebenen Katharer nach Norditalien zurückzogen. Ihr Schicksal ähnelt aber jenem ihrer französischen Glaubensbrüder. Sie hatten sich die Festung Sirmione am Gardasee als letzte Zufluchtsstätte erwählt. Hier weilten auch etliche geflüchtete französische Katharer. 1276 wurde die Burg eingenommen und die überlebenden Katharer, insgesamt 178 Perfecti, im Jahr 1278 in der Arena von Verona verbrannt. Wer damit glaubt, die Gemeinde Jesu sei endlich besiegt worden, muss enttäuscht werden. Die Katharer, die Reinen, können nicht ausgelöscht werden, weil es Gott selbst ist, der sie rein macht und niemand kann die von ihm gereinigten besiegen: Römer 8, 31: Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns also scheiden von Liebe Christi?

Die Waldenser:

Die Waldenser waren ebenfalls eine Gruppe von Christen ähnlich den Albigenser, die hauptsächlich in den Alpentälern des Piemont lebten. Sie selbst nannten sich Brüder, nahmen den Namen Waldenser nicht an. Man weiß auch nicht genau woher der Name kam. Zum Unterschied von vielen anderen Gläubigen Gemeinschaften und Gemeinden führten sie ihren Ursprung immer auf apostolische Zeiten zurück. Sie entstanden genauso wie die Katharer, Bogomilen und andere nicht durch „Reformation“, da sie nicht von dem Muster des Neuen Testaments abgewichen waren, wie die römische, die griechische Kirche usw. sondern, wenn auch in unterschiedlichem Maß, die apostolische Überlieferung aufrechterhalten hatten. Seit der Zeit Konstantins gab es ohne Unterbrechung solche, die das Evangelium verkündeten und Gemeinden gründeten, unbeeinflusst von der bestehenden Verbindung zwischen Kirche und Staat. Hieraus erklärt es sich, dass große Gemeinschaften von Christen, fest gegründet in der Schrift und frei vom Bilderdienst und den Übeln in der herrschenden bekennenden Kirche, im Taurusgebirge wie in den Alpentälern zu finden waren. Die letzteren waren in der stillen Abgeschlossenheit ihrer Berge von der Entwicklung der römischen Kirche lange Zeit unberührt geblieben. Sie sahen die Schrift als bindend für Lehre, Leben und Gemeindeordnung an, nicht als durch die Zeitumstände überholt. Man sagt ihnen nach, ihre ganze Art des Denkens und Handelns entspringe dem Bestreben, den Charakter der ersten Christen zu behalten. Ein Zeichen dafür, so Broadbent, dass sie keine „Reformer“ waren, ist, dass sie gegenüber der römisch-katholischen Kirche verhältnismäßig duldsam waren, während ein Reformer wohl unbedingt die Übelstände in der Einrichtung, die er verlassen hatte, aufgezeigt hätte, schon allein deshalb, um auch sein eigenes Handeln zu rechtfertigen. Sie, die Brüder aus dem Piemont sind also nicht aus der Kirche ausgetreten oder exkommuniziert worden, denn sie waren überzeugt, dass ihr Glaube von Anfang an das Wort des ewigen Gottes gebunden war. Einige Vorfahren hatten, so waren sie selbst überzeugt, das Evangelium direkt von Paulus in Rom erfahren und in ihrer Heimat, in den Alpentälern von Piemont, verkündet. Dadurch wurden von Anfang an Gläubige vereint und Gemeinden gegründet. Dieser ihr biblischer Glaube wurde dann von Vater zu Sohn weitergegeben. Dadurch hatten sie keinen Grund gegen die falschen Lehren der Kirche und ihre Abweichung vom Wort Gottes vorzugehen, sondern konzentrierten sich, wie Paulus in Ephesus, getrennt von der Kirche, auf das apostolische Wort. Eine Einstellung und Vorgehensweise in Glaubens- und Lehrfragen der Gemeinden, die auch heute noch, wohl in keinem Zusammenhang mit den Waldensern, bei uns in Südtirol zum Teil vertreten wird. Man bemüht sich um biblische Unterweisung des Einzelnen und der Gemeinden mehr, als sich in unnützen Meinungen und Ansichten,  meist  basierend  auf  verschiedenem  traditionellem  und  kulturellem  geistlichem Hintergrund auseinanderzusetzen. Solche Auseinandersetzungen führen häufig entweder zu Streit über Lehr-Fragen oder zur Kompromiss-bereiten „Ökumene“ in Lehr-Fragen, die viele wichtige Themen des Neuen Testaments einfach ausklammern müssen. Beides will man vermeiden, denn die Gemeinde Jesu und vor allem die Lehrer und Leiter derselben sind dem Wort verpflichtet und nicht menschlichen Weisheiten: Jesus sagt in seinem hohenpriesterlichen Gebet im 17. Kapitel des Johannesevangeliums Folgendes: Vers 3:… und das ewige Leben zu haben heißt, dich zu kennen, den einzigen wahren Gott, und den zu kennen, den du gesandt hast, Jesus Christus. Es geht und ging immer darum Gott, den Schöpfer und Jesus, den Christus, kennenzulernen. Das kann man nicht, indem man menschliche Lehren und Gebote annimmt, sondern allein durch das Studium und das Lehren des Wortes. Weiters die Verse 7 u. 8 des 17. Kapitels: Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast. Paulus hat beim Abschied von den Ältesten der Gemeinde Ephesus auf Folgendes verwiesen: Apostelgeschichte 20 Verse 26,27: Darum bezeuge ich euch am heutigen Tage, dass ich rein bin vom Blut aller; denn ich habe nicht unterlassen, euch den „ganzen Ratschluss Gottes“ zu verkündigen. Es gilt dabei den ganzen Ratschluss Gottes, der in seinem Wort zu lesen ist, zu verkündigen und nicht nur Teile davon.

Die Waldenser hatten aber andererseits, vielleicht gerade auch wegen ihrer duldsamen Vorgehensweise im Glauben und Lehre der Kirche gegenüber, auch gute Verbindungen, wie bereits früher erwähnt, zum Bischof Claudius, seinerzeit Bischof von Turin, der von vielen sogar als Gründer der Waldenser angesehen wurde. Aber ihr Ursprung ist eindeutig älteren Ursprungs. Dieser Bischof und die Waldenser hatten sicher manches gemeinsam und sie haben sich auch gegenseitig gestärkt und ermutigt. So lehrt Claudius in seinem Kommentar zum Galaterbrief eindeutig die Rechtfertigung allein aus Glauben wie die Waldenser, aber er, als Mann der Kirche, weist auch auf den Irrtum derselben in dieser Sache hin, die gerade von dieser ewigen Wahrheit abwich. Die Brüder der Waldenser hatten sogar Kontakt bis in hohe Kreise: so erklärten sie ihren Glauben dem Prinzen von Savoyen, späterer Herrscher über Piemont, als auch Franz I. von Frankreich. Beiden erklärten sie 1544 und später: Dieses Bekenntnis zu Jesus und seinem Wort haben wir von unseren Vorfahren empfangen, von Hand zu Hand, sowie deren Vorgänger, in jedem Zeitalter seit Paulus, immer gelehrt und überliefert haben. Daher wurden sie auch vom Haus Savoyen zumeist toleriert. Allerdings später (1655 und 1686), als Savoyen Piemont mit Frankreich verbündet war, wurden die Waldenser verfolgt, besonders grausam und mussten zunächst fliehen. Später musste der Herzog von Savoyen aufgrund der Unterstützung durch Gläubige aus Frankreich schließlich nachgeben und ihnen gestatten, ihren inzwischen calvinistisch-reformierten Gottesdienst öffentlich auszuüben. Allerdings und trotz aller Zurückhaltung gegen die Kirche waren die Waldenser mehr oder weniger immer auf der Flucht: von Süditalien bis Deutschland, Schweiz und Österreich, vor allem im Donauraum und später sogar bis nach Südamerika.

Sie wurden sowohl in Deutschland als auch Österreich schlecht behandelt und als die Welschen beschimpft, verfolgt und auch getötet, in der Folge der Inquisition. Deshalb zogen sie sich, wenn möglich, erneut in die Einsamkeit der französischen und italienischen Alpentäler zurück. Ob dies auch für Tirol zutrifft, ist wiederum nicht bekannt. Aber die Lage zwischen Bayern, Österreich und der Schweiz lässt es zumindest vermuten. Diese Geschichte Tirols ist nicht ausreichend belegt in dieser Hinsicht. Ihnen war es aber immer wichtig, egal wo sie lebten, dem Evangelium treu zu folgen. Sie wollten weder Macht noch Gewalt ausüben. Gottes Liebe zu den Menschen wollten sie mit Wort und Tat bezeugen.

Unter ihren Gläubigen waren auch bekannte Namen der Geschichte, von denen ebenfalls zum Teil gesagt wird, sie hätten den Namen Waldenser von diesen Gründern. So war zum Beispiel „Petrus Valdes“ einer von ihnen, ein reicher Kaufmann, der all sein Besitztum verkaufte und es den Armen gab und fortan wie ein „Jünger Jesu“ leben wollte Er pilgerte durch Europa, um die frohe Botschaft von Jesus Christus zu verkünden. Er hatte viel Erfolg, war einer der Waldenser, aber nicht ihr Gründer, obschon der Name auch durchaus Hinweise geben könnte. Durch ihn und andere Prediger entstanden in Frankreich, gemäß der Verkündigung der frohen Botschaft der Armut, wie der Herr Jesus es gelehrt hat, die „Armen von Lyon“. Sie waren sehr beliebt und anerkannt beim Volk. Diese Armutsbewegung und das Beharren auf die Verkündigung des Evangeliums durch die Gläubigen, als auch das Festhalten am intensiven Bibelstudium und die Ablehnung kirchlicher außerbiblischer Lehren führte dazu, dass sie von der Kirche als Häretiker bezeichnet wurden und 1184 im Konzil von Verona niedergelegten Bulle als Ad Adolendam aufgeführt wurden. ABER: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen: mit diesem Gehorsam setzte Petrus Valdes mit seinen Glaubensbrüdern seine Reise- und Predigttätigkeit fort durch Europa und kam bis nach Böhmen, wo er 1217 starb, nachdem er dort jahrelang gewirkt und eine Saat ausgestreut hatte, deren Frucht sich in der geistlichen Ernte jenes Landes zur Zeit des Hus und später zeigte.

Franz von Assisi:

Es gab auch immer wieder, das ist erwähnenswert, innerhalb der Kirche Menschen, die mit dem System Kirche vor allem der Machtergreifung durch die Kirche und das „verweltlichte“ Leben der Kirchenführer nicht einverstanden waren und eine Erneuerung des geistlichen Lebens bergehrten, sich aber nicht von dem System lösen und mit den Gläubigen Gemeinden verbinden konnten, die außerhalb der Kirche danach trachteten nach den Grundsätzen der Schrift zu handeln. Eine Einstellung, die bis heute in einigen Gläubigen Kreisen der Kirche vorherrscht und man diese, die Kirche, von unten, also von den „einfachen“ Gläubigen reformieren möchte und deshalb durchaus sich auch mehr dem Wort Gottes zuwendet. Das mag Franz von Assisi auch so erlebt haben. Er hörte nämlich, im gleichen Jahr (1209) als Papst Innozenz III. den Kreuzzug gegen den Süden Frankreichs begann, in der Messe die Worte Jesu aus dem zehnten Kapitel des Matthäusevangeliums, mit denen er den zwölf Aposteln, die er aussandte, seine Befehle erteilte. Darin sah Franziskus den Weg zur Reform, nach der ihn verlangte, und er fühlte sich selbst berufen, in äußerster Armut und Niedrigkeit zu predigen. So entstand der Orden der Franziskanerbrüder, der sich so rasch über die ganze Welt ausbreitete. Franziskus war ein begnadeter Prediger und sein Ernst, seine Hingabe, seine fröhliche Natur zogen Scharen an, die ihn hören wollten. Franz von Assisi erhielt dann auch vom Papst, zwar widerstrebend aber doch, die Anerkennung ihrer „Regel“ mit der Predigt Erlaubnis. Die Zahl der Menschen, die diesem Orden beitreten wollten, war so groß, dass man einen „dritten Orden gründete, in dem auch Menschen dabei sein konnten, die zwar ihrer seitherigen Beschäftigung weiter nachgingen, sich aber doch unter die vorgeschriebene Lebensregel stellten, deren Muster hauptsächlich in den Anweisungen des Herrn Jesus für seine Apostel zu finden war. Sie gelobten, unrechtes Gut zu erstatten, sich mit den Feinden zu versöhnen, mit allen in Frieden zu leben, ihr Leben im Gebet und in Werken der Barmherzigkeit zu verbringen, Fasten und Nachtwachen zu halten, den Zehnten an die Kirche zu zahlen, keine Eide zu leisten, keine Waffen zu tragen, keine üble Rede zu führen, gegenüber den Toten Pietät zu üben. Einiges war also auch nach menschlichen Gedanken und Lehren dazugekommen, aber es entsprach doch den Richtlinien des neuen Testaments. Franziskus setzte in seiner Predigttätigkeit all seinen Eifer ein, um sowohl Heiden und Mohammedanern, aber auch seine eigenen Landsleute zu Jesus Christus zu bekehren. Er war auch bereit das Evangelium den Ungläubigen in Palästina und Marokko zu verkünden. Dabei kämpfte er nicht wie die Kreuzfahrer mit weltlichen Waffen, sondern mit dem Wort Gottes und seiner Botschaft des Friedens mit Gott. Der Orden breitete sich unter anderem wegen seiner unermüdlichen Predigttätigkeit in vielen Ländern von Nordafrika bis England aus. Aber dann war der Orden so groß geworden, dass Franziskus selbst nicht mehr alles unter Kontrolle halten konnte und unter die organisatorische Vollmacht von Männern verschiedener Richtungen geriet. So wurde unter dem Kummer des Franziskus die Regel der Armut gemildert. Nach seinem Tod gab es zwei Richtungen: die freieren Fratres und die strengeren. Letztere wurden verfolgt und 1318 erklärte der Papst die Lehre, Christus und seine Apostel hätten nichts besessen, für Ketzerei. Das musste eine Kirche, die selbst auf Reichtum aus war, wohl so entscheiden.

E.H.Broadbent fasst die Geschichte der Orden, in diesem Fall den Orden der Dominikaner und Franziskaner folgend zusammen: Die Geschichte der Mönche und Fratres zeigt, dass wenn es gelingt, eine geistliche Bewegung innerhalb des Rahmens der römisch-katholischen Kirche oder eines anderen Systems zu halten, sie unausweichlich dazu verurteilt ist, auf das Niveau derer herabzusinken, die sie eigentlich reformieren wollte. Sie erkauft ihre Befreiung von Verfolgung um den Preis ihres inneren Lebens d.h. dort, wo Menschen in den entstandenen Orden dabei blieben am Wort des ewigen Gottes zu glauben und daran festzuhalten, wurden sie früher oder später von der bestehenden Kirche verfolgt und entweder mussten die wahren Gläubigen mit dem Leben bezahlen oder sie kehrten durch Kompromisse in ihrem Glauben in den Schoß der Kirche zurück. Zwei Männer seien als praktisches Beispiel gegenüberstellend erwähnt:

Franz von Assisi und Petrus Waldes waren beide von der gleichen Lehre des Herrn ergriffen und übergaben sich mit letzter Hingabe dem Herrn Jesus. Durch das Beispiel, das sie beide waren, und die Belehrungen, die sie brachten, gewannen beide die Herzen großer Mengen und bestimmten deren ganze Lebensweise. Die Ähnlichkeit wurde zum Gegensatz, als der eine von der organisierten Religion Roms anerkannt, der andere abgelehnt wurde. Die inneren Beziehungen zum Herrn mögen bei beiden gleichgeblieben sein, aber das praktische Ausleben ging weit auseinander. Die Franziskaner wurden vom römischen System aufgesogen und halfen mit, Menschen daran zu binden; Waldus und seine Predigerschar dagegen führten ungezählte Seelen zum Wort zurück, wo sie frische und unausschöpfliche Segensfülle aus den „Quellen des Heils“ für sich schöpfen lernten. Ein Beispiel von vielen in der Geschichte der Jünger Jesu, das auch uns heute als seine Gemeinde zur Überlegung drängt aus welcher Quelle wir schöpfen.

Ausbreitung der Gemeinden in ganz Europa:

Ab dem 11. Jahrhundert wurden die Gemeinden in Folge der Verkündigung des Evangeliums durch Waldes und viele andere Prediger in ganz Europa weit verbreitet. Die Gläubigen und Gemeinden waren zahlreich geworden in Frankreich, Italien, Österreich und vielen anderen Ländern. Ein gläubiger Priester schrieb damals (Broadbent): In der Lombardei, der Provence, und anderwärts hatten die Ketzer (von der Kirche so bezeichnet) mehr Schulen als die Theologen und weit mehr Hörer. Die Gläubigen kamen aus allen Ständen: Adelige, Priester, Reiche und Arme, Männer und Frauen. Sie alle, ob sie nun Waldenser, Arme von Lyon, Katharer oder anders benannt wurden, hatten eine gemeinsame Quelle, aus der sie ihren Glauben bezogen und ihr Leben gestalteten: aus der Quelle der Lehre der Schrift und der Praxis der Urgemeinden. Es gab auch in allen Sprachen Übersetzungen der Schrift oder Teile davon. Ihr Dasein beweist, dass es zu jeder Zeit Männer und Frauen des Glaubens gegeben hat, Menschen mit geistlicher Vollmacht und Einsicht, die in den Gemeinden eine Überlieferung aufrechterhielten, welche derjenigen der Apostel entsprach und weit entfernt war von der, welche sich in den herrschenden Kirchen entwickelt hatte. Außer der Heiligen Schrift hatten diese Gläubigen kein besonderes Glaubensbekenntnis, keine Religion oder bestimmte Regeln, und sie gestatteten keinem Menschen, wie hervorragend er auch sein mochte, die Autorität der Schrift beiseite zu setzen. Besonders Letzteres ist ein Zeugnis des Glaubens an die Autorität der Schrift, die gerade in unserer Zeit auf vielfache Weise zerlegt, verschieden interpretiert und je nach herrschender Meinung und Kultur ausgelegt wird, liberalisiert dem Zeitgeist oder der Tradition unterworfen wird, angepasst an verschiedene Denominationen usw. Der einzelne Gläubige tut sich da oft schwer die Wahrheit der Schrift zu erkennen und zu verstehen. Umso mehr ist jeder herausgefordert die Schrift zu studieren, denn sie ist Wahrheit und oberste Autorität in allen Fragen des Glaubens und Lebens.

Lehrmäßige und gelebte Glaubensinhalte der Gemeinden Jesu:

Durch die Jahrhunderte hindurch und in allen Ländern bekannten unsere gläubigen Vorfahren dieselben Wahrheiten und übten dieselben Praktiken aus. Sie werteten Christi Worte, die ja heute dieselben sind wie damals, in den Evangelien als die höchste Offenbarung, und wenn sie einmal nicht in der Lage waren, eins seiner Worte mit anderen Teilen der Schrift in Einklang zu bringen, handelten sie nach dem, was ihnen die unmissverständliche Bedeutung der Evangelien zu sein schien. Christus nachfolgen war ihr Hauptthema und Ziel, sein Wort halten, sein Beispiel nachahmen. Der Geist Christi, so sagten sie, wirkt in jedem Menschen in dem Maß, als er den Geboten Christi gehorcht und sein getreuer Nachfolger ist. Den Anspruch der großen bekennenden Kirche, sie allein öffne oder schließe den Weg zum Heil, ließen sie nicht gelten. Auch glaubten sie nicht, dass das Heil durch Sakramente oder anderes außer dem Glauben an Christus zu erlangen sei, der sich in den Werken der Liebe ausweisen musste.

Es gab auch ab dem 12. Jahrhundert Berichte über eigene Häuser, die von Gaben reicher Wohltäter unterhalten wurden, in denen arme und vor allem alte Leute Verpflegung und Unterkunft bekamen. Sie wurden Arbeitshäuser genannt und die Insassen nannten sich selbst „Arme Christi“, wobei Männer den Namen Begarden und Frauen Beginen bekamen. Ein vorbildliches soziales System.

In Fragen der Gemeindeordnung ließen die verschiedenen Gemeinden Jesu Schlichtheit walten. Es gab Älteste, die ihr Amt mit äußerstem Ernst ausübten. Sie wurden von der ganzen Gemeinde gewählt. Das Mahl des Herrn wurde in Brot und Wein gereicht, und zwar allen Gläubigen. Es wurde als Erinnerung an den Leib des Herrn, der für sie hingegeben wurde, angesehen und gleichzeitig als ernste Mahnung, selbst bereit zu sein, für seine Sache „gebrochen und ausgegossen“ zu werden. Taufe wurde als Glaubenstaufe, also wenn ein Mann oder Frau zum Glauben an Jesus Christus kam, verstanden. Dies alles, ihr Glaube und ihr Leben, unterschied sich deutlich von der Glaubens-, Lehr- und vor allem Autoritätsvorstellung der Kirche. 1. Tim 3,14 und 15: dies schreibe ich dir und hoffe bald zu dir zu kommen, wenn ich aber erst später komme, sollst du wissen, wie man sich verhalten soll im Hause Gottes, das ist die Gemeinde des lebendigen Gottes, ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit.

Folgen des kompromisslosen Glaubens an Jesus und sein Wort:

Im Jahr 1163 untersagte Papst Alexander III. im Konzil von Tours jeglichen Verkehr mit Waldensern und anderen Gläubigen, weil sie eine verdammungswürdige Ketzerei lehrten. Sie wurden ab da massiv verfolgt und hingerichtet. So z.B. wurde in einer Gemeinde in Köln, die schon lange bestand, 1150 eine Anzahl ihrer Glieder hingerichtet, von denen ihr Richter sagte: Sie gingen nicht nur mit Geduld, sondern mit Leidenschaft in den Tod. So eine Kraft und Überzeugung vor Angesicht des Todes kann nur der Heilige Geist einem Menschen geben, indem er den Gläubigen die Augen öffnet für die Ewigkeit und den Ewigen. In Straßburg wurden von den Dominikanern im Jahr 1212 etwa fünfhundert Menschen eingekerkert, worunter 12 Priester und dreiundzwanzig Frauen waren. Ihr Führer und Ältester mit Namen Johannes erklärte, als es zum Sterben ging: Wir sind alle Sünder, aber nicht unser Glaube macht uns dazu, noch sind wir der Lästerungen schuldig, deren wir ohne Ursache angeklagt werden, doch wir erwarten die Vergebung unserer Sünden, und dies ohne das Mitwirken von Menschen und ohne Verdienst unserer eigenen Werke: 2. Petrus 2,24: Er, Jesus Christus, welcher unsere Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

14-15. Jahrhundert:

Ausbreitung der Gemeinde Jesu am Ende des Mittelalters:

Die Gemeinde Jesu breitete sich auch gegen Ende des Mittelalters entgegen der üblichen Meinung über dieses „finstere“ Zeitalter in ganz Europa aus. In einigen Orten waren die Gläubigen sogar so zahlreich und einflussreich, dass sie dadurch auch ein großes Maß an Freiheit genossen. Obwohl den Gläubigen insgesamt viele Namen beigelegt wurden und es bei der Vielzahl tatsächlich auch unterschiedliche Meinungen gegeben haben muss, waren sie doch im Wesentlichen eins und hatten miteinander ständige Verbindung und Gemeinschaft. Der Einfluss der waldensischen „Apostel“ und das Zeugnis der „Brüder“ erreichten auch weit mehr Kreise als die, mit denen sie direkt verbunden waren. In der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts gewann daher ihre Lehre eine Ausdehnung wie nie zuvor (Broadbent). Da konnte die bekennende Kirche mit ihrem Machtstreben nicht tatenlos zusehen:

Im Jahre 1302 erließ Papst Bonifatius VIII. eine Bulle mit der Erklärung, dass Unterwerfung unter den Papst zu Rom für jeden Menschen notwendig sei zur Errettung seiner Seele. Daraus wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass es in der Welt keine gottgegebene Autorität gebe als die, die sich vom Papst herleitet. Dazu hatte jedoch auch die weltliche Macht ein Wort mitzureden, denn die Autoritäten wurden ja häufig zwischen kirchlicher Macht, sprich Papst, und weltlicher Macht ausgehandelt bzw. ausgekämpft. Zur genannten Zeit stand auf der weltlichen Macht der Kaiser, Ludwig von Bayern, an der Spitze derer, die gegen die Ansprüche, wie sie der Papst erhob, protestierten. Der Papst stellte daraufhin den größten Teil des Reiches unter ein Interdikt – (Verbot kirchlicher Amtshandlungen durch Laien als Strafe für Einzelne oder eines ganzen Bezirkes). Das heißt kirchliche Amtshandlungen waren nur für Priester vorgesehen und nicht für einfache Gläubige. Die biblische Lehre breitete sich trotzdem rasch aus, vor allem unter Handwerkern und Kaufmannsgilden (so nannte man die verschiedenen Organisationen von Handwerkern). Diese waren zu jener Zeit sehr mächtig und hatten Verbindungen in allen Ländern, von Portugal bis Böhmen, von England bis Sizilien. Unter ihnen waren eben auch Lehrer (Laien, keine Priester) der Heiligen Schrift. In dem Aufgabenbereich dieser „Gilden“ nahmen Schriftlesung und Gebet einen hervorragenden Platz ein. Besonders hervor tat sich die Gilde der Bauleute. Sie bauten wunderbare Kirchen, aber in den Bauhütten rund um die emporwachsenden Dome las der Meister die Bibel, sogar in Zeiten, da anderwärts der Besitz einer Bibel mit dem Tod bestraft wurde. Viele Außenstehende wurden Mitglieder dieser „Gilden“, um Schutz vor Verfolgung zu erlangen, aber auch um die Gelegenheit wahrzunehmen Gottes Wort zu hören. Diese Gilden, vor allem in den Städten des Reiches, unterstützten Kaiser Ludwig von Bayern gegen den Papst. Sie erklärten, dass dieser Kaiser von allen Fürsten der Erde am meisten nach den Lehren Christi lebe, und dass er im Glauben wie im sittlichen Verhalten allen anderen als Vorbild leuchte. So zeigt sich erneut, dass es gut ist auch für die Mächtigen der Welt, die Politiker und Führer, die ja in letzter Instanz von Gott eingesetzt sind, zu beten, (Rö. 13,1; Titus 3,1; Johannes 19,11; 1. Tim. 2,2), denn von ihnen hängt auch der allgemeine und äußere Friede in den Gemeinden ab, der für ein gutes Leben und eine friedvolle Verbreitung des Evangeliums förderlich ist, sofern die Gläubigen dem Wort anhangen.

Auf der anderen Seite, der kirchlichen, wurden alle Anstrengungen unternommen, um das “ketzerische Schrifttum“ zu vernichten. Es gab zu dieser Zeit nämlich einige „Brüder“, die Schriften verfassten, um das Evangelium von Jesus Christus zu erklären und verständlich zu machen. Andererseits gab es auch Schriften, die das Papsttum bestätigten. Einer der bekanntesten in dieser Reihe war Thomas von Aquin (13. Jahrhundert). Er war ein italienischer Dominikaner und einer der einflussreichsten Philosophen und der, nach Broadbent, bedeutendste katholische Theologe der Geschichte. Er gehört auch zu einem der bekanntesten Kirchenlehrer der römisch-katholischen Kirche und ist als solcher unter verschiedenen Beinamen wie etwa Doctor Angelicus bekannt. Über den Papst schrieb dieser: „für seine Vollmacht gibt es keine Schranken. Er kann als richtig erklären, was er will, und er kann jedem sein Recht absprechen, wenn er das für gut befindet. Diese universelle Gewalt bezweifeln, heißt sich vom Heil ausschließen. Die großen Ketzer der Kirche sind die Ketzer, die das Joch echten Gehorsams nicht tragen wollen. Diese nennen sich Brüder oder arme Leute oder Begarden. Viele von ihnen, sagt Thomas von Aquin, sind früher Maurer, Schmiede usw. gewesen. Hier sehen wir den gewaltigen Kampf zwischen Kirche und Gemeinde Jesu. Natürlich gab es auch Schriften von Irrlehrern, die weder auf der Seite der Kirche noch auf Seite des wahren Evangeliums standen. Sie versuchten durch ihre eigenen Lehren Gläubige sowohl von der Kirche als auch der Gemeinschaft der „Brüder“ abzuziehen.

Sowohl unter den Priestern als auch den „Kloster Patres“ gab es immer wieder solche, die sich zum klaren Evangelium stellten und sich deshalb zu den „Freunden Gottes“ oder „Brüder“ bekannten. Einer von ihnen, Johannes Tauler, erklärte dem einfachen Volk, welche immer wieder betonten alles zu tun, was die Kirche befiehlt und damit im Gehorsam zu leben, Folgendes: wenn sie auch dies alles getan hätten, sie doch für immer keinen Frieden im Herzen haben könnten, wenn nicht das unerschaffene, ewige Wort des himmlischen Vaters sie innerlich erneuere und wirklich eine neue Kreatur aus ihnen mache. Stattdessen wiegen sie sich, hier ist vor allem die „Geistlichkeit“ gemeint, in eine falsche Sicherheit und sagen: Wir gehören einem heiligen Orden an, haben die heilige Gemeinschaft, beten und lesen. Ähnlich glaubten auch die Pharisäer, indem sie zu Jesus sagten: wir sind Abrahams Kinder (Johannes 8,33 und 39) und damit, so waren sie überzeugt, Gott automatisch auf ihrer Seite zu haben. „Dieses blinde Volk meint,“ so schreibt dieser Dominikaner Johannes Tauler, „mit dem tiefen Leiden unsers Herrn Jesus Christus und mit seinem kostbaren Blut ungestraft spielen zu können. Nein, Kinder, nein, so kann es nicht sein…“. Es geht nicht darum unsere Abstammung oder unsere Taten in den Vordergrund zu stellen. Christus sagt dazu: Abrahams Kinder würden nach der Wahrheit trachten und dem Sohn Gottes glauben. Wenn jemand meint seine Taten könnten Gott beeindrucken, so sagt Jesus: ich kenne euch nicht (Matth. 7,23). Nein, sondern der wahre Gläubige stellt Jesus und sein Wort in den Mittelpunkt, und zwar in allem. Dies wurde von allen wahren Gläubigen, ob Priester, Ordensmann oder Laie klar gelehrt und geglaubt: Die Bücher Taulers wurden von der Kirche, wie andere Schriften von Gläubigen auch, verbrannt, sodass wir generell nur wenige überlieferte Schriften von jener Zeit haben, welche von Gläubigen verfasst wurden und über ihren Glauben berichteten. Jedoch hielten die Gläubigen an folgender Aussage Jesu fest: Ich (Jesus Christus) bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater außer durch mich (Joh. 14,6).

Der entlegene Ort in den Bergen:

Ein guter Freund Taulers, genannt der Freund Gottes aus dem Oberland, ließ sich mit einigen Gefährten nach dem Erdbeben im Jahre 1356 zu Basel an einem entlegenen Ort in den Bergen nieder. Er selbst blieb unverheiratet, verkaufte all seinen Besitz und verteilte das Geld an die Armen, nach dem Vorbild vieler anderer Glaubensbrüder. Er beschreibt die kleine Siedlung in den Bergen als eine von schlichten, guten, bescheidenen, christlichen Brüdern. Er sagt, sie alle seien überzeugt, dass Gott im Begriff stehe, etwas zu tun, was bislang noch unbekannt sei und bittet um Gebete, denn, so sagt er, die Freunde Gottes sind ziemlich in Not. Er sprach deutsch und italienisch und besuchte unter anderem öfters auch die Brüder in Italien. Im Jahre 1380 kamen dreizehn Freunde Gottes an dem verborgenen Ort in den Bergen zusammen. Darunter war ein Bruder aus Mailand und einer aus Genua, ein Kaufmann, der ebenfalls seinen ganzen Reichtum für die Sache des Herrn hingegeben hatte, und auch zwei aus Ungarn. Nach vielen Gebeten feierten sie gemeinsam das Herrenmahl. Dann begannen sie ihre Beratungen, was am Besten zu tun sei im Blick auf die neuerlich über die Gläubigen hereingebrochene Verfolgung, und danach sandten sie ihre Empfehlungen an die geheimen Freunde in verschiedenen Ländern. Später gingen sie auseinander, jeder seinen Weg, und erlitten, soweit festgestellt werden kann, um ihres Zeugnisses willen, den Tod.

Zunehmende Verfolgung:

Die Brüder in dem geheimen Ort in den Bergen sollten recht behalten, dass Gott etwas Neues bewirken wollte, angesichts der zunehmenden Bedrängnis der Gemeinden Jesu durch die veränderten weltlichen Machtverhältnisse. Der Tod Kaiser Ludwigs und die Wahl Karls IV. (1348) zeitigten zunächst einen unheilvollen Wechsel in den Verhältnissen der christlichen Gemeinschaften. Der neue Kaiser stand ganz unter dem Einfluss des Papstes und seiner Partei, und das wurde zu entschiedeneren Anstrengungen ausgenutzt, jede abweichende Meinung zu vernichten. Während der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts hatten die Gläubigen Gemeinden außerordentlich zugenommen, und der Einfluss ihrer Lehre hatte viele Menschen tief ergriffen, die sich vorher nicht zu ihnen gehalten hatten. Doch von der Mitte des Jahrhunderts an waren sie furchtbaren Drangsalen ausgesetzt. Inquisitoren wurden in zunehmender Zahl ins Reich gesandt, und der Kaiser erteilte ihnen alle Vollmachten, die der Papst verlangte. Der größere Teil Europas wurde Schauplatz der grausamen Hinrichtungen vieler seiner besten Bewohner. Berichte über Verbrennungen sind zahlreich vorhanden. In ganz Europa von Böhmen, Mähren, Deutschland bis in die Schweiz wurden Gläubige mit unvergleichlicher Härte verfolgt und erlitten den Tod meist durch verbrennen. In dieser Zeit erließ Papst Bonifatius IX ein Edikt, das die Ausrottung der „üblen ketzerischen Pest“ mit allen geeigneten Mitteln anordnete. Er zitiert aus einem Bericht, in dem er die Inquisitoren in Deutschland als seine geliebten Söhne nennt, durch welche jährlich in den verschiedenen Städten mehrere von dieser widerspenstigen Sekte verbrannt worden sind. Im Jahre 1395 prahlte der Inquisitor Peter Pilichdorf, es sei gelungen, der Ketzer Herr zu werden. Böhmen und England waren Zufluchtsstätte für viele, die dorthin flohen. Die Lehre Wicliffs in England sowie von Hieronymus und Hus in Böhmen haben diese Länder mächtig beeinflusst.

Dokumente eines lebendigen Glaubens und deren Folgen:

Ein Dokument aus dem Jahre 1404, das in Straßburg aufbewahrt wird, enthält, obwohl es von einem Gegner geschrieben wurde, das Zitat eines der Brüder, der sagt: Zweihundert Jahre hat unsre Gemeinschaft sich guter Zeiten erfreut, und die Brüder wurden so zahlreich, dass in ihren Versammlungen 700 und mehr Menschen anwesend waren. Gott tat Großes für die Gemeinschaft. Dann brach eine schwere Verfolgung über die Diener Christi herein, sie wurden von Land zu Land getrieben, und diese Grausamkeit dauert bis heute an. Oft blüht die Gemeinde infolge der großen Zahl der Heiligen und ist stark auf Erden, dann wieder scheint sie zu sinken und ganz zu verschwinden. Aber wenn sie an einem Ort aufhört, so wissen wir, dass sie in anderen Ländern erscheint, auch wenn der Heiligen nur wenige sind, die ein gottgefälliges Leben führen und in der heiligen Gemeinschaft verharren. Die Gemeinde wird dann immer wieder aufgebaut in größerer Zahl und Stärke. Der Gründer unserer Gemeinschaft ist Christus, und das Haupt unserer Gemeinde ist Jesus, der Sohn Gottes.

Dasselbe Dokument beschuldigt die Brüder allerdings auch, sie zerstörten die Einheit der Kirche, indem sie lehrten, ein Mensch, auch wenn er noch so tugendhaft lebe, könne doch nur durch den Glauben das Heil erlangen. Ferner wurden sie angeklagt, dass sie keine geschriebenen Gebete hatten, sondern dass einer ihrer Ältesten ein Gebet beginnen und länger oder kürzer sprechen konnte, wie es ihm gut schien; außerdem wurden sie beschuldigt, dass sie die Heilige Schrift in ihrer Muttersprache im Gedächtnis hatten und sie in dieser Sprache in ihren Versammlungen wiederholten.

Politische Veränderungen, Erfindungen, Entdeckungen und die Gemeinde Jesu:

Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts begannen eine Reihe Ereignisse Europa umzuformen, eine Veränderung, die Gott wohl bewirkte seiner Gemeinde wegen, so wie die geheime Brüderversammlung in der Bergen prophetisch voraussagte:

  • die Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 hatte die Flucht vieler gelehrter Griechen nach dem Westen zur Folge. Diese brachten wertvolle Manuskripte der alten griechische Literatur mit, die im Westen längst vergessen war. Die griechische Sprache wurde neu interessant und sogar bis nach Oxford gelehrt. Dadurch bekam aber auch das Neue Testament, in griechischer Sprache geschrieben, neue Belebung. Unter den Griechisch-Studenten in Florenz war auch John Colet, der später in Oxford Vorlesungen über das Neue Testament hielt. Er setzte die überkommene Religion beiseite und enthüllte Christus. Er legte die Briefe des Apostel Paulus aus und bezog sich dabei auf den griechischen Urtext. Reuchlin, ein Jude tat gleichfalls einen wertvollen Dienst, indem er das Studium der hebräischen Sprache in Deutschland wieder aufleben ließ.
  • Gleichzeitig bot die Erfindung des Buchdrucks Möglichkeiten, durch die die neuen Erkenntnisse verbreitet werden konnten, und es war der Bibeldruck, für den die ersten Druckpressen in der Hauptsache benutzt wurden.
  • Die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus und die des Sonnensystems durch Kopernikus brachten gleichfalls eine wesentliche Erweiterung der menschlichen Erkenntnisse und Tätigkeiten.

Das Studium des Neuen Testaments in zahllosen Kreisen zeigte den ungeheuren Gegensatz zwischen Christus und seiner Lehre auf der einen und der aufs Äußerste verderbten Christenheit auf der anderen Seite. Zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts gab es 98 gedruckte vollständige Ausgaben der lateinischen Bibel und noch weit mehr Bibelteile (Broatbend). Der Erzbischof von Mainz erneuerte daraufhin das Verbot der Benutzung von deutschen Bibeln, aber innerhalb von etwa zwölf Jahren wurden vierzehn Ausgaben der deutschen, vier Ausgaben der holländischen und eine große Zahl von Bibelteilen gedruckt.

Erasmus von Rotterdam:

von all den Gruppen berühmter Gelehrter und Drucker, die Europa umgestalteten, wurde Erasmus der bestbekannte Gelehrte. Sein größtes Werk war die Veröffentlichung des Griechischen Neuen Testaments mit einer neuen lateinischen Übersetzung, versehen mit vielen Anmerkungen und Erklärungen. Auflage um Auflage wurde verlangt. Allein in Frankreich wurden in kurzer Zeit 100 000 Exemplare verkauft. Die Menschen waren in der Lage, die Worte zu lesen, die das Heil in die Welt gebracht hatten. Sie lernten durch das Lesen der Bibel Christus und die Apostel kennen, sie sahen, dass die religiöse Tyrannei und Bosheit, die sie so lange bedrückt hatte, mit der Offenbarung Gottes in Christus nichts zu tun hatte. Da Erasmus in seinen Anmerkungen den Gegensatz zwischen der Lehre der Schrift und der Praxis der römischen Kirche herausgestellt hatte, wurde Unwillen gegen die Geistlichkeit laut. Über den Papst schrieb Erasmus folgendes: „Ich habe mit eigenen Augen Papst Julius II gesehen… als er an der Spitze eines Triumphzuges daher ging als sei er Pompejus oder Cäsar. Der heilige Petrus unterwarf die Welt durch den Glauben, nicht mit Waffen oder Soldaten oder Kriegsmaschinen, die „Nachfolger“ des heiligen Petrus würden so viele Siege erringen wie dieser, wenn sie seinen Geist hätten…“. In seiner Einleitung zum Griechischen Neuen Testament schrieb Erasmus von Christus und den Schriften: Hätten wir ihn mit unseren Augen gesehen, würden wir kaum eine innigere Kenntnis besitzen, als sie, die Schriften, uns von Christus vermitteln, wie er sprach, heilte, starb, auferstand, als sei es in unserer Gegenwart geschehen. Mit diesen Augen und Ohren sollten wir heute ebenfalls Sein Wort lesen und hören. Dabei lag Erasmus ein großartiger Wunsch für die Menschen seiner Zeit am Herzen: „Ich wünsche, dass auch die schwächste Frau die Evangelien und die Briefe des heiligen Paulus lesen möge. Ich wünsche, sie würden in alle Sprachen übersetzt, so dass sie nicht nur von Schotten und Iren, sondern auch von Sarazenen und Türken gelesen und verstanden werden könnten.“ Aber der erste Schritt dahin, dass sie gelesen werden können, ist, dass sie dem Leser verständlich gemacht werden. Ich sehne mich nach dem Tag, da der Bauer Teile daraus für sich singt, wenn er hinter dem Pflug her schreitet, da der Weber sie nach dem Takt seines Webschiffchens summt und der Wanderer mit ihren Geschichten die Beschwerden der Reise vertreibt.

Dieser Wunsch ist in unseren Zeiten Teil der Welt bei Weitem in Erfüllung gegangen, zumindest was die Möglichkeit betrifft das Wort Gottes in der jeweiligen Muttersprache lesen zu können, ja wir haben inzwischen viele verschiedene Übersetzungen und eine Menge an Kommentaren und verschiedene Erklärungen der Interpretation, aber es fehlt wohl an dem Verlangen, dieses einmalige, ewige Wort des einen wahren Gottes ins Herz zu schließen und in den Alltag zu integrieren und es als Brot des Lebens zu betrachten. Ich frage mich, was ist es, dass Menschen unserer Zeit einerseits nach Leben, Wohlstand und Gesundheit trachten, aber andererseits das Wort des Lebens geringachten und aus ihrem Alltagsleben oft ausklammern, obwohl es für jeden in „greifbarer“ Nähe ist. Charles Spurgeon, ein bekannter englischer Prediger, der lange nach Erasmus lebte, aber das Wort des Lebens ebenfalls in einer sehr lebendigen und lebensnahen Art verkündete, sagte einmal: Niemals bist du so reich, wie wenn du alles was du hast in die Hand Gottes legst. Sorge dafür, dass du alle deine Lieben in die Hand Gottes legst. Wer das von Herzen bereit ist zu tun, vor allem sein ganzes Leben in die Hand des ewig Seienden und seines Sohnes, Jesus Christus, zu legen, wird auch die Sehnsucht und das Verlangen bei sich entdecken Gottes Wort zu lesen, um dabei langsam zu begreifen, dass das Wort Gottes ein Liebesbrief und kein Drohbrief des Vaters im Himmel an uns Menschen ist, und zwar an jeden Einzelnen: an mich, an dich.

Friedliche Reformation der Christenheit:

Besonders zu dieser Zeit, des späten Mittelalters, versuchten viele Gläubige eine einheitliche Reform der römischen Kirche mit den Gemeinden außerhalb der Kirche zu erreichen. Die politischen, geistlichen und kulturellen Voraussetzungen schienen dafür günstig zu sein. Erasmus gehörte zu einem der vielen, die auf eine solche friedliche Reformation der Christenheit hofften. Auf den blutrünstigen Papst Julius war Leo X. aus der berühmten Familie der Medici gefolgt, gottlos, aber ein Freund von Kunst und Literatur; er gab seine Genehmigung zur Herausgabe des Griechischen Neuen Testaments durch Erasmus. Franz I., König von Frankreich, hatte lieber ganz Europa widerstanden als die Freiheit Frankreichs Papst Julius zu opfern. Heinrich VIII von England war entschieden für eine Reform. Die andern Herrscher Europas, im Reich und in Spanien, waren wohlgesinnt. Aber große Einrichtungen sind nicht leicht zu ändern. Kritik nehmen sie übel und widerstehen Reformen. Es hat also nie wirklich eine reale Möglichkeit gegeben, dass der römische Stuhl in eine Linie mit der Lehre und dem Vorbild Christi gebracht würde.

Das trennende Fundament der Kirche und der Gemeinde Jesu:

Die Lehre der katholischen Kirche konnte nicht mit der apostolischen Lehre der Gemeinde Jesu in Einklang gebracht werden, da das Fundament ganz verschieden war. Ein Haus, das auf Sand gebaut ist, kann nicht gleichgesetzt werden mit dem Haus, welches auf Felsen gebaut ist. Die Kirche hat vor allem seid Augustinus, wie oben ausgeführt, immer deutlicher auf den Sakramentalismus gesetzt als Bedingung für Gnade und ewiges Leben. Außerhalb der Kirche gibt es keine Gnade und kein ewiges Leben. Erwin W. Lutzer beschreibt diesen Glaubenswiderspruch der Christenheit zur Zeit des späten Mittelalters folgend: „Augustinus berief sich auf das Gleichnis von Unkraut im Weizen und bezog es auf die Kirche, um so die Mitgliedschaft von Ungläubigen in der Kirche zu rechtfertigen. Der Herr dieses Gleichnisses hat es aber auf die gesamte Welt bezogen. Augustinus hatte das Verständnis für die Kirche als einer Gemeinschaft, welche die gesamte Gesellschaft umschließe, also Gläubige und Ungläubige. Ein fataler Irrtum, wie sich herausstellte:“

Es ist logisch, dass sich aus diesen Voraussetzungen ein ganzes Regelwerk von verschiedenen Sakramenten herausbildete, welches dem reuigen Sünder in jeder Lebenslage Zugang zum Reservoir der Gnade, die allein die Kirche verwaltete, verschaffte. Auf diese Weise gewann die Kirche während des Mittelalters ihre nahezu uneingeschränkte Macht über die Seelen. Gleichzeitig bekamen die Traditionen das gleiche Gewicht wie biblische Gebote. Beim Konzil von Florenz konnte Papst Eugen IV schließlich die sieben noch heute bekannten Sakramente offiziell sanktionieren. Hier ist nicht der Ort, ein jedes dieser Sakramente zu untersuchen. Die Grundidee ist die, dass jedes Sakrament Gnade spendet, dass aber kein einzelnes Sakrament dem Sünder hinlängliche Gnade spenden kann. Daher muss jeder zusehen, dass er so viel wie nur möglich von den verfügbaren Gnadenmitteln in Anspruch nimmt. Am Schluss ist die Frage nur noch, ob einer genug Gnade aufgehäuft hat, um errettet zu werden.

Das macht die Gewissheit der persönlichen Errettung, welche dem Gläubigen durch Gottes Wort zugesagt ist, unmöglich. Es war schwer, die Menge aufgehäufter Gnade mit der Menge zu vergleichen, die Gott forderte. Als einziger Trost blieb die Zusage, dass die Kirche in der Lage sei, den einzelnen Sünder in den Himmel zu schaffen. Eine gewaltige Lüge und Geringschätzung der Tat Jesu am Kreuz. Für den Fall, dass einer bis zum Todestag doch zu wenig Gnade aufgehäuft hatte, blieb ihm der Ausweg des Fegefeuers. Dort sollten die noch verbliebenen Sünden abgebüßt werden. Darum sollte man eben auch für die „armen Seelen“ im Fegefeuer bitten, dass ihre Zeit darin verringert würde. Diese Lehre ist bis heute aufrecht. Aber andererseits zu sagen, man sei sich des Himmels gewiss, weil Jesus alle Schuld bezahlt hat und er uns rein gemacht hat, war die Sünde der Anmaßung (laut Kirche).

Mit dem Sakramentalsimus ging der Sacerdotalismus einher, die Priesterherrschaft (von lat. Sacerdos, der Priester), die so weit ging, dass der Priester zum Mittler zwischen Gott und dem Menschen wurde. Er spendete die Gnadenmittel und damit auch die Gnade; er hatte die Macht, den Widerstrebenden den Himmel zu verschließen und ihn den Gefügigen aufzutun. Man glaubte, sie hätten die Macht, ein Weizengebäck unter ihrer Hand in den Körper des Heilandes zu verwandeln. Sie waren buchstäblich Gottes Stellvertreter auf Erden. Die neutestamentliche Lehre vom Priestertum aller Gläubigen wurde ganz verdrängt; nach alttestamentlichem Muster hatte sich eine Priesterkaste etabliert.

Welches ist, so fragt Lutzer, nach römisch-katholischer Auffassung der Weg der Errettung? Er führt über die Kirche. Die Errettung ist aus Gnade, aber die Gnade fließt durch verschiedene Kanäle, denen der Gläubige folgen muss. Daher ist der Weg zum ewigen Leben alles andere als einfach und oft unklar. Was hat Finsternis – die Kirche tapt in Bezug auf Errettung im Dunkeln -, mit Licht, Jesus allein ist das Licht, zu tun?

Reform durch kraftvolles Wirken des Heiligen Geistes:

Um also eine Reform im Christentum zu ermöglichen war ein neues kraftvolles Wirken nötig. Das konnte wiederum nur wie zu Pfingsten durch den Heiligen Geist geschehen. Es begann aber ausgerechnet in Mönchskreisen. Johann von Staupitz gilt allgemein als Führer der Reformbewegung. Er war Generalvikar der Augustiner. Als solcher traf er auf einer Inspektionsreise (1505) in Erfurt Martin Luther, einen jungen Mönch, der zutiefst um das Heil seiner Seele bekümmert war. Er gewann das Vertrauen des jungen Luther und gab ihm den Rat, die Heilige Schrift zu studieren, auch Augustinus und die Schriften Taulers zu lesen. Luther folgte diesem Rat und so wurde die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben zur Erfahrung seiner Seele.- Mehr dazu später.

John Wycliff und sein Einfluß auf die Reformation:

Ähnliche Verhältnisse wie die auf dem Festland gab es auch in England. Dort gab man den Menschen, die des Evangeliums wegen, von einem besseren Weg redeten, den Namen Lollarden – Schwätzer -. In der Auseinandersetzung zwischen der herrschenden Kirche und der Gemeinde Jesu gegründet auf das apostolische Wort, wurde John Wycliff, der hervorragende Gelehrte in Oxford, führend. In seiner Abhandlung „Das Reich Gottes“ und in anderen Schriften weist er nach, dass das Evangelium von Jesus Christus die einzige Quelle echter Religion und dass die Schrift allein wahr ist. Sein wichtigstes Werk jedoch war das, welches dem englischen Volk den Zugang zur Quelle der reinen Lehre verschaffte: seine Bibelübersetzung rief einen Umsturz im englischen Denken hervor, und die englische Bibel hat sich als eine der wirkungsvollsten Kräfte für Rechtschaffenheit erwiesen, die die Welt kennengelernt hat. Die bedingungslose, bindende Autorität der Heiligen Schrift war dabei die große Wahrheit, von der Wycliff Zeugnis gab, und die von seinen Gegnern angegriffen wurde, weil beide Seiten erkannten, wie weitreichend die damit verbundenen Folgen waren. Er erläuterte dies in seinem Buch: Von der Wahrheit der Heiligen Schrift (1378). worin er lehrte, dass die Bibel Gottes Wort oder Wille und Testament des Vaters ist. Gott und sein Wort sind eins. Christus ist der Verfasser der Heiligen Schrift, sie ist sein Gebot, und er selbst ist in der Schrift; sie nicht kennen heißt ihn nicht kennen.

Schlussfolgerungen einer gesunden biblischen Lehre:

Als die Gemeinde Jesu dieses reine Gebot Christi ohne Beimischung menschlicher Überlieferung befolgte, wuchs die Kirche sehr schnell; seit aber die Überlieferung anerkannt wurde, hat die Kirche ständig abgenommen. Andere Weisheiten vergehen, die Weisheit, die den Aposteln zu Pfingsten durch den Heiligen Geist vermittelt wurde, bleibt. Die Schrift ist unfehlbar; andere Lehrer, auch so große wie Augustinus, können dem Irrtum verfallen. Menschliche Überlieferungen, Lehrsätze und Regeln über die Schrift stellen und ihr vorziehen, kann nur als Akt blinder Anmaßung bezeichnet werden. Es rechtfertigt eine Lehre nicht, dass sie indirekt manches Gute und Vernünftige enthält; denn so ist es auch jetzt mit dem Wirken und dem ganzen Dasein des Teufels, sonst würde Gott nicht dulden, dass er so große Macht ausübt.

„Was die Auslegung der Schrift angeht,“ so Wycliff, „so können die theologischen Doktoren nicht die Macht haben, sie für uns auszulegen, vielmehr lehrt der Heilige Geist uns die Bedeutung der Schrift, so wie Christus den Aposteln die Schrift öffnete. Keiner kann sie verstehen, der nicht von Christus erleuchtet ist. Dazu ist ein frommer, tugendhafter und demütiger Geist notwendig. Schrift muss durch Schrift ausgelegt werden, so dass der Hauptgedanke ermittelt werden kann.“

Von Christus sagt Wycliff: „er ist wahrer Mensch und wahrer Gott, der von Ewigkeit her existiere; bei seiner Menschwerdung vereinigte er beide Naturen in seiner Person. Seine Erhabenheit ist unvergleichlich als der einzige Mittler zwischen Gott und Menschen, Mittelpunkt der Menschheit, unser eines und alleiniges Haupt. Der Mensch erhält die persönliche Zueignung des Heils, das Christus allein gewirkt hat, nur durch Bekehrung und Heiligung.“ Wobei Wycliff daraufhin weist, dass Bekehrung Abkehr von der Sünde und gläubige Aneignung der rettenden Gnade Christi ist, das bedeutet für ihn Buße und Glauben. Buße ist notwendig und muss Früchte zeitigen. „An den Früchten sollt ihr sie erkennen“. Wycliff selbst fasst Glaube und Heiligung zusammen, er sieht den Glauben nicht als getrennt von den Werken, die Gott im Gläubigen bewirkt, an. Als Gemeinde sah er nicht die sichtbare katholische Kirche oder organisierte Gemeinschaft der Hierarchie an; für ihn war sie Christi Leib und Braut, bestehend aus der Gesamtheit der Erwählten, die in der sichtbaren Welt nur ihre zeitweilige Darstellung und Pilgerschaft findet; ihr Zuhause, ihr Ursprung und Ziel liegen in der unsichtbaren Welt, in der Ewigkeit. Die Errettung, so sagt er, hängt nicht von der Verbindung mit der offiziellen Kirche oder der Mittlerschaft des Klerus ab. Es gibt für alle Gläubigen freien, unmittelbaren Zugang zu der Gnade Gottes in Christus, und jeder Gläubige ist ein Priester. Die Grundlage der Gemeinde, so lehrte Wycliff, ist die göttliche Erwählung: diese Erwählung allein von Gott ausgehend ist bei Calvin noch eindrücklicher und deutlicher ausgeführt. Dazu später mehr. Ein Mensch kann nach Wycliff nicht die Gewissheit haben, im Gnadenstand zu stehen, sondern nur die Meinung; aber ein gottgemäßes Leben ist der Beweis. Mit anderen Worten: es gibt wohl keine Gnade und Gewissheit der Errettung, wenn der Gläubige nicht bestrebt ist ein gottgewolltes Leben zu führen, denn ein zu Gott Bekehrter hat den Geist Gottes und dieser wird dem Gläubigen sagen, dass er ein Kind Gottes ist: der Geist sagt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Der Geist Gottes in uns wird uns auch hinführen zu einem geheiligten Leben. Denn im Römer Kap. 8, 14 steht: Alle, die sich von Gottes Geist leiten lassen, sind seine Söhne und Töchter. Er ist der, der das Wollen und Vollbringen dazu in uns bewirkt.

Wycliff und der Papst:

Wycliff widersetzte sich, zum Unterschied von vielen anderen Gläubigen, der Vorladung vor den Papst. Er sagte: Christus war während seines Erdenlebens der Ärmste aller Menschen, er hatte alle irdische Gewalt abgelegt. Von diesem Vorbild leite ich meinen schlichten Rat ab, der Papst möge alle weltliche Autorität der Zivilgewalt übertragen und die Geistlichkeit anweisen, dasselbe zu tun. So hat Wycliff sich nicht von menschlicher Autorität, auch nicht der geistlichen, beeinflussen lassen, sondern vom Geist Gottes geleitet, lebte er sein Leben und das Wort des ewigen Gottes war in allen Fragen des Denkens und Handelns oberste Autorität. Auch Jesus sagte und tat, was sein Vater im Himmel ihm eingab zu tun, und ließ sich dabei nicht von menschlicher Autorität (z.B. Pharisäer, Kaiser) beeinflussen. Er, Wycliff, starb in Frieden zu Lutterworth, wo er nach Oxford lebte und lehrte, am letzten Tag des Jahres 1384.

Hieronymus und Hus:

Einer der ausländischen Studenten, die Wycliff in Oxford hörten, war Hieronymus von Prag. Er kehrte in seine Heimatstadt zurück, voll Eifer für die Wahrheiten, die er in England kennengelernt hatte. Kühn lehrte er, die römische Kirche sei von der Lehre Christi abgefallen. Jeder, der das Heil suche, zu den Lehren des Evangeliums zurückfinden müsse. Unter denen, in deren Herzen solche Worte mit Macht eindrangen war Johannes Hus, Doktor der Theologie und Prediger in Prag, zugleich Beichtvater der Königin von Böhmen. Sein ernster Glaube, seine hervorragenden Fähigkeiten, verbunden mit Beredsamkeit und gutem Benehmen, wirkten stark unter dem Volk, das schon durch die Tätigkeit der vor ihm aufgetretenen Waldenser, wie schon erwähnt, vorbereitet war. Hus schrieb in tschechischer Sprache, was unter anderem auch zur Folge hatte, dass der tschechische Teil der Bevölkerung sich zu den Lehren Wycliffs bekannten und der Bevölkerungsanteil, der deutsch sprach, sich zu Rom hielt. Es kam zur Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Gruppen, aufgrund dessen der Papst Hus exkommunizierte und die Schriften Hus verbrennen ließ. Unter Zusicherung sicheren Geleits durch Kaiser Sigismund wurde er 1414 zum Konzil zu Konstanz am Bodensee eingeladen. Eine der Aufgaben dieses, dreieinhalb Jahre dauernden Konzils, bestand darin die Lehren zu bekämpfen, die mit dem Namen Wycliff und Hus verbunden waren. Hus kam rechtzeitig und wollte seine Lehren erläutern. Dazu ist es nie gekommen, denn trotz der kaiserlichen Zusage wurde er ergriffen und in ein schmutziges Gefängnis auf einer Insel im See geworfen. Um diese Tat zu rechtfertigen, verkündigte das Konzil einen feierlichen Beschluss (1415), dass die Kirche nicht verpflichtet ist, einem Ketzer das Wort zu erteilen. Diese Verkündigung wurde als Entscheidung des Heiligen Geistes erklärt und deshalb galt dies als unfehlbar und ewig bindend.

Es wurde sehr wohl versucht Hus durch alle erdenklichen Überredungskünste und durch übelste Behandlung zu veranlassen, das, was er gelehrt hatte, zu widerrufen, wie wir später bei Luther auch erfahren werden. Er sollte nämlich widerrufen, dass das Heil aus der Gnade kommt, durch den Glauben, unabhängig von Gesetzeswerken und dass weder Titel noch Stellung, wie hoch sie auch sein mögen, einen Menschen Gott annehmlich machen können ohne gottgemäßen Lebenswandel. Mit Demut und außergewöhnlichem Mut und Vollmacht blieb er standhaft dabei, dass er zwar alles, was er gelehrt habe widerrufen wolle, vorausgesetzt, es könne aus der Heiligen Schrift bewiesen werden, dass es verkehrt sei; er werde aber nichts zurücknehmen von dem, was Gottes Wort lehre. Er weigerte sich auch Ansichten zurückzunehmen, die er nie vertreten hatte. Broadbent erklärt, dass die Beschuldigung, er sei vom Aussatz der Waldenser angesteckt und habe Wycliffs Lehren verkündigt, zeigt, dass die Einheit in der Wahrheit, an die man sich in diesen verschiedenen Kreisen hielt, selbst von ihren Feinden erkannt wurde. Nach einem feierlichen Absetzungsakt wurde Hus verbrannt. Vierzehn Tage vorher hatte er geschrieben: „Ich bin sehr getröstet durch Christi Wort: Glückselig seid ihr, wenn die Menschen euch hassen ein guter -der beste Gruß, aber er ist schwer – ich will nicht sagen zu verstehen, aber auszuleben, denn er befiehlt uns Freude in diesen Trübsalen… Er ist leicht vorzulesen und zu erklären, aber schwer zu verwirklichen.“ Sogar Jesus selbst hatte im Angesicht seines Todes, obwohl er wusste, dass er nach drei Tagen auferstehen werde, im Gebet gerungen den vorgesehenen Weg seines Vaters in Gehorsamkeit zu gehen…. So hatten die Soldaten Christi, die auf ihren Anführer, den König der Herrlichkeit, blickten, schwere Kämpfe. Sie gingen durch Feuer und Wasser, sind aber nicht umgekommen, sondern empfingen die Krone des Lebens, jene herrliche Krone, die der Herr, das glaube ich fest, mir zuerkennen wird – und auch euch, ihr tapferen Verteidiger der Wahrheit, wie auch allen die standhaft den Herrn Jesus lieben…. Folgendes Gebet ging seinem Tod voraus: „O allerheiligster Christus, ziehe mich, schwach wie ich bin, dir nach, denn wenn du uns nicht ziehst, können wir dir nicht folgen. Stärke meinen Geist, dass ich willig sei. Wenn das Fleisch schwach ist, lass deine Gnade uns behüten…. Ohne dich können wir nicht für deine Sache in einen so grausamen Tod gehen. Gib mir ein furchtloses Herz, einen rechten Glauben, eine feste Hoffnung, eine vollkommene Liebe, dass ich, um deiner Sache willen, mein Leben mit Geduld und Freude darbringen kann. Amen.“

Gemeinde Jesu und Brüderunität in der Zeit nach Hus:

Hieronymus von Prag ging bald den gleichen schrecklichen Weg, und der Lauf der böhmischen Hussiten teilte sich in drei Hauptströme; die, welche kämpften, die, welche sich um einen Vergleich bemühten, und die, welche sich zu leiden entschlossen. Gerade die Frage nach dem Recht der Christen, zu den Waffen zu greifen, wurde in Prag heftig erörtert. Eine Gruppe von Gläubigen meinten, dass, obwohl ihr Gebrauch Schmerz verursache, doch die unvermeidliche Notwendigkeit zur Verteidigung sie aufzwinge. Unter dem Druck der Verhältnisse könne es auch richtig sein, den Feind anzugreifen und auszuplündern.

Es gab aber auch Gläubige, die in diesem Punkt des Waffengebrauchs unermüdlichen Widerstand leisteten. Aber einige freie Bauern wurden genauso wie vorher in England und später in Mitteleuropa (30jähriger Krieg) von unwiderstehlicher Begeisterung gepackt und wandelten ihre Geräte in furchtbare Waffen um. Allerdings muss man erwähnen, dass diese sogenannten Bauernkriege von Seiten der Gemeinde Jesu immer nur Verteidigungskriege gegen die Macht der Kirche, die kein anderes Bekenntnis als das zur Kirche Roms duldete und ihre verbündete weltliche Macht war. Die Hussiten errangen durch diese Verteidigungsschlachten anfangs einige Siege, sodass sich die Kirche gezwungen sah, sich mit den Hussiten zu einigen: Auf dem Konzil zu Base (1433) gestand sie ihnen das Recht zu, das Wort Gottes frei zu verkündigen, das Abendmahl in beiderlei Gestalt zu nehmen, die weltlichen Prozessionen der Geistlichen zu verbieten und viele bedrückende Gesetze aufzuheben. Aber die Kriege dauerten an, bis schließlich die Bauerschaft besiegt wurde und wieder alles in die Hände Roms geriet. Die Gruppe, die der katholischen Kirche eher zugetan waren, wurden vom Papst als böhmische Nationalkirche anerkannt, ihr Anführer wurde zum Erzbischof ernannt, aber das ursprüngliche Bekenntnis zum Wort des ewigen Gottes war damit wohl Vergangenheit. Letztendlich hat sich gerade für die Gläubigen, die zur Waffe griffen in negativer Weise das Schriftwort erfüllt: Matthäus 26,47: Steck dein Schwert weg – befahl Jesus dem Petrus, der sich und Jesus mit dem Schwert verteidigen wollte – wer das Schwert benutzt, wird durchs Schwert umkommen. Diese Religionskriege endeten vor allem mit dem Sieg der Kirche Roms und der weltlichen Machthaber.

In diesem Zusammenhang schrieb Peter Cheltschirki ein Buch mit dem Titel: Das Netz des Glaubens, welches nicht wie die meisten anderen Schriften von Gläubigen verbrannt wurde und eine sehr große Wirkung ausübte: Nichts anderes wird in diesem Buch gesucht, als dass wir, die Nachkommenden, die Anfänge zu erkennen und, soweit Gott uns dazu befähigt, zu ihnen zurückzukehren wünschen. Wir gleichen Menschen, die zu einem Haus kommen, das abgebrannt ist, und die ursprünglichen Fundamente suchen. Das ist umso schwieriger, als die Ruinen mit allen möglichen Gewächsen überwuchert sind. Er weist darauf hin, dass wenn man das richtige Fundament gefunden hat, man mit dem Wideraufbau beginnen könnte, so wie Nehemia und Serubbabel es nach der Zerstörung des Tempels taten. Es ist aber so schwer, die geistlichen Ruinen, die solange darniederliegen, wiederherzustellen und zu dem früheren Zustand zu gelangen; dazu kann kein anderer Grund gelegt werden als Jesus Christus, von dem die vielen sich abgekehrt und anderen Göttern zugewandt und aus ihnen Fundamente gemacht haben. Es ist menschlich gesehen verständlich sich zu verteidigen, sein Recht zu erkämpfen, aber Gott hat uns dafür eben andere Waffen gegeben als weltliche (Epheser Kap. 6,10-20). In solchen Zeiten der massiven Verfolgung Jesus nachzufolgen und Leid und womöglich Martyrium und Tod auf sich zu nehmen ist unmenschlich und kann nur in der Kraft des Heiligen Geistes durchgestanden werden auch die Liebe zum Feind ist nicht ohne Jesus möglich. Man kann daraus gut verstehen, dass die Zeit nach Hus sehr schwierig für den einzelnen Gläubigen und für die Gemeinde Jesu insgesamt war. Aufgrund der europaweiten Ereignisse und verschiedenen Religionskriege, die von Seiten der Kirche die Ausrottung der Gemeinde Jesu zum Ziel hatte, musste eine Erneuerung der Gemeinde Jesu kommen.

Einige Brüder, die sich in dieser Zeit der gewaltsamen Verfolgung trotzdem zur Gemeinde Jesu bekannten, trafen sich in Großveranstaltungen (Reichenau 1463 und Lhota 1467 aus dem Buch Dr. Ludwig Keller: die Reformation und die älteren Reformparteien) um als Brüder zu beraten wie man sich der Kirche gegenüber zu verhalten habe und was denn die Glaubensfundamente der Gemeinde Jesu seien. Selbst nannten sie sich Jednota Bratrska Gemeinde der Brüderschaft oder Brüderunität oder Vereinigte Brüder. Sie verfolgten hiermit nicht die Absicht, eine neue Partei zu gründen oder sich irgendwie von den zahlreichen anderen Brüdergemeinden in vielen Ländern zu trennen; aber sie hofften, dass ihr Beispiel jene ermutigte, ihre Trennung vom römischen Kirchensystem entschiedener zu bekunden. Nach ihrer Meinung hatte die römische Kirche zur besagten Zeit jegliche apostolische Verbindung, wenn immer sie überhaupt bestanden haben mochte, verloren. Gerade aus diesem Grunde kann man nach der Reformation auch nicht von Spaltung der Gemeinde Jesus sprechen, da die Kirche nicht zur Gemeinde Jesu gehörte, sondern zeitweise ihr größter Feind war. Diese Brüderunität hielt aber durchaus gute Verbindungen zu den Katharern, Paulizianern, Waldensern, anderen Brüdergemeinden in Europa und später auch zu Luther und seiner Reformation. Die Kirche Roms aber verhärtete sich immer mehr und Kriege, Kreuzzüge und Inquisition drohten die Gemeinde Jesu in Europa auszulöschen.

Bau des heutigen Petersdom.

Zu der kriegerischen Machtdemonstration, die die Kirche Roms und vor allem ihre Päpste in ganz Europa ausführten, gehört natürlich auch eine Machtpräsentation dazu. Was wäre ein Kaiser ohne einen ihm gebührenden Thron und dazugehöriges Schloss.

1503 kam Giuliano della Rovere als Julius II. auf den Heiligen Stuhl, der längst ein Thron war. Seine Familie besaß keine Reichtümer, aber Macht: Sein Onkel war Papst Sixtus IV. gewesen, der zwei Kirchen und zwei Kapellen in überschaubarer Größe hatte bauen lassen, darunter die Sixtinische Kapelle im Palast des Vatikans. Julius II. aber wünschte sich mehr, etwas Repräsentatives im antiken Maßstab. Er ließ sich als neuer Cäsar feiern, er wollte einer wahrhaften und siegreichen Kirche vorstehen, wie ein würdiger Nachfolger der Imperatoren. Sein Ruhm war ihm wichtig, ebenso sein Nachruhm. Dazu bemühte er Michelangelo Buonarrotte (1475 bis 1564), der natürlich Erstaunliches geleistet hat, was die Kunst im Vatikan betrifft. Julius II. engagierte außerdem den Architekten Donato Bramante (1444 bis 1514), der mit seinen Nachfolgern großartiges geleistet hatte und den Petersdom mit seinen Nachfolger-Architekten in einer über 100 Jahre dauernden Bauphase in eines der größten Wunderbauwerk der Welt erstrahlen lies das noch heute bestaunt wird von Millionen von Besuchern jährlich. Das Bauwerk war aber auch hervorstechend was die Finanzen betraf.

Um genug Geld für den Bau zu beschaffen, beschied Papst Leo X. einen so genannten Plenarablass: Wer der Kirche Geld zahlte, dem wurde die Strafe für seine Sünden erlassen. Den Ablass predigte auch Johann Tetzel in Magdeburg. Ihm schreibt man den Spruch zu: Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt. Das war im Grunde nichts Neues für die römische Kirche, die auf Macht und Geld aufgebaut war.

Aber der Gemeinde Jesu gehört der Sieg: Hus sollte mit seiner prophetischen Voraussage vor seinem Tod Recht haben: Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen! Auf dieses Wort hat sich 100 Jahre später Martin Luther bezogen.

 

 

 

 

Literaturhinweis:

 

Bibel: altes und neues Testament: Luther und Einheitsübersetzung

Vivo-Südtirol Internet.

E.H.Broadbent: 2000 Jahre Gemeinde Jesu

Venn Bartlett: Geschichte der frühen Kirche

John Piper: überwältigt von Gnade

Internet: Bilder und Reliquienverehrung in Rom

Info: SchlossTirol

Henry Hart Milman im Buch „Römisches Christentum“

Erwin W. Lutzer: Einig in der Wahrheit.

Dr. Ludwig Keller: die Reformation und die älteren Reformparteien

Quintus Septimus Florens Tertullianus: Apologeticum

Origenes: Contra Celsum, gegen Celsus

Marcus Tullius Cicero: Hortensius

Plotin (Philosoph): Plotins Schriften Volume III

Sophronius Eusebis Hieronymus: Corpus christianorum, C.scriptorum

Euthymius v. Melitene:  aus Biographisch-Bibliographischem Kirchenlexikon

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teil 2:

Gemeinde Jesu in Südtirol woher wohin?

Johannes 1,14-18: Johannes zeugte von ihm, ruft und spricht: dieser war es, von dem ich gesagt habe: nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden. Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es uns verkündigt. Luther 1912

DIE ZEITSPANNE DER REFORMATION:

Reformation wird heute meist mit einem Namen verbunden: Martin Luther.

Das hat selbstverständlich seine Berechtigung. Jedoch dürfen wir nie vergessen, dass der Handelnde in jeder Zeitepoche und Kultur Gott ist. In und durch Jesus Christus ist das Fundament des Glaubens und der Gemeinde gelegt worden, durch den Heiligen Geist wurde Gemeinde gegründet und wird Gemeinde am Leben erhalten. Die Gemeinde Jesu gab es vor der Reformation und nachher. Gott hat aber in dieser Zeit ganz besonders in die Geschichte seiner Gemeinde eingegriffen und natürlich Luther und andere Jesus-Nachfolger dieser Zeit gebraucht, um seiner Gemeinde zu einem sichtbaren Sieg in Europa zu verhelfen, wie sonst in keinem Zeitabschnitt seid Entstehung der ersten Gemeinden, wie sie uns vor allem in der Apostelgeschichte übermittelt werden. Der Sieg der Gemeinde Jesu wurde aber immer in dem Ausmaß sichtbar, wie sich seine Jünger der Waffenrüstung Gottes bedienten und nicht der der weltlichen. Gemeinde Jesu gab es in Europa auch im düsteren Mittelalter bis Ende des 15. Jahrhunderts, also noch vor der Reformation, die im Allgemeinen mit Beginn des 16. Jahrhunderts datiert wird. Die Brüder hatten schon vor der Reformation in den verschiedenen Ländern Europas eine gute Verbindung und Einheit untereinander. So z.B. gab es denselben Katechismus für den Unterricht der Kinder in den Tälern Frankreichs und Italiens, aber auch von den Brüdern in deutschen Landen, sowie in Böhmen von der Brüderunität. Dieses kleine Buch wurde in deutscher, italienischer, französischer und böhmischer Sprache geschrieben. Eng verbunden mit diesen Brüdern waren die Brüder vom gemeinsamen Leben, die im fünfzehnten und frühen sechzehnten Jahrhundert ein Netz von Schulen über die Niederlande und Nordwestdeutschland zogen. In diesen Schulen wurden Kinder, aber auch Erwachsene angeleitet an das Evangelium von Jesus Christus zu glauben und ein Leben auf den Gehorsam seinem Wort gegenüber zu führen. Sie wurden in der jeweiligen Landessprache gehalten. Es wurden Manuskripte des Neuen Testaments abgeschrieben und später druckte man sie. Traktate der Brüder und der Freunde Gottes wurden vervielfältigt. Auf diese Weise wurde von Kind an für eine gesunde Erziehung gesorgt, die sich auf die Heilige Schrift gründete. Ein Gesangbuch, das 1538 in Ulm veröffentlicht wurde, zeigt, dass die Versammlungen der Brüder auf Lobpreis und Anbetung angelegt waren.

Auf 1350 ist die Übersetzung des Neuen Testaments in deutscher Sprache datiert, die unter dem Namen Augsburger Pergamenthandschrift bekannt ist. Die für ihre reiche Buchmalerei bekannte Wenzelsbibel stammt vom Ende des 14. Jahrhunderts. Sie entstand trotz des Übersetzungsverbots und befindet sich heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.

Ende des 15. Jahrhunderts diskutierten Geschwister von der Brüderunität, wegen der großen Verfolgung in ganz Europa durch die Kirche, die Frage, ob der Rückzug auf das Land die einzige Möglichkeit für einen Glauben ohne falsche Kompromisse sei. Nach heftigem Ringen öffneten sie sich jedoch auch für Handwerker und Stadtbewohner. Jedoch blieb die Botschaft dem Wort des ewigen Gottes treu. So formulierte der Theologe Lukas von Prag im Jahre 1492: „Gutes Tun und Böses vermeiden, das dient an sich dem Seligwerden keineswegs. Sondern man erlangt das Heil einzig aufgrund des Leidens und Sterbens von Jesus Christus.“ Damit nahm er Gedanken vorweg, die Martin Luther 25 Jahre später noch prägnanter aussprechen sollte.

Luther und das geschriebene Wort Gottes:

Martin Luther verbrachte seine Kindheit ohne Bibel. Er sagte: Mit zwanzig Jahren hatte ich noch keine Bibel gesehen. Ich meinte, es gäbe keine Evangelien und Episteln, außer den sonntäglichen, alljährlich wiederkehrenden Erklärungen zur Bibel. Endlich fand ich in der Universitäts-Bibliothek eine vollständige Bibel, und als ich ins Kloster gegangen war, begann ich die Bibel zu lesen, nochmals zu lesen, zur großen Verwunderung des Doktors Staupitz. „Wenn ich diese Bibel hätte behalten dürfen, so wollte ich ein desto besserer Stellenkenner geworden sein. Damals gefiel mir schon kein Studium so sehr wie das der Heiligen Schrift“. In seinem Theologiestudium lernte er die Bibel noch besser kennen und lernte auch die biblischen Sprachen, die ihm beim späteren Übersetzen der Bibel ins Deutsche half. Die Kenntnis der Bibel war für Luther das Wichtigste. „Die Bibel ist ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.“ Die Bibel ist nicht antik auch nicht modern, sie ist ewig“.

Eine der großen Wiederentdeckungen der Reformation – ausgehend von Martin Luther – bestand in der Tatsache, dass Gottes Wort zu uns in Gestalt eines Buches kommt. Mit anderen Worten: Luther begriff diese mächtige Tatsache, dass Gott die Erfahrung der Errettung und Heiligung von einer Generation zur anderen mit Hilfe eines Buches der Offenbarungen Gottes weitergibt und nicht durch den Bischof von Rom, auch nicht durch die Ekstasen eines Thomas Müntzer (Zeitgenosse Luthers) oder der Zwickauer Propheten (sie gaben vor zusammen mit Thomas Müntzer in geheimen Zusammenkünften göttliche Offenbarungen zu bekommen). Das Wort Gottes aber kommt in einem Buch zu uns, so Martin Luther und diese Wiederentdeckung prägte Luther und mit ihm die Reformation.

Einer der größten Gegner Luthers in der römischen Kirche Silvester Prierias, schrieb als Antwort auf Luthers 95 Thesen (veröffentlicht im Jahr 1517): „Wer nicht die Lehre der Kirche von Rom und des Pontifex von Rom als unfehlbare Hüter des Glaubens anerkennt, von denen die Heiligen Schriften ihre Kraft und Autorität beziehen, ist ein Häretiker“. Mit anderen Worten: Die Kirche und der Papst sind die autorisierten Verwalter der Errettung und des Wortes Gottes; und das Buch – die Bibel- ist davon abgeleitet und zweitrangig. Was an Luther neu ist, sagt Heiko Obermann, ist der Gedanke an den absoluten Gehorsam gegenüber der Heiligen Schrift auch gegen jede andere Autorität, seien sie der Papst oder die Konzilien oder andere weltliche oder geistliche Autoritäten. Mit anderen Worten, auch Obermann betont damit: Luthers Überzeugung und Verkündigung war, dass das rettende, heiligende, autoritative Wort Gottes zu uns in einem Buch kommt.

Die Folgen dieser einfachen Beobachtung sind gewaltig. Zunächst für Luther selber: denn er war diesem Wort gegenüber treu und standhaft: Im April 1521 muss Luther vor dem Reichstag in Worms erscheinen. Man hofft er wird seine Thesen widerrufen. Aber er sagt: „Weil denn seine Majestät und die Herrschaften es verlangen, will ich eine schlichte Antwort geben, die weder Hörner noch Zähne hat, wenn ich nicht durch das Zeugnis der Heiligen Schrift oder vernünftige Gründe überwunden werde, denn weder dem Papst, noch den Konzilien allein vermag ich zu glauben, da es fest steht, dass die wiederholt geirrt und sich selbst widersprochen haben, so halte ich mich überwunden durch die Schrift, auf die ich mich gestützt habe, so ist mein Gewissen gefangen im Wort Gottes, und darum kann und will ich nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen zu handeln weder sicher noch lauter ist. Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir, Amen.“

Als er den Verhandlungsaal verlassen hatte, sagte er erleichtert: „Ich bin hindurch durch diesen schweren Gang“ Diesen schweren Gang hatte er zwar hinter sich, aber nun stand er unter der Reichsacht und war vogelfrei.

Im Jahr 1539 schrieb Luther über Psalm 119: „In diesem Psalm sagt David immerzu, er wolle sprechen, denken, erzählen, hören, lesen unablässig Tag und Nacht. Doch von nichts anderem als von dem Wort und den Anordnungen Gottes. Denn Gott will dir seinen Geist nur durch dies äußerliche Wort geben.“ Dieser Satz ist überaus wichtig. Das äußerliche Wort ist eben das Buch und der rettende, heiligende, erleuchtende Geist Gottes – so sagt er – kommt durch dies äußerliche Wort zu uns. Luther nennt es das äußerliche Wort, um zu betonen, dass es objektiv, festgelegt, außerhalb von uns und darum unwandelbar ist. Es ist ein Buch. Weder eine kirchliche Hierarchie noch fanatische Ekstase können es ersetzen oder festalten. Es ist äußerlich. Aber man kann und darf es nicht anders machen, als es ist. Es ist ein Buch mit festgelegten Buchstaben, Wörtern und Sätzen. Luther sagte 1545, ein Jahr vor seinem Tod, mit großem Nachdruck:

„Menschen, die Gott reden hören wollen, müssen die Heilige Schrift lesen.“ Das Festhalten an diesem Buch war auch darin erkennbar wie Luther sich der römischen Kirche, aber auch anderen Glaubensrichtungen gegenüber verhielt, wenn diese DAS BUCH und ihre Aussagen veränderten oder gar verdrehten, wie es z. B. viele Juden seiner Zeit, das Alte Testament betreffend, es taten. Im Allgemeinen wird Luther diese im Alter „veränderte Einstellung“ vor allem wegen seiner Aussagen Juden gegenüber als großer Fehler nachgesagt, so im Buch: „Von den Juden und ihren schrecklichen Lügen“. Ich glaube, dass dies zusammenhängt mit Luthers fester Überzeugung wer dem Wort Gottes nicht gehorcht und seine frohe Botschaft, wider besseren Wissens, ablehnt, steht unter dem Zorn Gottes. Es muss nämlich auch gesagt werden, dass Luther sich seit seiner „geistlichen Neugeburt“ um die Errettung der Juden kümmerte und ihnen ihren Messias, der ja Jude und Nachkomme Davids war, durch das Alte Testament nahebringen wollte. Viele von ihnen aber lehnten das Evangelium und den Messias, auf den sie ja warten, ganz entschieden ab und versuchten sogar unentschlossene Christen vom Evangelium abzubringen. Da ist es durchaus im Sinne des Gesetztes Mose berechtigt auch vom Fluch der Juden zu reden. 5. Mose 28,15: Wenn du aber nicht gehorchen wirst der Stimme des Herrn, deines Gottes und wirst nicht tun und halten alle seine Gebote und Rechte, die ich dir heute gebiete, so werden alle diese Flüche über dich kommen und dich treffen….

Wir sind es heute nicht mehr gewohnt vom Zorn Gottes zu reden, der über alle kommt, die dem Evangelium nicht gehorchen. Dazu ist die Sprache der damaligen Zeit generell anders, härter und direkter, aber auch ehrlicher als wir es heute gewohnt sind. Wir verkünden jedoch damit nur die halbe Wahrheit und Beschönigen oder übergehen das Gerichtsurteil Gottes. Doch werden wir angehalten darüber nachzudenken, dass, wenn es kein Gericht Gottes gibt, wir ja auch keine rettende Botschaft brauchen und das Wort vom Kreuz geschmälert wird. Gott wird in unserer Zeit oft als lieber Gott dargestellt, der dafür da ist unsere Wünsche zu erfüllen und uns ein gesundes, gutes und sinnvolles Leben zu ermöglichen. Das sah Luther ganz anders: das Wort allein ist Wahrheit: Wahrheit aber ist nicht nur die Gnade der ewigen und alleinigen Erlösung durch Glauben an das geschriebene und lebendige Wort Gottes, sondern Wahrheit ist auch, dass jeder, der diese frohe Botschaft ablehnt für ewig von Gott getrennt ist, ja unter dem Gericht Gottes steht (z.B. Johannes 3,18-19). Das Gericht Gottes kennen Juden wohl besser als jedes andere Volk. Es ist allerdings nicht unsere erste und vordergründige Aufgabe das Gericht zu verkünden, sondern uns ist befohlen die frohe Botschaft zu predigen. Das hat Luther zur Genüge getan auch gegenüber den Juden, aber nun war seine fast verzweifelte Frage, als die Juden, vor allem die Lehrer und Rabbis unter ihnen, dies ganz klar ablehnten: was sollen wir denn mit den verdammten Juden tun.“ Vielleicht könnten sie durch den Hinweis auf den Fluch und das Gericht Gottes erschreckt werden und umkehren, so wie die Stadt Ninive umgekehrt ist nachdem Jona ihnen das kommende Gericht gepredigt hatte. Gott hat daraufhin abgelassen von seinem Gericht über Ninive und dem demütigen Volk samt dem König Gnade geschenkt.

Johannes der Täufer, ja Jesus selbst haben mit gewaltigen Worten nicht zurückgehalten, um die Wahrheit der Verlorenheit der Pharisäer deutlich zu machen (Matth. 3,7-10; Matth. 23,13-36) und Paulus ging ebenfalls in seinen Briefen „ins Gericht“ mit den Menschen, die die Gnade in Jesus Christus nicht annehmen wollten. Luther selbst sagte von sich einmal: „ich gebe zu, heftiger zu sein, als ich sollte; aber ich habe es mit Menschen zu tun, die evangelische Wahrheiten lästern; mit Wölfen in Menschengestalt, mit solchen, die mich verdammen, bevor sie mich gehört haben, ohne mich zu ermuntern, ohne mich zu belehren, und die die allertödlichsten Verleumdungen vorbringen, nicht allein gegen mich selbst, sondern auch gegen das Wort Gottes. Selbst der phlegmatischste Geist wird durch solche Umstände bewegt Blitz und Donner zu reden – wie viel mehr ich mit meinem cholerischen Wesen und meinem Temperamt, das dazu neigt, die Grenzen der Besonnenheit zu überschreiten.“ „Allerdings,“ sagt er weiters zu diesem Thema, „kann ich nicht umhin, überrascht zu sein, wenn ich erfahre, woher der neumodische Geschmack stammt, der vornehm alles, was gegen einen Feind gesprochen wird, ausfallend und beißend nennt. Was denkst du über Christus? War er ein Schmäher, als er die Juden ein ehebrecherisches und böses Geschlecht, Schlangengezücht, Heuchler und Kinder des Teufels nannte? Was hältst du von Paulus? War er beleidigend, als er die Feinde des Evangeliums Hunde und Verführer nannte? Paulus, der im dreizehnten Kapitel der Apostelgeschichte einen falschen Propheten folgendermaßen beschimpfte: du, voll aller List und aller Bosheit. Sohn des Teufels, Feind aller Gerechtigkeit.“ Ich bitte dich, guter Spalatin,“ an den er diese Erklärungen schrieb, „erkläre mir das Rätsel: „Ein Geist, der sich der Wahrheit bewusst ist, kann die widersetzlichen und absichtlich blinden Feinde der Wahrheit nicht fortwährend ertragen. Ich sehe, alle verlangen von mir Mäßigung, und besonders solche unter meinen Widersachern, die sie selbst am wenigsten ausüben. Bin ich zu hitzig, so bin ich wenigstens offen und ehrlich, in diesem Punkt übertreffe ich jene die immer lächeln, aber Mörder sind.“

Das alles ist keine Entschuldigung für die nach unserem Verständnis oft übertriebene grobe Ausdrucksweise oder ein Versuch die Gossensprache Luthers zu verteidigen, aber eine Erklärung für die Einzigartigkeit und Bedeutung des Buches: ohne Erkenntnis der geschriebenen, göttlichen Offenbarungen keine Erkenntnis Gottes, ohne Gehorsam dem Wort des Buches, kein Gehorsam Gott gegenüber – Gehorsam ist besser als Opfer – war gerade den Juden bestens bekannt. Allein das geschriebene Wort gibt uns, Juden wie Heiden, Griechen wie Israeliten, Südtirolern wie jedem anderen Volk, damals wie heute die Gewissheit über den alleinigen Retter der Welt und den Messias Israels. Das war die Verkündigung der Apostel: Apostelg. 4.12: und in keinem anderen ist das Heil, auch ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden. Davon war Luther zutiefst berührt und überzeugt.

Sowohl durch Prophetie im Alten Testament als auch durch Erfüllung derselben im neuen Testament in der historischen Person Jesus von Nazareth vom Wort bis zur Tat am Kreuz samt Auferstehung vom Tod zum ewigen Leben, gibt uns das Buch Sicherheit und Klarheit über den Ursprung des Buches: es ist GOTTES WORT. Luther erkannte dies und konnte deshalb sagen: Ich bin gefangen im Wort Gottes. So hat er die Botschaft dieses Buches mit aller Konsequenz für sein Leben und das der Gläubigen seiner Zeit mit aller Härte den Verantwortlichen der Lehre gegenüber, vor allem den wiederholt Widerspenstigen unter ihnen, gepredigt.

Die harte Arbeit am Buch:

Früher schon hatte Luther in seinen Vorlesungen über das 1. Buch Mose gesagt: Der Heilige Geist selbst und Gott, der Schöpfer aller Dinge, ist der Autor dieses Buches. Und darum ist das Herzstück aller pastoralen Mühe die Arbeit am Buch. Man mag es lesen nennen oder meditieren, reflektieren, nachdenken, studieren, Exegese treiben oder was immer man will: Ein großer und zentraler Teil unserer Arbeit besteht darin, mit aller Anstrengung aus einem Buch die Meinung Gottes herauszufinden und diese dann in der Kraft des Heiligen Geistes zu verkünden. Luther wusste, dass diese unveränderlichen Tatsachen viele zu Fall bringen würde und zwar damals wie heute: Er wusste dass viele sagen würden, –so John Piper im Buch überwältigt durch Gnade : diese Behauptung mache die große Bedeutung des Heiligen Geistes als Geber von Licht und Leben zunichte oder reduziere sie stark. Darauf hätte Luther, nach John Piper, wahrscheinlich so geantwortet: Ja das kann geschehen: man kann der Ansicht sein, dass wenn man die Helligkeit der Sonne preist, man den Arzt für nichts achtet, der die Blindheit beseitigt. Aber eben gerade das geschriebene Wort zeigt uns auf, dass DER ARZT uns durch den GEIST GOTTES von unserer Blindheit heilt und wir im Arzt selbst durch den Geist Gottes die Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes sehen: wir sahen seine Herrlichkeit: Johannes 1,14: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Der Geist Gottes führt jeden Menschen zum Wort des Buches hin und gibt dem Gläubigen Kraft, Weisheit und Liebe ins Herz dieses durch ein gehorsames Herz verstehen zu können. Darüber hinaus geht der Geist Gottes nicht: Johannes 16,12-15: Wenn aber jener der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er´s nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

Luther selbst war ein großer Verehrer des Heiligen Geistes. Und sein Lobpreis auf das Buch als das äußerliche Wort tat dem Heiligen Geist keinen Abbruch. Im Gegenteil: Dadurch wurde nur die große Gabe des Heiligen Geistes an die Christenheit erhoben. 1533: sagte Luther: „Das Wort Gottes ist das Größte, Nötigste und Wichtigste, was das Christentum besitzt: Ohne das äußerliche Wort könnten wir die Geister nicht unterscheiden, und die objektive Person des Heiligen Geistes selbst verlöre sich in verschwommenen subjektiven Vorstellungen.“ Das Buch wertzuschätzen, hieß bei Luther, dass man den Heiligen Geist als wunderbare Person kennen und lieben müsste, und nicht als ein unerklärliches Gefühl. Aber wir können weder vom Heiligen Geist noch von Jesus selbst oder von Gott dem Vater etwas wissen oder erfahren außer von und durch DAS BUCH. Darum prägte Luther alles zusammenzufassen in 5 solas (von lat. „allein“ Oder „nur“). Eines davon ist das, worüber wir gesprochen haben:

       1. Sola scriptura, allein die Schrift.

Luther und Jesus Christus, das „Fleisch gewordene“ Wort Gottes

Ein anderer Einwand gegen Luthers Hervorheben des Buches besteht darin, dass er das Fleisch gewordene Wort, Jesus Christus selbst, dadurch herabsetzt. „In dem Maß,“ so die Erklärung Luthers, „in dem das menschgewordene Wort Gottes von dem objektiven äußerlichen Wort getrennt wird, verzerrt man den historischen Jesus, je nach dem Geschmack, der in einer Generation gerade vorherrscht.“ Luther hatte eine Waffe, mit der er das Fleisch gewordene Wort vor dem Verkauf auf Wittenbergs Märkten schützen konnte. Er trieb die Geldwechsler – die Ablasshändler – mit der Geißel des äußerlichen Wortes, mit dem Wort Gottes, hinaus. Als er am 31. Oktober 1517 die 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche schlug, konnte man die These 45 lesen: Christen sollten belehrt werden, dass wenn sie einen Notleidenden übersehen und stattdessen einen Ablassbrief kaufen, sie nicht den Sündenerlass des Papstes, sondern Gottes Zorn empfangen. Dieser Schlag erfolgte aus dem Buch – aus der Geschichte vom barmherzigen Samariter – und aus dem zweiten großen Gebot des Buches, des äußerlichen Wortes. Ohne das Buch würde es diese Schläge nicht geben und das Fleisch gewordene Wort wäre zu jedermanns Knetgummi geworden. Darum, um des fleischgewordenen Wortes willen, erhebt Luther das geschriebene Wort, das „äußerliche Wort“. „Es stimmt“, so Luther, „dass die Kirche den Herrn Jesu, das fleischgewordene Wort, „sehen“ muss in seinem irdischen Reden und Wandeln.“ Unser Glaube gründet sich auf diese entscheidende Offenbarung in der Geschichte. Diese Tatsache unterstreicht Jesus selbst nicht nur mit seinen Worten, sondern auch mit seinen Taten, den Wundern: so in Markus 10.51,52: Jesus antwortete dem Blinden, der zu Jesus schrie und sprach: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde. Und Jesus sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.

Jesus selbst weist immer wieder darauf hin, was der Wille seines Vaters im Himmel ist: Beispiel Johannesevangelium Kap. 6,40: das ist der Wille meines Vaters, dass wer den Sohn sieht und glaubt an ihn das ewige Leben habe und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage. Luther stellt wieder neu fest, dass dieses Sehen durch das geschriebene Wort geschieht. Das fleischgewordene Wort ist uns durch das Buch offenbart worden. Wir wissen außerhalb von diesem Buch nichts vom Leben Jesu. Außer, dass Geschichtsschreiber wie Josephus Flavius auf das Leben und Wirken Jesu in positiver Weise hinweist, zur äußeren Bestätigung der wahren Existenz Jesu von Nazareth.

„Warum“ sagt Piper „ist der Geist nach der Zeit des Neuen Testaments so schweigsam über das fleischgewordene Wort“. Die Antwort scheint zu lauten: Gott hat es Wohlgefallen das fleischgewordene Wort, Jesus Christus, allen nachfolgenden Generationen allein durch ein Buch zu offenbaren, besonders durch die Evangelien.

Luther sagte es so: „Die Apostel selbst hielten es für nötig, getrieben vom Heiligen Geist das Neue Testament in Griechisch abzufassen und es mit dieser Sprache zu verbinden, zweifellos, um es für uns sicher und heil wie in einer Arche zu bewahren. Die Apostel,“ so Luther, „sahen auch voraus was kommen sollte und nun gekommen ist, und wussten, dass wenn alles nur im Kopf – also nur durch mündliche Überlieferung bewahrt bliebe wilde und schreckliche Unordnung und Verwirrung entstehen würde, dazu kämen viele verschiedene Auslegungen, Einbildungen und Lehren in der Kirche auf, auch über das Leben Jesu, denen man zuvorkommen und vor denen man den einfachen Mann nur schützen konnte, indem man das Neue Testament in Schrift und Sprache fasste.“ Aber weder der innewohnende Geist noch das Fleisch gewordene Wort führen uns fort von dem Buch, damit wir durch Jesus von Nazareth mit Gott versöhnt werden können, ihn allein anbeten, mit ihm Gemeinschaft haben und ihm durch das geschriebene Wort gehorchen lernen. Johannes schreibt in seinem 1. Brief: Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist – was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.  Durch den Glauben an das Wort der Apostel sehen wir mit den Aposteln und allen Gläubigen die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi. Das unterscheidet Gläubige von denen, die nicht sehen können: der Glaube an das geschriebene Wort. Paulus weist ebenfalls auf diese Tatsache hin: (2. Kor. 4,3-6): Ist nun aber unser Evangelium verdeckt, so ist`s denen verdeckt, die verloren werden, den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes. Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

So schwebt der Geist um Christi willen über dem Buch, wo Christus klar zu erkennen ist, nicht über Verzückungen, die ihn verdunkeln, sondern im wahren Licht des Wortes: diese Wahrheit stirbt nicht mit Luther, ist auch nicht von Luther erfunden, sondern im ewigen Wort Gottes geschrieben und ist heute mehr denn je wichtiger geworden, weil vielfach der Glaube an einen Christus verkündet und geglaubt wird, der sich von dem Christus von Nazareth oft zunächst unmerklich, oft deutlich unterscheidet. Ein vielleicht extremes Beispiel bringt uns Erwin W. Lutzer in seinem Buch Einig in der Wahrheit? – um zu verstehen was ich meine: An einer religiösen Abendveranstaltung kam ich neben einer Pastorin zu sitzen, die in geschickter Weise Christentum mit dem Gedankengut des New Age vermischt und daher lehrte, Gott finde sich in jedem Menschen, er müsse nur entdeckt werden. „Glauben Sie, dass Christus der einzige Weg zu Gott ist?“ Fragte ich sie, in der sicheren Erwartung, sie würde mit nein antworten. „Selbstverständlich glaube ich, dass Christus der einzige Weg zu Gott ist. Was lässt Sie vermuten, ich würde das nicht glauben?“ Ich hakte nach: „Glauben Sie, dass alle Religionen der Welt gleichwertig sind?“ Darauf gab sie die offene Antwort: „Ja, das glaube ich.“ „Wie passt das aber zur Sicht, Christus sei der einzige Weg zu Gott?“ Wollte ich daraufhin wissen, worauf sie zurückgab: Wenn ich von Christus spreche, dann spreche ich nicht von Jesus von Nazareth.“ Für sie stand der Name Christus für einen jeden Gott, an den man glauben mochte. Christus sei das eine universale Prinzip, das sich in allem und in allen finde. Dieser Christus sei natürlich nicht identisch mit dem Jesus der Evangelien.

Luther hatte diese Gefahr einer falschen Verkündigung des fleischgewordenen Wortes erkannt und es war ihm wichtig zurückzukommen auf das äußerliche Wort. Dieses Wort und das fleischgewordene Wort sind identisch und nicht zu trennen. Wir wissen nichts von Jesus von Nazareth außer durch das Wort und dies genügt.

Das Sendschreiben an die Gemeinde in Philadelphia beschreibt die Zeit der Reformation am deutlichsten: das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, der zuschließt und niemand tut auf. Ich kenne deine Werke. Siehe ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann die zuschließen, denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet…

Es ist also Gott, der Wahrhaftige, der Luther und damit der Zeit der Reformation eine Tür aufgetan hat, die niemand schließen kann: bis heute nicht, ja bis zum Ende der Gemeinde nicht, und zwar geht es um eine kleine Kraft, aber zwei Dinge zeichnen diese kleine Kraft aus: du hast

  1. mein Wort bewahrt und hast
  2. meinen Namen nicht verleugnet.

Aus dieser Grundüberzeugung seines Glaubens heraus kam Luther dazu

    1. den biblischen Text weit über die Lehren der Kommentatoren oder der Kirchenväter zu stellen: Luther sagte: „Die Schriften all der heiligen Väter sollten alle nur eine Zeit lang gelesen werden, damit wir durch sie zur Heiligen Schrift geführet werden. Wie es leider ist, lesen wir sie aber, um von ihnen festgehalten zu werden, sodass wir nie zur Schrift kommen. Wir sind Menschen gleich, die die Wegweiser studieren und nie die Straße entlanggehen. Die teuren Väter hofften, uns durch ihr Schreiben zur Heiligen Schrift zu leiten; doch wir gebrauchen sie, uns von der Schrift wegzuführen, obwohl die Schrift allein unser Weinberg ist, in dem wir alle arbeiten und uns mühen sollten.“ „Aber,“ so klagte Luther im Jahr 1539 „die Bibel ist unter dem Reichtum an Kommentaren vergraben, und der Text wird vernachlässigt, obwohl in jedem Wissenszweig diejenigen die Besten sind, die mit dem Text wohl vertraut sind.“ Luther meint mit all diesem nicht, so John Piper, dass es überhaupt keinen Ort für das Lesen anderer Bücher gebe. Immerhin schrieb er selbst Bücher. Doch er rät uns, sie an die zweite Stelle zu setzen und sparsam damit zu sein.
    2. War es für Luther wichtig bei seinen Übersetzungen ins Deutsche: Einerseits sich an den hebräischen, aramäischen bzw. griechischen Text zu halten, also den biblischen Sprachen und durch deren Kenntnisse so wortgetreu bzw. sinngemäß wie möglich zu übersetzen mit Einbezug der Kultur und Geschichte des Geschriebenen, wenn diese die Aussagen der Schrift unterstreichen und dadurch besser erklären was gemeint ist. Andererseits sagt man von Luther, dass er den Menschen beim Übersetzen auf das Maul geschaut habe. Und in der Tat wollte er seinem Volk eine allgemein verständliche, volksnahe Bibel bringen. Aber zugleich hielt er sich eben eng an den Grundtext der Bibel und seinen besonderen Stil. So blieb Luther dem Text treu, bemühte sich aber über das geschriebene äußerliche Wort das fleischgewordene Wort Gottes und seine Botschaft in einer für Menschen seiner Zeit verständlichen Sprache zu vermitteln. Wie wir wissen, ist ihm dies gelungen: und ist bis heute Vorbild für viele gute Bibelübersetzungen. Die volksnahe deutsche Sprache bekam sogar Bedeutung über die Bibel hinaus.

Dieses „äußerliche Wort“ sollte jedem zugänglich gemacht werden, sodass jeder Mensch durch die Botschaft dieses Wortes und den Heiligen Geist die Möglichkeit hat mit Petrus zu erkennen und zu bekennen: du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.

Daraus entstand für Luther und die Reformatoren ein weiterer Grundsatz der 5 Solas Luthers:

 

       2. Solus Christus, Christus allein.

Luther und die Rechtfertigung:

In den ersten beiden Solas geht es um den Plan Gottes und um die Botschaft an uns Menschen, die vom Himmel kommt. Sowohl das äußerliche Wort, die Bibel, kommt von Gott dem Vater im Himmel, als auch das fleischgewordene Wort, Jesus Christus, der in des Vaters Schoß ist, kommt von oben. In diesen beiden Zeugnissen hat Gott seinen Plan den Menschen kundgetan, den er schon vor Grundlegung der Welt gemacht hat und jetzt den Aposteln durch sein ewiges Wort uns mitteilt und in seinem Sohn ausgeführt wurde: Epheser 3,8-12: Mir, dem Allergeringsten unter allen Heiligen, ist die Gnade gegeben worden, den Heiden zu verkündigen den unausforschlichen Reichtum Christi und für alle ans Licht zu bringen, wie Gott seinen geheimen Ratschluss ausführt, der von Ewigkeit her verborgen war in ihm, der alles geschaffen hat; damit jetzt kundwerde die mannigfaltige Weisheit Gottes den Mächten und Gewalten im Himmel durch die Gemeinde. Diesen ewigen Vorsatz hat Gott ausgeführt in Christus Jesus…. Ihn, Jesus Christus, hat er dazu auserwählt schon vor Grundlegung der Welt: das Lamm Gottes, sündlos und heilig, geschlachtet zu werden für Sünder. 1. Petrus 1,18-21: … denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Das alles ist Gottes Plan und Gottes Weg mit uns. Niemand von uns war dabei als Gott diesen Plan zur Errettung seiner Geschöpfe gemacht hat niemand war dabei, als Jesus den Plan seines Vaters am Ende der Zeiten ausgeführt hat. Niemand war ihr Ratgeber. Er, Jesus, ging diesen Weg allein: Johannes 16,32: Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.

Jetzt geht es in den nächsten Solas darum, wie wir darauf antworten, wie und ob wir, jeder einzelne Mensch auf diesen ewigen, einmaligen Plan Gottes reagieren und darauf eingehen oder nicht. Es geht auch darum, was wir tun sollen, um gerettet zu werden. Bei manchen Lesern geht es vielleicht überhaupt um die Frage: was hat dieser von Ewigkeit her gedachte Plan Gottes überhaupt mit meinem Leben zu tun: woher weiß ich, ob dies die Wahrheit ist oder nur eine der vielen Geschichten und religiösen Versuche der Menschen das woher – wohin und wozu des Lebens auf eine gute Weise zu erklären. Was ist denn überhaupt Wahrheit? Es gibt keine absolute Wahrheit: davon sind viele überzeugt. Ein anderer ist doch wiederum interessiert zu erfahren, was Gott mit seinem Plan im eigenen Leben bewirken kann und will: Luthers ganzes Leben wurde durch die Entdeckung des Buches und seiner Botschaft verändert: Luther sollte nach dem Willen seines Vaters Jurist werden. Er sollte es besser haben als der Vater selbst. Im Jahre 1505 erreichte er in Erfurt die nächsthöhere Stufe, nach dem Titel eines Bakkalaureus und war der Zweitbeste unter siebzehn Kandidaten. In jenem Sommer ließ Gott ihn eine Damaskus-ähnliche Erfahrung machen. Am 2. Juli war er auf dem Heimweg aus der Juristenschule, als er in ein Gewitter geriet und von einem Blitzschlag zu Boden geschleudert wurde. Er schrie: „Hilf heilige Anna ich will ein Mönch werden.“ Er hatte Angst wegen seiner Seele und wusste im Evangelium keine Sicherheit zu finden. So wählte er das Kloster und am 17. Juli 1505 trat er dem Augustinerkloster in Erfurt bei.

„Im Kloster“ so sagte Luther „dachte ich nicht an Frauen, Geld oder Besitz; stattdessen zitterte mein Herz und war in Unruhe darüber, ob Gott mir gnädig sein würde… Denn ich hatte mich vom Glauben entfernt und konnte nicht anders als denken, dass Gott mir zürnte, den ich darum mit guten Werken zu besänftigen hatte.“ In seinen frühen Studien im Kloster gab es für Luther nirgends eine Erleichterung. Er sagte: „Wenn ich glauben könnte, dass Gott nicht zornig auf mich ist, machte ich vor Freuden einen Kopfstand“. Luther war sich völlig bewusst, dem lebendigen Gott zu begegnen im Kloster, im Leben, in seinem Bibelstudium, seinen Gebeten und im Messelesen: überall war ihm die Gegenwart dieses großen, mächtigen Gottes bewusst. Das ist Realität für jeden Menschen: es muss uns die Tatsache bewusst werden, dass wir in unserem Leben immer vor dem lebendigen Gott stehen und unser Tun und Lassen, ja unser ganzes Leben vor unserem Schöpfer verantworten müssen. Luther war überwältigt von dem Gedanken an Gottes Majestät. Auch das ist unserer Zeit fremd: die Größe und Majestät Gottes: meistens hat Gott keinen großen Einfluss auf unser Leben und Dasein. Das Erkennen der Größe, Macht und Majestät Gottes machte ihm aber Angst, denn wie kann man einen heiligen, gerechten Gott gnädig stimmen? Wie kann ein sündiger Mensch überhaupt Gott begegnen? Und wie kann ein Mensch vor Gott gerecht werden?

Luther unterrichtete zunächst Philosophie. Dies kam Luther aber vor wie das Warten auf das Wirkliche. Philosophie mag viele interessante Fragen und Gedanken über den Menschen und sein Leben angehen, aber die Frage Luthers bewegte ihn: wie kann ich vor Gott gerecht werden, was muss ein Mensch tun, um Gottes Zorn über Sünde zu beseitigen? Diese Wirklichkeit kam in sein Leben als der verehrte Vorgesetzte, Ratgeber und Freund, Johann von Staupnitz, Luther für die Bibel zuließ. Das hieß, er erlaubte Luther, die Bibel zu unterrichten anstatt Moralphilosophie: Paulus anstatt Aristoteles. „Ich war in der Tat mit außerordentlichem Eifer erfüllt Paulus in seinem Brief an die Römer zu verstehen“. Aber bis dahin war es…… ein einzelnes Wort in Römer Kapitel 1,Vers 17: Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin geoffenbart….. das mir im Weg gestanden hatte. Denn ich hasste das Wort Gerechtigkeit Gottes, das man mich nach Anwendung und Gebrauch aller Lehre philosophisch zu verstehen gelehrt hatte, wobei es um die -wie sie sagen – formale oder aktive Gerechtigkeit geht, nach der Gott gerecht ist und den ungerechten Sünder straft“. Luther hatte als Augustinermönch mit Sicherheit auch die Schriften des heiligen Augustinus gelesen. Dieser aber lebte vor seiner Bekehrung ein ausschweifendes Leben voller Laster und Sünden. Luther hingegen lebte ein zuchtvolles, frommes Leben im Kloster… und doch: „obwohl ich als Mönch tadellos lebte, fühlte ich mit einem außerordentlich beunruhigten Gewissen, dass ich vor Gott ein Sünder war. Ich konnte nicht glauben, dass er durch meine Bußübungen zufrieden gestellt sei“ und er tat alle erdenklichen Übungen, Kasteiungen, nahm mancherlei Entbehrungen auf sich, nur um dadurch Gott zu gefallen. Ich liebte den gerechten Gott nicht, ja ich hasste ihn, der Sünder bestraft, und heimlich, wenn nicht lästerlich, so doch sehr murrend zürnte ich Gott und sagte: „als wenn es nicht genug wäre, dass elende, durch die Erbstünde ewig verlorene Sünder durch jede Art von Unglück zermalmt werden durch die Zehn Gebote, hat Gott noch durch das Evangelium Schmerz auf Schmerz hinzugefügt und bedroht uns auch im Evangelium mit seinem gerechten Zorn!“ So tobte ich und hatte ein brennendes und beladenes Gewissen. Und so schlug ich unablässig auf Paulus ein, wobei ich glühend zu wissen begehrte, was Paulus damit meinte. Luther ist ein lebendes Beispiel dafür, dass selbst ein frommes und zuchtvolles Leben Gott nicht genügen kann und auch selbst kann man keinen Frieden finden durch fasten, beten, sich kasteien, Schmerzen zufügen, oder andererseits Gutes tun, bemüht zu sein die Gebote zu halten…. nichts aber auch gar nichts kann die Beziehung zu Gott weder uns noch Gott zufriedenstellen. Ich verstehe, dass Luther verärgert war über diesen, wie er ihn zunächst kannte, strengen, gerechten, aber strafenden Gott, dem man nicht auszuweichen vermag.

Endlich, nachdem ich Tag und Nacht meditiert hatte, gab ich durch die Gnade Gottes auf den Kontext der Worte acht, nämlich: Denn die Gerechtigkeit Gottes wird darin geoffenbart… wie geschrieben steht: Der Gerechte aber wird aus Glauben leben.

Da begann ich zu begreifen: die G E R E C H T I G K E I T    G O T T E S     i s t     D I E    G A B  E    G O T T E S…..     wodurch der Gerechte lebt, nämlich durch den Glauben.

Die Gerechtigkeit ist nicht etwas, was man sich erarbeitet oder durch Werke verdient, sondern man bekommt sie geschenkt, eine Gabe Gottes. Das macht den großen Unterschied: Die Gerechtigkeit Gottes ist durch das Evangelium offenbart, nämlich die passive Gerechtigkeit, durch die der barmherzige Gott uns durch Glauben, nicht durch irgendwelche Werke, rechtfertigt, wie geschrieben steht: Der Gerechte aber wird durch Glauben leben. Die Gerechtigkeit kommt von Gott, nicht von uns: sie ist allein Gottes Tat: ausgeführt in Jesus Christus seinem Sohn. Wir dürfen das im Glauben an Jesu Tat am Kreuz und übermittelt durch das Wort Gottes als Gabe Gottes annehmen.

„Hier fühlte ich mich ganz von neuem geboren und war ins Paradies durch offene Tore eingetreten und darum war diese Paulusstelle wahrhaft für mich das Tor zum Paradies.“

So ist es mit jedem Menschen zu allen Zeiten und allen Völkern, der dieser frohen Botschaft Gottes glaubt: er wird verändert, ja neu gemacht, überwältigt in und durch die Liebe Gottes, die hinter diesem ewigen Plan Gottes mit uns Menschen steht: Armin Sierszyn beschreibt diese Erkenntnis Luthers in seinem Buch 2000 Jahre Kirchengeschichte in Bezug auf den Katholizismus wie folgt: Luther hatte bereits vor seiner gewaltigen Erkenntnis der Gerechtigkeit aus Gnade ausgehend vom Vers 17 im 1. Kapitel des Römerbriefes von Staupitz seinem „Lehrer und Freund“ (aus katholischer Sicht!) gelernt, dass Gott uns von unserer eigenen Gerechtigkeit abbringen und uns innerlich leermachen will. Doch über dieser mystischen Demutsreligion (humilitas) lag ein Hauch von Traurigkeit. Trotz dem Empfang des Sakramentes (gratia infusa) fühlte er keine Liebe zu Gott. Seine Herzenshaltung und Disposition war offenbar nicht ausreichend genug. Nun aber erfüllt ihn die neue Erkenntnis mit paradiesischer Freude; Gottes Wort macht uns durchs Gesetz nicht nur zu Sündern, es spricht uns zugleich durchs Evangelium als Gottlose gerecht. Und dies geschieht ohne Bedingung. Die conditio richtet alles Unglück an. Solange Luther die Gerechtigkeit Gottes im menschlichen Sinn verstand, waren der gerechte und der gnädige Gott Gegensätze. Doch jetzt, da er das Wort Gerechtigkeit von Christus her erkennt, wird aus dem Gegensatz eine Gleichung. Der gerechte Gott ist in Christus der barmherzige Gott. Damit fällt jede religiöse Vorleistung völlig dahin. Alles ist Gottes Geschenk und Gabe; Erkenntnis der Sünde, Buße, Glaube, Rechtfertigung und Heiligung. An die Stelle der Rechtsordnung tritt die Gnadenordnung. Damit, so Sierszyn, ist der Katholizismus überwunden.

Gottes Gerechtigkeit heißt, dass wir durch Christus gerechtfertigt und erlöst werden… hört Luther selbst dazu: „Ich lernte die Gerechtigkeit des Gesetzes von der Gerechtigkeit des Evangeliums zu unterscheiden. Es fehlte mir vorher nichts, als dass ich keinen Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium machte; ich hielt alles für dasselbe und behauptete, zwischen Christus und Mose sei außer der Zeit und dem Grad der Vollkommenheit kein Unterschied. Als ich aber den rechten Unterschied fand, dass nämlich Gesetz und Evangelium zweierlei sei, da riss ich durch…. Ich fing an zu verstehen, dass dies die Meinung ist, es werde durchs Evangelium die Gerechtigkeit Gottes offenbart, nämlich die passive, durch welche uns der barmherzige Gott gerecht macht durch den Glauben…. Hier fühlte ich mich völlig neu geboren und als wäre ich durch die geöffneten Pforten ins Paradies selbst eingetreten. Da zeigte mir die ganze Schrift, sogleich ein anderes Gesicht.“ Nun ist Luther durch. Ohne Bedingung spricht Gott mich, den Sünder, gerecht. Auch der Glaube ist völlig Gottes Geschenk durch den Kreuzestod. Daher ist der Kreuzestod Christi die größte Offenbarung. Dort erkennen wir Gottes Zorn, doch noch viel mehr seine Liebe; Gott richtet seinen eigenen Sohn, und Christus trägt die Strafe an unserer statt. So wie Luther kann und muss dies jeder Mensch glauben, um die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen und zu akzeptieren.

Dr. Werner Mc. Gee erzählt von einem jungen Mann der Aufnahme bei den Diakonen einer Gemeinde bat. Sie fragten ihn: „Wie bist du zum Glauben an Jesus Christus gekommen?“ Er antwortete: „ich habe meinen Teil dazugetan und Gott hat seinen Teil dazugetan“. Da glaubten sie, nun haben sie den jungen Mann an einem wunden Punkt getroffen, was bitte sollte der junge Mann selbst zu seiner Erlösung beigetragen haben? Er antwortete: „mein Anteil war, dass ich gesündigt habe und von Gott davongelaufen bin. Gottes Anteil ist, dass er mir nachgegangen ist und mich gefunden hat und errettet hat“. Dieser junge Mann fand wie Luther durch den alleinigen Glauben an Jesus die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Das 3. der 5 Solas lautet demnach:

 

          3. Sola fide, allein durch den Glauben

Luther und sein neues Leben:

Luthers Leben war völlig neu geworden: von Neuem geboren. Auch die Einstellung und das Verständnis zur gesamten Heiligen Schrift änderte sich durch den Heiligen Geist, der jetzt in ihm wohnte: „Hier zeigte sich mir ein völlig anderes Gesicht der gesamten Schrift.“

Daraufhin durcheilte ich die Heilige Schrift in meinem Gedächtnis. Wie Paulus auf dem Weg nach Damaskus wurden Luther die Augen aufgetan in Bezug auf den Plan Gottes und Neues entstand: Diese radikale Konzentration auf den Text der Schrift selbst, bei der Sekundärliteratur sekundär bleibt, führt Luther zu einem ernsten Ringen mit jedem einzelnen Wort des Paulus oder anderer biblischer Schreiber. Anstatt zu den Kommentaren der Väter zu gehen, sagt er: „Ich schlug unablässig auf Paulus ein, wobei ich glühend zu wissen begehrte, was Paulus damit meinte“. Das war kein isolierter Einzelfall, sondern seine Gewohnheit. Er sagte seinen Studenten, die Exegese solle einen schwierigen Text nicht anders behandeln als Mose den Felsen in der Wüste, den er mit dem Stab schlug, bis Wasser herausfloss für das durstige Volk. Mit anderen Worten: Schlagen sie auf den Text ein! „Ich schlug unablässig auf Paulus ein.“ Es liegt eine große Belohnung in diesem einschlagen auf den Text: Die Bibel ist eine ganz besondere Quelle: Je mehr man daraus schöpft und trinkt, umso durstiger wird man. „Ich will hören und wissen, was Gottes Wort in diesem Text mir und der Gemeinde zu sagen hat!“ Auf diese Weise gelangte er zu der Bedeutung von der Gerechtigkeit Gottes in Bezug auf die Rechtfertigung aber auf dieselbe Weise überwand er auch immer wieder alle Tradition, Kultur und Philosophie. Luther war es sehr wichtig das Wort Gottes zu kennen: „Es ist“ sagt er „eine Sünde und Schande, unser eigenes Buch nicht zu kennen.“ „Ach wie glücklich wären die lieben Väter gewesen,“ sagt er weiter, „wenn sie unsere Gelegenheiten zum Studium der biblischen Sprachen gehabt und sich so auf die Heiligen Schriften hätten vorbereiten können! Welche Mühe und Anstrengung kostete es sie, nur ein paar Krümel zu sammeln, während wir mit der Hälfte der Mühe ja, fast gänzlich ohne Mühe – das ganze Brot genießen können. O, wie wird unsere Lässigkeit durch ihre Anstrengungen beschämt.“ Wie sehr gilt dies wohl erst für uns heute, die wir so viele Übersetzungen haben und Bibeln gehortet werden müssen, weil sie niemand lesen will.

„Manche Pastoren“, so der Vorwurf in seiner direkten Art an die Kollegen seiner Zeit, „sind faul und nicht gut. Sie beten nicht, sie lesen nicht, sie untersuchen die Schriften nicht; sind berufen zum Wachen, Lernen und anhaltendem Lesen“… Ich denke, das ist eine nach Luthers gewohnter harter und schonungsloser Ausdrucksweise, für jeden Gläubigen genauso eine Herausforderung, für mich an erster Stelle. „In der Tat, ihr könnt nicht genug in der Bibel lesen; und was ihr lest, könnt ihr nicht zu sorgfältig lesen, und was ihr sorgfältig lest, könnt ihr nicht zu gut verstehen, und was ihr gut versteht, könnt ihr nicht zu gut lehren, und was ihr gut lehrt, könnt ihr nicht zu gut vorleben…“ In diesem Streben mit Fleiß und Ausdauer Gottes Wort zu studieren, erfährt Luther immer wieder Anfechtung, die nicht nur ihn treffen, sondern jeden Gläubigen allen voran Lehrer, Prediger, Verkündiger und Evangelisten darunter. Luther erfährt in seinem Leben immer wieder Leid, Not, Bedrängnisse Verführungen und Verfolgungen von außen aber auch von innen.

„Der Teufel… die Welt… und das Fleisch wüten und toben gegen uns. Darum, liebe Herren und Brüder, Pastoren und Prediger, betet, lest, studiert, seid eifrig… Diese böse, schandbare Zeit ist nicht dazu angetan, faul zu sein, zu schlafen und zu schnarchen.“ Das ist halt Luther… In Psalm 119,67 und 71 heißt es: Bevor ich gedemütigt wurde, irrte ich. Jetzt aber halte ich dein Wort… Es war gut für mich, dass ich gedemütigt wurde, damit ich deine Ordnungen lernte. Ein unerlässlicher Schlüssel zum Verständnis der Heiligen Schrift ist das Leiden auf dem Pfad der Gerechtigkeit. Luther hat in seinem Leben oft erfahren, dass manches Leid dazu beigetragen hat, dass er diesen tiefen Frieden und auch die Freude in Jesus und seinem Wort erleben durfte.

Aber auch Luther muss bekennen: „Ich sitze hier bequem, verhärtet und gefühllos – ach! Wenig betend, wenig um die Gemeinde Gottes bekümmert, aber umso mehr in den wilden Feuern meines ungezähmtes Fleisches brennend. Hierauf kommt es hinaus: Ich sollte in den Flammen des Geistes stehen; in Wirklichkeit stehe ich in den Flammen des Fleisches, mit Begierde, Trägheit, Untätigkeit, Schläfrigkeit. Vielleicht liegt es daran, dass ihr alle aufgehört habt, für mich zu beten, dass Gott sich von mir abgewendet hat…. In den letzten acht Tagen habe ich nichts geschrieben und weder gebetet noch studiert, teilweise aus Maßlosigkeit, teilweise aufgrund einer anderen ärgerlichen Behinderung (Verstopfung und Hämorrhoiden)… Ich kann es wirklich nicht länger aushalten… bete für mich, ich bitte dich, in meiner Abgeschiedenheit, hier bin ich von Sünden überhäuft…“ Dies waren die Anfechtungen, die, wie er sagt, ihn aber zum Theologen machten. Solche Erfahrungen waren genauso Teil seiner exegetischen Arbeit wie sein griechisches Wörterbuch. Das sollten wir zweimal bedenken, ehe wir über die Trübsale unseres Dienstes murren. „Wie oft war ich versucht zu meinen, dass Druck und Konflikte und Enttäuschungen nichts als Hemmnisse sind für das Studieren und Verstehen.“

Luther – und Psalm 119.7 – lehren uns, die Dinge ganz anders zu betrachten: ich danke dir mit aufrichtigem Herzen, dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit. Das Lehren Gottes geschieht eben auch durch manches Leid und Anfechtung.

Der Triumph in diesen Anfechtungen ist aber nicht unser eigenes Werk: Wir sind gänzlich von der freien Gnade Gottes abhängig, die uns Kraft gibt und unseren Glauben erneuert. Luther bekannte in seinem Gefühl der Verlassenheit und der Plagen, dass der Glaube die Kräfte übersteigt: hier müssen wir zu Gott allein schreien.

Andererseits sagt er auch: „Dass man die Heilige Schrift nicht mit Studium und Talent durchdringen kann, ist ganz sicher. Darum ist eure erste Pflicht, mit Gebet anzufangen und darum zu bitten, dass es Gott gefallen möge, etwas zu seiner Ehre zu vollbringen nicht zu unserer oder der irgendeiner anderen Person er kann euch in großer Gnade wahres Verständnis seines Wortes schenken. Denn es gibt keinen Doktor der Theologie außer dem Autor dieser Worte, wenn er sagt: Sie werden alle von Gott gelehrt sein (Johannes 6,45). Ihr müsst daher ganz und gar an eurem Eifer und an eurer Tüchtigkeit verzweifeln und euch allein auf die Inspiration des Heiligen Geistes verlassen.“

Luther meinte nicht, wir sollten das äußerliche Wort in mystischer Träumerei verlassen, sondern dass wir all unsere Bemühungen in Gebet baden und uns selbst so völlig auf Gott stützen, dass er in unsere Studien hineinkommt und ihnen aufhilft, und sie vorantreibt.

Die Heilige Schrift muss in Furcht und Demut und unter ehrfürchtigem Gebet durchdrungen werden. Weiter sieht er den Psalmisten in Psalm 119 nicht nur leiden und nachsinnen, sondern auch immer wieder betend: Psalm 119,18: Öffne meine Augen, damit ich schaue die Wunder aus deinem Gesetz …Vers 27: Lass mich verstehen den Weg deiner Vorschriften. 34: Gib mir Einsicht, und ich will dein Gesetz bewahren. Verse 35-37: Leite mich auf dem Pfad deiner Gebote! Denn ich habe Gefallen daran. Neige mein Herz zu deinen Zeugnissen, und nicht zum Gewinn! Belebe mich auf deinen Wegen. So kam er zu dem Schluss, die rechte, biblische Weise, die Bibel zu studieren, müsse von Augenblick zu Augenblick durchsättigt sein von Gebet und Selbstzweifeln und Gottvertrauen; Ihr solltet völlig an euren eigenen Sinnen und an eurer Vernunft verzweifeln, denn durch sie werdet ihr das Ziel nie erreichen…. „Vielmehr kniet in eurem Kämmerlein nieder und betet in aufrichtiger Demut und Ernsthaftigkeit zu Gott durch seinen lieben Sohn, er möge euch gnädig durch seinen Heiligen Geist erleuchten, leiten und Verständnis geben.“ Römer 8,7 und andere Stellen überzeugten Luther, dass der natürliche Verstand nichts Gott Wohlgefälliges tun kann. Er nimmt den Zorn Gottes nicht wahr, darum kann er ihn auch nicht wirklich fürchten. Er sieht die Güte Gottes nicht, darum kann er ihm nicht vertrauen noch an ihn glauben. Darum sollten wir beständig beten, Gott möge seine Gaben in uns hervorbringen. All unser Studieren ist fruchtlos ohne Gottes Werk, das unsere Blindheit und Herzenshärtigkeit überwindet. „Ein Mensch,“ so war Luther überzeugt, „sollte sich also durch Gebet und Studium des Wortes hinaus von Gott beschenken lassen in allem: und sollte so arbeiten,“ Andererseits ist in all dem Arbeiten und Studieren auch folgenden zu beachten: 1532 schrieb Luther dazu folgende Gedanken, nämlich: …dass er gesund bleibt und seinem Körper keinen Schaden zufügt. „Wir dürfen unseren Kopf nicht überanstrengen und unserem Körper schaden… ich habe dies oft getan und mein Gehirn gequält, weil ich diese schlechte Einstellung mich zu überarbeiten, immer noch nicht überwunden habe.“ Gott verlangt das nicht, er will, dass wir uns in allen Dingen beschenken lassen und dass es uns wohl geht an Körper, Seele und Geist nach seiner Gnade (1. Thess. 5.23)

Luther und Augustinus stimmten im zentralen Thema der Reformation überein: Der Kern der Luther`schen Theologie war eine völlige Abhängigkeit von Gottes freier, allmächtiger Gnade, die kraftlose Menschen aus den Fesseln des eigenen Willens erlöst. Der Mensch kann nicht aus eigener Kraft und Anstrengung sein Herz reinigen und Gott wohlgefällige Gaben hervorbringen, wie etwa Buße über Sünden, eine wahre, nicht gekünstelte Gottesfurcht, wahren Glauben, echte Liebe, Barmherzigkeit.

Das größte Problem in Bezug auf Luthers Gegnerschaft – sind daher nicht die Ablass- oder Fegefeuer Fragen – nein das zentrale Thema des christlichen Glaubens, so Luther – ist die Kraftlosigkeit des Menschen vor Gott. Der Mensch hat nicht die Kraft, sich selbst zu rechtfertigen und sich selbst zu heiligen, er kann nicht studieren, wie er sollte, er kann nicht auf Gott vertrauen und auch nichts daran ändern, selbst durch noch so große Anstrengung. Er hatte das bei Paulus gesehen, und es bestätigte sich in den heißen Kämpfen zwischen Augustinus und Pelagius (siehe weiter oben). Auch das hat Gott vorherbestimmt: Epheser 1,4-7: Denn in ihm, Christus, hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit.

So ist es nicht nur Gnade, die uns die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, zuspricht, also Sündenvergebung, sondern wir leben auch aus der Gnade bis hin, dass Gott uns heilig und untadelig vor ihm bringt im Gehorsam des Glaubens. Wie sollten wir sonst heilig und untadelig vor Gott stehen, wenn nicht aus der Gnade, die Gott schenkt. In diesem Zusammenhang zitiert Luther immer wieder auch Kap. 9 des Römerbriefes: 9,16-18: …Also liegt es nun nicht an dem Wollenden, noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott. Denn die Schrift sagt zum Pharao: „Eben hierzu habe ich dich erweckt, damit ich meine Macht an dir erzeige, und damit mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde.“ So denn, wen er will, begnadigt er, und wen er will, verhärtet er…

Darum liebte Luther die Botschaft von der Knechtschaft des Willens, in der alle Freiheit und Macht und Gnade Gott zugeschrieben wird und den Menschen alle Kraftlosigkeit und Abhängigkeit.

 

         4. Sola gratia, allein durch Gnade

Das zentrale Thema der Reformation:

Der Kern der Luther´schen Theologie war eine völlige Abhängigkeit von der freier, allmächtiger Gnade Gottes, die kraftlose Menschen aus den Fesseln des eigenen Willens erlöst.

Über den freien Willen des Menschen sagte Luther: „Der Mensch hat in seiner Macht eine Freiheit des Willens, äußerliche Werke zu tun und zu lassen, die durch Gesetze geregelt und unter Umständen gestraft werden…. Auf der anderen Seite kann der Mensch nicht aus eigener Kraft sein Herz reinigen und Gott wohlgefällige Gaben hervorbringen, wie etwa Buße über Sünden, eine wahre, nicht gekünstelte Gottesfurcht, wahren Glauben, echte Liebe, Barmherzigkeit.“ Mit anderen Worten: der Wille ist „frei“ unsere alltäglichen Bewegungen und Beziehungen untereinander zu steuern, doch in Bezug auf Errettung aus Sünde und Tod und Heiligung unterliegt er einer Gebundenheit, die nur die freie Gnade Gottes überwinden kann. Die Sünde des Menschen kommt nicht in erster Linie vom Kopf, sondern vom Herzen. Matth. 15,19: denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Der Mensch kann sich nicht selbst reinigen und sich verändern, um so zu leben, wie es Gott gefällt. Er ist gebunden an das Wesen der Sünde und damit von Gott und seinem Wesen getrennt. Er wird nicht erst getrennt, sondern er ist schon getrennt und nur die Gnade und Wahrheit Gottes in Jesus Christus kann ihn befreien. Darum gilt in der Errettung und Erlösung Gott allein alle Ehre und Lob.

Luther war zutiefst überzeugt und begnügte sich auch damit zu wissen, dass Gott den Demütigen diese göttliche Gnade verheißen hat: 1. Petrus 5,5: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So können wir,“ sagt Luther „nicht wirklich in tiefer Demut sein, bevor wir nicht erkennen, dass wir gar nichts in Bezug auf unser eigenes Heil ausrichten können.“ Luther führte diese Tatsache weiter aus: „Gott hat seine Gnade allein den Gedemütigten gewisslich verheißen, d.h. den Aufgegebenen und Verzweifelten. Der Mensch aber kann nicht eher bis ins Innerste gedemütigt werden, als bis er weiß, dass seine „Seligkeit“ ganz und gar außer seinem eigenen Vermögen, Planen, Eifern, Wollen und Wirken steht, dass sie ganz und gar hängt an dem Gutdünken, Planen, Wollen und Wirken eines andern, nämlich Gottes, allein. Denn dieweil ein Mensch im Glauben ist, als könne er sich selbst mit etwas zur Seligkeit helfen, es sei so wenig er wolle, so steht er und vertraut auf sich selbst und verzagt nicht ganz an seinem Vermögen. Darum demütigt er sich auch nicht mit ganzem Ernst und von Herzensgrund vor Gott, sondern nimmt sich Stätte, Zeit, Werk, Wesen vor, dadurch er gedenkt, sich selbst zur Seligkeit zu helfen… Wer aber gewiss gelernt hat, dass all unser Heil in Gottes Hand und Willen steht, der verzagt an allem seinem Vermögen und allen seinen Kräften gänzlich, erwählt sich kein Werk, sondern erleidet und harrt, dass Gott in ihm wirke.“

Luther sah diese Fesseln des Willens an die Sündhaftigkeit des Menschen als Grundursache des Kampfes gegen Rom und dessen gewichtigstem Sprecher, Erasmus (oben erwähnt). Mit diesem Thema befasste er sich in gleicher Weise wie Augustinus in der Auseinandersetzung mit Pelagius. Man kann nun meinen dieses Thema ist nun tatsächlich nicht so wichtig, als dass man darüber so konsequent und „stur“ darauf bestehen muss. Aber sowohl für Augustinus als auch für Luther war es „lebensnotwendig“, denn von dieser Antwort hängt das Verständnis des Evangeliums ab: ist die frohe Botschaft der Errettung und Heiligung allein Gottes Werk oder können bzw. sollen wir auch etwas dazu beitragen? Diese Unterscheidung war sehr wichtig für unsere Glaubensväter, ja sogar so wichtig, dass Luther dieses Thema als den entscheidenden Unterschied zur Lehre der Kirche erhob: denn Gott allein gilt alle Ehre und Dank und Lob und Anbetung: Die Errettung, die Versöhnung mit Gott und die Heiligung (die Veränderung unseres unvollkommenen Wesens in das Wesen der vollkommenen Liebe Gottes) ist allein sein Werk und geschieht aus Gnade und in Wahrheit. Diese Gnade und Wahrheit ist durch Jesus gemacht. Erasmus und andere Kirchenväter sahen dies anders und dies ist in der Kirche bis heute so geblieben: Ja, Gnade ist nötig zur Errettung, aber der Mensch hat die Kraft, den ersten Schritt zum Anknüpfen der Beziehung mit Gott zu tun.

Das verändert die Aussagen und die Botschaft der Bibel von Anfang an: Welche Folgen hatte damit für Erasmus der Sündenfall auf die natürlichen Fähigkeiten des Menschen? Erasmus sagt, der Mensch sei geschwächt worden; seine Fähigkeiten seien erheblich beeinträchtigt worden, aber er sei nicht völlig fleischlich, also sündig und damit getrennt von Gott, obwohl Gott klar sagt: wenn du sündigst durch Übertretung meines Gebotes (es gab nur ein Gebot Gottes) stirbst du, bist du also getrennt von Gott: 1.Mose 2,16: Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.

Die Natur des Menschen, besitze noch, nach diesem Sündenfall der ersten Menschen, so Erasmus weiter, einige Fähigkeiten zur Erkenntnis Gottes und zum Gehorsam ihm gegenüber. „Damit kann der Mensch wenigstens etwas zu seiner ewigen Errettung beitragen. Gott und Mensch sind Partner in der Erlösung; obwohl der Teil des Menschen zugegebenermaßen ziemlich gering ist“. Erasmus bringt damit zum Ausdruck: Er, der Mensch, wählt Gott, es ist nicht Gott, der ihn wählt. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied: es erhebt damit den Menschen in seinem Tun und in seinen Willensentscheidungen und setzt das Werk Gottes und seine Gnade herab. Dadurch wird nicht nur Gott die Ehre gegeben, sondern auch dem Menschen bzw. der Kirche, die Menschen aufgrund ihrer Taten heiligsprechen. „Darum“, sagt Luther, „muss man diese Dinge lehren, um der Auserwählten willen, dass sie sich also vor Gott von Herzen demütigen und ihre Nichtigkeit erkennen und selig werden. Die anderen, die dieser Demut feind und wider sind, wollen verbieten, solche Nichtigkeit unserer selbst zu lehren, wollen auch, man solle doch ein wenig dem freien Willen lassen, was wir vermögen: dieselben halten heimlich im Herzen viel von sich selbst und ihren Werken, welches denn ist stracks wider Gottes Gnade“. Demnach könnte der Mensch hochmütig vor Gott treten und sagen: habe ich nicht dies und jenes getan? Jesus aber wird zu solchen Menschen sagen: geht weg von mir ich habe euch noch nie gekannt, weicht von mir ihr Übeltäter: Matth. 7,22,23. So sehen wir wie entscheidend diese Frage für das Evangelium ist.

Wir wollen damit festhalten, dass bis heute in der Kirche ein anderes Verständnis von Gnade herrscht. Das hat Luther erkannt und zum Hauptthema erhoben, denn an der Antwort darauf entschiedet sich, wo wir die Ewigkeit verbringen werden. Selbst wenn wir auch etwas zur Errettung beitragen sollten, ist doch die Frage: ja was kann und müsste ich denn tun und was kann ich überhaupt tun an Werken, um ewiges Leben zu haben und heilig zu leben? Wann ist es genug, denn der Weg der Errettung nach Erasmus und Pelagius ist ja ein eher beständiger Weg hin zur ewigen Errettung. Ein Gedanke, den die Kirche ja, wie bereits weiter oben erwähnt, sehr klar lehrt: man muss so viel wie möglich Gnadenwerke sammeln, damit es dann mal vielleicht reicht für den Eintritt ins ewige Paradies. Verständlich, dass Luther dieses Thema Errettung als das Wesentlichste ansah, denn bei ihm hing alles von der ewigen Gnade Gottes ab, Errettung ist allein Gottes Plan und Werk und darum gilt auch ihm allein alle Ehre, Lob und Herrlichkeit.

Das Wort Gottes setzt einen Zeitpunkt fest, in dem man errettet werden kann und vergleicht deshalb die Errettung mit einer Geburt, die einmal geschieht und für immer gilt: ihr müsst von Neuem geboren werden und nicht ein andauernder Prozess. Diese Neugeburt hat Luther erfahren in der Erkenntnis des Römerbriefes in der Aussage über die Gerechtigkeit: von da an war er vor Gott gerecht gesprochen und ein Kind Gottes geworden und musste es nicht erst langsam werden. Deshalb ist es wichtig zu wissen: sind wir, bist du, sind sie von Neuem geboren und damit ein Kind Gottes, sonst kann niemand in das Reich Gottes kommen. Dieser Zugang zum ewigen Reich Gottes ist nur deshalb so gewiss, weil die Errettung allein durch die Gnade des ewigen Gottes geschieht.

Zum Nachdenken dazu: viele Evangelikale lehren heute, so Erwin Lutzer, dass die Errettung durch Gottes Gnade geschieht, dass Gott aber vom Sünder erwarte, mit seinem Glauben dazu beizutragen, dass er errettet werden könne. Der Mensch müsse Gott wählen, nicht Gott erwähle den Menschen: diese Meinung ist auch heute noch oft Teil der Verkündigung. So bleibt doch der Gedanke dahinter, wenigstens etwas, und sei es ein noch so geringes zu tun, das Gott im Menschen sucht, das ihn für die Errettung qualifiziert. Diese populäre Auffassung wurde eben schon von Erasmus vertreten – Erwin Lutzer: Einig in der Wahrheit?

Luther wandte sich heftig dagegen: So war Luthers Buch: „Von der Knechtschaft des Willens“, das er 1525 veröffentlichte, eine Antwort auf das Buch: „Vom freien Willen“ von Erasmus. Luther hielt dies eine Buch – Von der Knechtschaft des Willens – für sein bestes theologisches Buch, das als einziges seiner Art wert ist, veröffentlicht zu werden. Zum Unterschied allerdings von Erasmus, der ja, wie bereits weiter oben erwähnt, mit der römischen Kirche versuchte sich zu verständigen und zu einigen, sah Luther darin den Menschen in der Beziehung zu Gott vollkommen hilflos und kraftlos: er hatte das bei Paulus gesehen: In Apostelgeschichte Kap. 20,24 sagt Paulus zu den Ältesten der Gemeinde Ephesus folgendes: Aber ich achte mein Leben nicht der Rede wert, wenn ich nur meinen Lauf vollende und das Amt ausrichte, das ich von dem Herrn Jesus empfangen habe, zu bezeugen das Evangelium von der Gnade Gottes.

Die Erhebung des menschlichen Willens durch Erasmus, er sei frei, seine eigene Sünde und Knechtschaft zu überwinden, war nach Luthers Meinung eine schwere Beleidigung der Gnade Gottes und darum ein Angriff auf das Evangelium selbst. 1528 schrieb er in einer Art Zusammenfassung seines Glaubens: „Ich verurteile und verwerfe alle Lehre, die unseren „freien Willen“ erheben, der dadurch der einzigen Mittlerschaft und alleinigen Gnade unseres Herrn Jesus direkt entgegengestellt wird. Denn weil ohne Christus, Sünde und Tod unsere Herren sind und der Teufel unser Gott und Fürst ist, kann es keine Kraft oder Stärke geben, keine Klugheit oder Weisheit, durch die wir uns selbst fähig oder passend machen könnten für Gerechtigkeit und Leben. Im Gegenteil: Blind und gefangen sind wir gezwungen, Untertanen Satans und der Sünde zu sein, zu tun und zu denken, was ihm gefällt und Gott und seinen Geboten entgegensteht.“

Luther hatte also verstanden, dass die Knechtschaft des Menschen unter die Sünde und seine Unfähigkeit, sich selbst gerecht zu machen – einschließlich der Unfähigkeit zu rechtem Studium – das Hauptthema der Reformation war.

Luther war aber bekannterweise auch Kirchenmann. Er wollte die römische Kirche reformieren und wollte nie, dass man eine Kirche nach ihm benennt. Es mag sein, dass er manche kirchlichen Ordnungen beibehalten hat, aber eines in Bezug auf die Ehre, die allein Gott zusteht, hat er konsequenter Weise seinem Glauben an die allmächtige und alleinige Gnade entsprechend abgeschafft: die Reliquien und Bilderverehrung, in der Menschen verehrt werden und nicht Gott allein. Die Bilder- und Reliquienverehrung, so haben wir die Anfänge kennengelernt, hat diese Ehre und Anbetung und den ganzen Ruhm, der Gott und dem Lamm allein gebührt, genommen und alle Ehre den Menschen und seinen Werken gegeben und zugeschrieben. Das hatte zu allen Zeiten bis heute schwerwiegende Konsequenzen: nun hatte Luther die Kraft und den Mut dies abzuschaffen und Gott allein die Ehre zu geben.

In der Auslegung zum Galaterbrief berichtet Luther: „Ich erinnere mich, dass am Anfang meines Kampfes Dr. Staupitz zu mir sagte: Es gefällt mir, dass die Lehre, die du verkündigst, alle Ehre und alles Gott allein zuschreibst und nichts den Menschen; denn Gott kann man (das ist klarer als die Sonne) nicht zu viel Ehre, Güte usw. zuschreiben. Dieses Wort tröstete mich damals gar sehr. Und es ist wahr: Die Lehre des Evangeliums nimmt den Menschen alle Ehre, Weisheit, Gerechtigkeit usw., und schreibt sie dem Schöpfer allein zu, der alles aus dem Nichts erschafft.“

In all den Auseinandersetzungen und Glaubenskämpfen ist das Gebet die Grundlage des Luther´schen Umgangs mit dem Bibelstudium. Gebet ist das Echo auf die Freiheit und Allgenügsamkeit Gottes im Herzen des kraftlosen Menschen. Es ist die Weise, wie Luther seine Theologie verstand, und die Weise, wie er seine Studien betrieb. Ohne Gebet kein tiefes Verständnis der Heiligen Schriften und kein Hinhören auf das Reden Gottes, welches durch seinen Geist in uns und Gottes Wort erfolgt.

Und in diesem Bewusstsein starb er auch. Seine letzten Worte vor seinem Tod am 18. Februar 1546 um drei Uhr morgens waren: „Wir sind Bettler, Hoc est verum (das ist wahr). Gott ist frei – gänzlich frei – in seiner Gnade. Und wir sind Bettler – Beter. So sollen wir leben, so sollen wir sterben, und so sollen wir studieren, sodass Gott die Ehre und wir die Gnade erhalten“.

 

                     5. Soli Deo gloria,

          dem alleinigen Gott sei die Ehre

Der Einfluss der Reformation auf ganz Europa.

Als Martin Luther 1520 öffentlich mit dem Papst brach, hinterließ dies einen tiefen Eindruck in ganz Europa. Überall machten sich nun Menschen daran, die Kirche zu reformieren: Sie sollte nicht länger dem Papst untergeordnet sein, sondern sich nur nach der Bibel richten. Das sprach z. B. den Waldensern aus dem Herzen. Sie schlossen sich 1532 wie viele andere der Reformation an. Seit 1555 errichteten sie sogar eigene Kirchengemeinden in den Cottischen Alpen; gepredigt wurde auf französisch und italienisch. Dabei unterhielten sie Unterstützung von der Stadt Genf, die sich mit Johannes Calvin zu einer protestantischen Hochburg entwickelt hatte. Calvin, selbst Franzose, sah in den Waldenser eine Brücke der Reformation nach Italien. Zusammen mit Zwingli in Zürich entwickelte sich andererseits auch die eigene Schweizer Richtung der Reformation. In und um Zürich entstanden auch die sogenannten Täufergemeinden, von außen Anapaptisten oder Wiedertäufer genannt. Diese brachten durch Verfolgung in ihrer Heimat die frohe Botschaft nach Südtirol.

Die Herrlichleit und Majestät des einen ewigen Gottes:

Soli Deo gloria, dem alleinigen Gott sei Ehre: dies ist das höchste Ziel unseres Glaubens: Gott, dem ewig Seienden, alle Ehre und Lob zu bringen für alles: für unser Leben, für seinen Plan mit unserem Leben, dafür dass er der Schöpfer aller Dinge ist und er die Geschicke der Menschen und dieser Welt kennt und in der Hand hält, aber sich doch als Vater um jeden von uns ganz persönlich in aller Liebe kümmert und uns immer nahe ist. Wir schauen oft zu sehr nur auf uns selbst, wollen selbst alles in den Griff kriegen: unsere Alltagssorgen, Nöte, persönliches Leid, dazu Arbeit, Karriere, Familie, sind damit beschäftigt unseren Wohlstand, Vergnügen, Hobbys, die persönliche Gestaltung der Freizeit unseres Lebens in den Vordergrund zu stellen und sehen in allem zu wenig nach oben. Luther hat dies verstanden und Gott in allem die Ehre gegeben und mit Paulus eingestimmt in Römer 8,18: Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll… und das alles von dem einen Gott, der die Herrlichkeit ist und uns mit seiner Herrlichkeit beschenkt: in diesem Leben durch sein geschriebenes und fleischgewordenes Wort, wodurch wir sagen können Abba lieber Vater und in der ewigen Welt mit der Krone des Lebens, der Aufnahme in unsere ewige Heimat. Luther hat das Ziel seines Lebens erreicht.

Noch deutlicher als Luther hat Calvin, ein jüngerer Zeitgenosse und Glaubensbruder Luthers, die Majestät Gottes in seiner Verkündigung betont. Es gibt kaum einen anderen Glaubenszeugen in Vergangenheit und Gegenwart, der die Herrlichkeit Gottes so in die Wirklichkeit des Lebens stellte wie

Calvin:

Johannes Calvin würde es gutheißen, wenn dieses Kapitel mit Gott anfängt und nicht mit ihm selbst. Nichts bedeutete Calvin mehr als die Oberhoheit Gottes über alles andere. Wir wollen daher unsere Aufmerksamkeit auf die Selbstbeschreibung Gottes in 2. Mose 3,14-15 lenken. Hier werden wir das Zentrale Calvin`schen Denkens und Lebens entdecken. …… was ist SEIN NAME? Was soll ich denn zu ihnen sagen? So fragte Mose Gott, der ihn im brennenden Dornbusch begegnet ist. Wie ist dein Name. Gottes Antwort ist eine der wichtigsten Offenbarungen, die je einem Menschen zuteil wurde: Da sprach Gott zu Mose:   I C H B I N D E R ICH BIN     Und Gott sprach weiter zu Mose: So sollst du zu den Söhnen Israels sagen: Jawhe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name in Ewigkeit, und das ist meine Benennung von Generation zu Generation. Aber nicht nur den Israeliten, dem Volk Gottes sollte Mose diesen Gott mit seinem Namen vorstellen, sondern auch dem Pharao und dieser sollte ebenfalls erfahren wer dieser Gott ist und seine Macht und Majestät erleben. (2. Mose. 3,14-22). Da können wir schon anfangen zu verstehen, wie Calvin dachte: Die einen rettet er aus Knechtschaft, die anderen, Pharao und die seinen, richtet er in ihrer Macht und Widerspenstigkeit. Das ist die Oberhoheit Gottes.

Mit anderen Worten: der große, zentrale BIBLISCHE Name Jawhe ist von Gott selbst begründet in dem Satz: Ich bin, der ich bin: Sage ihnen, der einfach und absolut Seiende hat dich gesandt. Sage ihnen, das eigentlich Wesentliche an mir sei, dass ich bin. Es ist der Grund des Glaubens Calvins die Leidenschaft für die Zentralität und Oberhoheit Gottes zu entflammen. „Brennt nicht Ihr Herz, wenn Sie Gott sagen hören: Mein Name: ICH BIN, DER ICH BIN?“ Die Absolutheit des göttlichen Daseins überwältigt unser Denken – Gott hat keinen Anfang, kein Ende, er ist nie entstanden und verändert sich nie. Er ist einfach und absolut da und lässt sich nur zu seinen Bedingungen auf uns ein, sonst überhaupt nicht. Lassen Sie dies tief in ihr Herz eindringen: Gott – der Gott, der sie in diesem Augenblick im Dasein erhält – hatte nie einen Anfang… Ob wir sein Dasein wünschen oder nicht – er ist da. Ob der Mensch an ihn glaubt oder nicht, ob er sagt: es gibt keinen Gott oder sagt er sei Atheist: das ändert an Gottes Existenz nichts. Wir Menschen haben nicht zu bestimmen, was Wirklichkeit ist. Gott definiert Wirklichkeit. Sobald wir ins Dasein treten, stehen wir vor Gott, der uns schuf und dem wir gehören. In dieser Angelegenheit haben wir überhaupt keine Wahl. Wir erwählten unser Dasein nicht. Und seit wir da sind, geht es nicht darum, so Johannes Calvin, ob wir Gottes Dasein anerkennen oder nicht. Weder Toben noch Geifern, weder erfinderische Zweifel noch Skeptizismus – nichts hat auf Gottes Existenz Einfluss. Er ist einfach absolut da! Sage ihnen:  I C H  B I N  hat mich zu euch gesandt. Gefällt uns das nicht, können wir uns ändern (UND ZWAR JEDER) – zu unserem Glück, oder wir können Widerstand leisten – zu unserem Verderben. Diese Freiheit hat uns Gott gegeben zum Unterschied zur übrigen Schöpfung. Dies hat auch Calvin in seiner Lehre der Majestät Gottes anerkannt und gepredigt. Aber es liegt an Gottes Oberhoheit unser Herz zu verstocken oder zu reinigen. Er allein kennt unser Herz. Es scheint mir logisch und biblisch begründet, dass Gott dies entscheidet, wer bitte sollte es denn sonst tun? Er kennt uns durch und durch, er ist gerecht, voll Liebe und BarmHERZigkeit.

Es bleibt eben absolut unangefochten: GOTT IST: Er war da, bevor wir kamen. Und er wird noch da sein, wenn wir vergangen sind. Und darum ist dieser Gott das Allerwichtigste in unserem Leben und Dienst. Calvin spricht uns da ins Gewissen, dass wir diese Oberhoheit Gottes mit Gewissheit und aus tiefer innerer Überzeugung in unsere Verkündigung einbeziehen sollen. Wir können der einfachen und offensichtlichen Wahrheit auch nicht entkommen, dass Gott die Hauptsache in unserem Dienst sein muss. Unser Dienst hat mit Gott zu tun, weil das Leben etwas mit Gott zu tun hat. Und das Leben hat mit Gott zu tun, weil das Universum mit Gott zu tun hat, und das Universum hat mit Gott zu tun, weil jedes Atom und jede Bewegung und jede Seele von Engeln, Dämonen und menschlichen Wesen Gott gehört, der absolut ist. Er hat alles Seiende geschaffen, er erhält alles im Dasein er lenkt den Lauf aller Ereignisse: denn aus ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge: Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit Amen (Römer 11,36).

Allen Predigern unter den Lesern sagt Calvin folgendes: Möge Gott Sie mit Leidenschaft für seine Zentralität und Oberhoheit in ihrem Dienst entflammen, damit die Menschen, die Sie lieben und denen Sie dienen, nach ihrem Tod und Fortgang sagen werden: Dieser Mann kannte Gott. Dieser Mann liebte Gott. Dieser Mann lebte für die Herrlichkeit Gottes. Dieser Mann zeigte uns Woche für Woche, wer Gott ist. Dieser Mann war nach den Worten des Apostels Paulus erfüllt zur ganzen Fülle Gottes (Epheser 3,19). Das ist es was Calvin uns sagen will, dass wir dies tief in unser Herz eindringen lassen: ich meine wir, als Nachfolger Christi, ob Mann oder Frau können uns doch mindestens vornehmen das Ziel zu setzen in unserem Leben von Herzen solche Männer und Frauen des Glaubens zu werden, wenn wir es nicht schon sind. Das ist unser Teil, dass wir Gott in unser Herz lassen und es von ihm lenken und verändern lassen zu ihm hin, so wie er dies schon von Ewigkeit her in seiner Macht, Weisheit und Liebe zu seinen Geschöpfen vorgesehen hat.

David Wells, ein amerikanischer gläubiger Sportler, sagte in überwältigender Weise und hatte Recht damit, so der Prediger und Pastor John Piper: Es ist dieser Gott, so majestätisch und heilig in sich selbst…, der der modernen evangelikalen Welt größtenteils abhanden gekommen ist.

Lesslie Newbigin, langjähriger englischer Missionar in Indien, sagte so ziemlich dasselbe: Plötzlich erkannte ich, dass bei allem, was in der evangelikalen Christenheit gesagt werden mag, der Mittelpunkt im eigentlichen Sinn das ICH ist, meine Erlösungsbedürftigkeit: und Gott soll nur dazu helfen…Auch merkte ich, dass ein großer Teil der evangelikalen Christenheit leicht dahin abgleiten kann, nur noch nach dem eigenen Ich und nach dem eigenen Heil zu fragen und nicht nach der Verherrlichung Gottes. Und wirklich, meint auch Pastor John Piper in seinem Buch überwältigt von Gnade: Wir sind abgeglitten. Wo finden sich heute Gemeinden, deren Haupterfahrung die Kostbarkeit und Bedeutung der Herrlichkeit Gottes ist? Es lohnt sich jedenfalls darüber nachzudenken und unsere Gottesvorstellung anhand des Wortes zu überdenken, wenn nötig neu zu definieren.

Calvin und die Reformation:

Johannes Calvin hat sich der neuen Lehre der Reformation, wodurch er zum Glauben an Jesus Christus gekommen ist, angeschlossen und war nach seiner Bekehrung – darüber wird später berichtet- in Genf: hat sich dort lange Zeit mit Unterbrechung niedergelassen und gelehrt.

Im Jahr 1538 schrieb der italienische Kardinal Sadolet an die Kirchenführer in Genf und auch an Calvin: er versuchte durch dieses Schreiben die Gemeinden in und um Genf wiederum für die katholische Kirche zurückzugewinnen, nachdem sich diese den Lehren der Reformation zugewandt hatten. Er sprach über die Kostbarkeiten des ewigen Lebens und dann über die Anklagen gegen die Reformation. Calvin, in der Kraft des einen wahren ewigen Gottes, antwortete ihm innerhalb von sechs Tagen. Luther selbst las diese Antwort ebenfalls und sagte: Hier ist ein Brief, der Hand und Fuß hat. Ich bin glücklich, dass Gott solche Männer erweckt.

Calvins Antwort an Sadolet ist wichtig, weil sie die Wurzel von Calvins Streit mit Rom bloßlegt, der sein ganzes Leben bestimmen sollte. Das Thema waren nicht in erster Linie die allbekannten Fragen der Reformation nach Rechtfertigung, Missbrauch des Priestertums, nach der Transsubstantiation (der Messopfer Frage) den Gebeten zu den Heiligen und der päpstlichen Macht. All das kam zur Sprache. Aber hinter allem stand das grundlegende Thema für Johannes Calvin, und zwar vom Anfang bis zum Ende seines Lebens: die Zentralität und Oberhoheit und Majestät der Herrlichkeit Gottes.

Das schrieb Calvin an den Kardinal: „Euer Eifer für das himmlische Leben ist ein Eifer, der einen Menschen völlig mit sich selbst beschäftigt, und regt ihn nicht einmal andeutungsweise dazu an den Namen Gottes zu heiligen.“ (Übrigens das erste, was wir bekennen, in dem allen bekannten Gebet: Vater unser im Himmel, GEHEILIGT WERDE DEIN NAME). – Das stammt nicht von Calvin, sondern von Jesus, dem fleischgewordenen Wort. – Mit anderen Worten: Selbst kostbare und richtige Wahrheiten über das ewige Leben können so verdreht werden, dass sie Gott als Mittelpunkt und Ziel verdrängen. Ähnliche Probleme hatte Jesus auch mit den Pharisäern: Matth. 23,23: …Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Dies war Calvins Hauptstreitpunkt gegenüber Rom: es geht um den Ursprung der Gerechtigkeit in Gott, um das Wesen Gottes der Barmherzigkeit, um die Hauptperson des Glaubens: Jesus Christus.

Das geht immer wieder aus seinen Schriften hervor. Er fährt dann fort und schreibt Sadolet, was dieser tun sollte und was Calvin sein ganzes Leben hindurch tun wollte: „Stell den Menschen als Hauptmotiv ihres Daseins den Eifer vor Augen, die Herrlichkeit Gottes vorzustellen.“ Wir predigen nicht uns selbst, wie geschrieben steht im 2. Kor. 4,5 u.6: Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. Die eigentliche Bedeutung von Johannes Calvins Leben und Predigen besteht darin, dass er diese Leidenschaft für die absolute Wirklichkeit und Majestät Gottes entdeckte und auslebte und sich ihr bedingungslos unterordnete. Das ist es, was ich uns klar vor Augen führen möchte.

In Zusammenhang mit Calvins festem Glauben an die absolute Macht und Herrlichkeit Gottes, muss man folgendes verstehen: es gibt immer zwei Seiten einer Medaille:

  • Einerseits, der Mensch, der nur sich selbst kennt: in seiner vermeintlichen absoluten Freiheit entscheidet er selbst, was er aus seinem Leben macht und ist sein eigener Herr ohne Gott überhaupt einzubeziehen in seinen Entscheidungen: er ist sich selbst Mittelpunkt. Ein treffendes Beispiel erzählt Jesus in Lukas 12,16 ff: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?
  • Andererseits: Gott, der absolut alles schon von Ewigkeit her vorherbestimmt hat: wer gerettet wird und wer verdammt wird, ist schon in Gottes Erwählung von Ewigkeit her festgelegt: so Calvin: er spricht in diesem Zusammenhang von der doppelten Prädestination.

Die Folgerung daraus: Gott erwählt von vornherein die einen zum ewigen Leben und die anderen zur ewigen Verdammnis. Nur wenige sind zum ewigen Leben bestimmt.

Es stimmt ja: Gott, der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, hat alles erschaffen und alles für unsere Rettung und für unser ewiges Leben vollbracht, das hängt nicht von uns ab, er hat uns erwählt und nicht wir ihn (Johannes15,16; Apostelg. 13,17, 1. Kor. 1,28; Epheser 1,4) er bestimmt nach seiner Macht wer in sein Reich kommt: er ist der Hausherr, er hat alles Sichtbare und Unsichtbare geschaffen, er gibt uns Leben, ja Jesus sein Sohn ist das Leben und macht uns rein und heilig nach seinem Wesen, er hat durch seinen Sohn die Sünde, die uns von Gott trennt am Kreuz gesühnt, er hat uns erkauft durch das Blut seines Sohnes, er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens. Dazu gibt es genug Stellen im Wort Gottes, die dies eindeutig so lehren (Johannes 1,1-5; Johannes 18,30; Römer 3,11-12;19-20; 3,23-24; Epheser 1,3-14; Philipper 2,6-11; Kolosser 1,15-20; Hebräer 12,1-2 u.a.m.)

Er hatte keinen Ratgeber, als er die Welt und uns Menschen gemacht hat, er ist souverän, erhaben über alles Geschaffene. Das ist es, was niemand sonst als Calvin mit einer erstaunlichen Deutlichkeit uns vor Augen stellen will und damit die Oberhoheit Gottes über alle sichtbaren und unsichtbaren Mächte und Gewalten in unser Herz und Verstand einprägen will.

Aber es liegt, von Anfang der Schöpfung, also von Adam und Eva an, bei uns, wem wir uns unterordnen: der Macht Satans, der wir durch den Sündenfall ausgeliefert sind, oder der ewigen Macht Gottes, die uns in Jesus Christus zum Sieg geführt hat. Der Mensch hat sich selbst, nicht weil Gott es so bestimmt hätte, für Satans Macht entschieden (1. Mose 1. Kap. 2 u.3). Nach dieser Entscheidung ist es nur gerecht vor Gott, uns zu richten und für ewig in den Tod zu geben, also in die Gottesferne, das haben wir so bestimmt und Gott handelt mit uns entsprechend (Römer 3,22 u. 23).

Wenn Gott uns erlöst, dann macht er das aus Liebe zu seinen Geschöpfen und gilt grundsätzlich allen und dies geschieht allein aus Gnade: das ist die Wahrheit. Wir haben aber nicht die Freiheit eine dritte Möglichkeit auszuwählen, weil es die nicht gibt, aber wir sind vollkommen frei und verantwortlich uns für oder gegen Gottes Reich zu entscheiden: allein durch seine Gnade und mit Hilfe des Heiligen Geistes, der uns ohne Ansehen der Person zur Umkehr und damit zum ewigen Heil führt und darin bewahrt.

Jesus: die Herrlichkeit Gottes.

„ICH BIN hat mich gesandt:“ Jesus sagt: ICH BIN dazu gekommen das Reich Gottes zu predigen:

Markus 1,38: …lasst uns anderswo gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige, denn dazu bin ich gekommen… Niemand kann Gott verantwortlich machen, dass er über unsere Köpfe hinweg Entscheidungen fällt, er hat uns persönlich durch seinen Sohn mitgeteilt was sein Plan ist und wir kennen den Weg zum Vater: Jesus Christus. So wie Gott klar und deutlich zu Adam sagte: wenn du von diesem Baum isst, dann… musst du sterben. So klar und deutlich gilt für uns und zwar für jeden Menschen umgekehrt: wenn du Jesus glaubst, der die Herrlichkeit Gottes ist, voll Gnade und Wahrheit (Johannes 1,14) dann… kommst du in das Reich Gottes und wirst ewig bei Gott dem Vater leben, sonst bleibt nur ein Warten auf das Gericht Gottes zur ewigen Verdammnis. Das hat Gott so von Ewigkeit her bestimmt. Gottes Geist führt jeden von uns mit all der Liebe, Geduld, Macht und Weisheit zum ewigen Leben und bewahrt uns darin, das hat Gott auch bestimmt, aber wem wir uns unterordnen wollen, liegt bei uns. Diese Freiheit hat Gott uns gegeben und ich kann nicht erkennen aus seinem Wort, dass Gott dies schon von vornherein für uns bestimmt oder entschieden hätte. Da irrt sich Calvin oder die, welche ihn auf diese Weise der doppelten Prädestination so interpretiert haben wollen. Diese Gedanken sind sehr wichtig auch für uns und für die Mission in Südtirol, denn der „Calvinismus“ ist auch in der modernen Mission vertreten, auch in Südtirol mit der positiven Botschaft der Hoheit Gottes und seines Sohnes, aber auch mit dem vom Wort her befremdendem Verständnis der doppelten Prädestination.

Die Herrlichkeit Gottes in der Kirche:

Für Calvin lag die Notwendigkeit der Reformation aber vor allem darin: Rom hatte die Herrlichkeit Christi auf vielfache Weise zerstört, – (eine Entscheidung der Menschen selber: entgegen der Botschaft des Wortes und entgegen der Wirkung des Heiligen Geistes) – durch Anrufung der Heiligen als Mittler, wo doch Jesus Christus der einzige Mittler zwischen Gott und Menschen ist; durch Marienverehrung, wo doch Christus allein angebetet werden soll; durch das beständige Messopfer, wo doch das Opfer Christi auf dem Kreuz vollständig und ausreichend ist. Durch Erhebung der Tradition auf die Ebene der Heiligen Schrift und indem man sogar das Wort Christi von der Autorität menschlicher Worte abhängig macht.

…all das ist unsere Verantwortung dem ICH BIN gegenüber und kann nicht auf Gott, dem Schöpfer oder auf das vielleicht in unseren Augen „lieblose und dumme“ Verhalten der Mitmenschen abgeschoben werden, wie es Adam versuchte: die Frau, die du mir gegeben hast… oder man klagt Gott direkt an: du Gott hast alles vorherbestimmt, also auch mein Leid und mein Schicksal, was also kann ich dafür…

Calvin fragt in seinem Kolosser-Kommentar: wie kommt es aber dann, so stellt er fest, dass wir uns haben fortreißen lassen von so vielen fremden Lehren trotz des Wirkens des Heiligen Geistes: Hebräer 13,9: Lasst euch daher auch nicht durch irgendwelche fremden Lehren vom richtigen Weg abbringen! Worauf es ankommt, ist, innerlich stark zu werden, aber das geschieht durch Gnade … (Neue Genfer)

Befestigung im Glauben:

Calvin antwortet selbst auf die Frage, warum wir uns fortreißen lassen: weil wir die Vortrefflichkeit Christi nicht wahrnehmen. Mit anderen Worten: der große Wächter biblischer Orthodoxie ist durch die Jahrhunderte die Leidenschaft für die Herrlichkeit und Einmaligkeit Gottes in Christus. Wo sich das Zentrum von Gott, dem ICH BIN, fortbewegt, kommt alles überall in Bewegung. Das lässt auch für uns nichts Gutes ahnen in Bezug auf die lehrmäßige Treue in unserer nicht mehr auf Gott ausgerichteten Zeit. Calvin stellte sich vor, wenn er vor Gott steht, was würde er ihm sagen: „ich habe alles versucht um die Herrlichkeit deines Sohnes zu verdeutlichen und zu verkünden in Wort und Tat. Ich habe nichts aus Streitsucht gegen andere geschrieben, sondern ich habe immer treulich überlegt, was meiner Meinung nach der Herrlichkeit Gottes dient.“

Calvin betont eben eindrücklich die Notwendigkeit im Leben eines Gläubigen, sich mit aller Kraft und Vermögen, aber in aller Demut zu bemühen der gegebenen Ordnung und Macht Gottes in Christus unterzuordnen. Das ist unsere Verantwortung, die wir natürlich nicht ohne die Hilfe des Heiligen Geistes schaffen.

Calvin´s Weg zum Glauben:

Ich finde es immer gut zu berichten, wenn von Vorbildern des Glaubens geschrieben wird, wie diese zum Glauben kamen: wie kam es zur Bekehrung des Johannes Calvin?… „als, sieh da! eine völlig andere Art der Lehre aufkam nicht eine, die uns vom christlichen Bekenntnis wegführte, sondern eine, die uns zur Quelle zurückbrachte…. Zu ihrer ursprünglichen Reinheit: ärgerte mich das Neue, so lieh ich ihr nur unwillig mein Ohr. Und zunächst, das bekenne ich, widerstand ich ihr mit aller Kraft und Leidenschaft… um nicht zugeben zu müssen, mein Leben lang in Unwissenheit und Irrtum verbracht zu haben…. Schließlich begriff ich. Es war, als sei mir ein Licht aufgegangen in welchem Schweinestall des Irrtums ich mich gewälzt hatte und wie viel Schmutz und Unreinigkeit ich mir dadurch zugezogen hatte. Da mich das Elend außerordentlich erschreckte, in das ich gesunken war…  erkannte ich es als meine Pflicht und mein wichtigstes Werk, mich deinen Wegen O Gott zuzuwenden und mein bisheriges Leben zu verurteilen, was nicht ohne Seufzer und Tränen abging.“

Calvin spürte in der Heiligen Schrift die Majestät Gottes. Diese Erfahrung und Überzeugung entthronte die Kirche in ihm als Autorität, durch die das Wort Gottes den Gläubigen bestätigt wird. Die Majestät Gottes selbst in seinem Wort reichte dafür aus. Wie das geschah, ist außerordentlich wichtig, und wir müssen sehen, wie Calvin selbst es im ersten Buch der „Institutio“, seine vielleicht bedeutendste Schrift, beschreibt. Hier ringt er damit, wie wir zur rettenden Erkenntnis Gottes durch die Heilige Schrift kommen können. Seine Antwort ist der berühmte Ausdruck durch das innere Zeugnis des Heiligen Geistes. So sagt er zum Beispiel: Die Heilige Schrift wird am Ende für eine rettende Erkenntnis Gottes nur dann ausreichen, wenn ihre Glaubwürdigkeit auf der inneren Überzeugung durch den Heiligen Geist gegründet ist. Zwei Dinge sind demnach wichtig“:

  1. die Heilige Schrift und
  2. die innere Überzeugung durch den Heiligen Geist.
  3. Keines von beiden genügt allein zur Rettung.

… Aber wie geschieht das in der Praxis: Was tut der Geist: Die Antwort lautet nicht, der Heilige Geist gebe uns zusätzliche Offenbarungen über die Heilige Schrift hinaus, sondern er erweckt uns, wie vom Tod, damit wir die Wirklichkeit Gottes in der Heiligen Schrift sehen und schmecken. Dadurch wird sie als Gottes eigenes Wort beglaubigt. Allein durch den Geist Gottes können wir erkennen, dass die ganze Heilige Schrift sein Wort ist. Calvin sagt unser himmlischer Vater offenbart uns seine Majestät (in der Bibel) und erhebt dadurch unsere Ehrfurcht vor den Heiligen Schriften über die Sphäre des Meinungsstreits. Man kann nicht sagen, wie heute vielfach mit dem Wort Gottes umgegangen wird,: ich glaube, was ich richtig finde, der andere glaubt auf seine Art, ich verstehe das in der Weise, ich habe meine Meinung, das Wort Gottes ist ja von Menschen geschrieben, ich lege das so aus. ich denke so, für mich ist das und jenes kulturell, geschichtlich, politisch, gleichnishaft, philosophisch… zu verstehen, das ist meine Meinung über bestimmte Themen des Wortes; das Wort Gottes ist für mein Leben ganz gut, also was gut für mich ist passt und das andere lege ich beiseite, d.h. einiges glaub ich anderes nicht, ich kann doch selbst entscheiden, was richtig und falsch ist…. So hat jeder seine eigenen Gedanken und Meinungen, Interpretationen und Auslegungen (denken wir nur wieviel verschiedene Grundsätze von Auslegungen das Wort Gottes heute kennt) und damit auch seinen eigenen Glauben. Man preist dann die sogenannte „Vielfalt des Glaubens“ und sieht darin dann die „Einheit in dieser individuellen Vielfalt“. Es wundert dann andererseits nicht, wenn wir als „einfache“ Gläubige bei der Wahrheitssuche durcheinanderkommen und unser Glaube auf die Probe gestellt wird und sich ernstlich fragt: wo finde ich denn nun die Wahrheit?

Wichtig aber ist in allem herauszufinden, zu studieren und im Wort unter Gebet und Flehen zu erforschen was Gott selbst sagt, wie Gott denkt, wie er handelt an uns Menschen und vor allem wer ist dieser Gott. „Diese Gedanken sind in der Heiligen Schrift selbst offenkundig,“ so Calvin, und werden uns durch seinen Geist verständlich gemacht. Wir sind doch von Geburt, und schon vorher, bis zum Tod und darüber hinaus in den Gedanken Gottes präsent und das Leben jedes Menschen ist verborgen in Gott. Kein Leben geht verloren. Diese Majestät Gottes, die über alles stehende Autorität Gottes, ist darum die Grundlage unseres Vertrauens in sein Wort. Hebräer 10,35: werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. Immer und immer wieder, wenn Calvin beschreibt, was geschieht, wenn man gläubig wird, sieht man seine Hinweise auf die Majestät Gottes, wie sie in der Heiligen Schrift offenbart und bestätigt wird. Wem sollte ich denn vertrauen und gehorchen, wenn nicht dem Gott der Ewigkeit und seinem ewig gültigen Wort?

Darum glauben wir, erleuchtet durch die Kraft des Heiligen Geistes, und nicht nach unserer (beachten sie dies), noch nach irgend eines Anderen Urteil, dass in der Heilige Schrift von Anfang bis zum Ende Gott selbst zu uns spricht. Sie ist über jedes menschliche Urteil erhaben. Durch den Glauben bestätigen wir mit äußerster Gewissheit (es ist, als blickten wir unmittelbar auf Gottes Majestät), dass es durch den Dienst von Menschen direkt aus dem Munde Gottes zu uns geflossen ist. Und der Geist ist es, der dies bezeugt; denn der Geist ist die Wahrheit …. Wenn wir (schon) das Zeugnis der Menschen annehmen, das Zeugnis Gottes ist größer. Ich glaube und vertraue dem geschriebenen Wort Gottes mehr, als den Menschen, wer immer sie seien, einschließlich des Zeugnisses unseres eigenen Urteils. Und dies ist das Zeugnis Gottes, dass er über seinen Sohn Zeugnis abgelegt hat…. dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn: 1. Johannes 5,7-11) 11,12: und dies ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.

Calvin war überzeugt mit Luther und vorher Zwingli (siehe später) oder Hus, Augustinus, Paulus und vielen anderen Zeugen des Wortes, dass der Mensch, nicht wie seine Gegner es sahen durch die Erbsünde nur krank ist, sondern wie das Wort Gottes bestätigt geistlich tot ist. Wäre er nur krank, dann genügte „die allgemeine Gnade“, die man ja auch in anderen Religionen kennt, um ihn zur „richtigen Entscheidung“ zu bewegen. Dann bedarf er des Arztes nur, um zu helfen den sündigen, alten „Adam“ in uns gesund zu pflegen und ihn wieder zu einem „besseren“ Menschen zu machen. Das Kreuz und der stellvertretende Tod des Sohnes Gottes, ist dann nicht unbedingt erforderlich, weil der Mensch selbst durch eigene Anstrengung und in seiner Kraft, sehr wohl mit Hilfe der allgemeinen Gnade, nach den Geboten leben könnte. Ist er aber geistlich tot, muss der Lebensspender allein die Entscheidung für ihn treffen: Wie bei einer Wiederbelebung eines Menschen im Koma, es kommt nicht auf den Menschen an, der im Koma liegt, sondern auf den, der ihn wiederbelebt. Beim Menschen ist dies allerdings ein Versuch, bei Gott Gewissheit. Gott hat die Entscheidung in Jesus Christus für uns in der Ewigkeit getroffen und zu seiner Zeit in Jesus ausgeführt, so dass er, der Mensch, zu neuem Leben geführt werden kann.

Später verglich Georg Whitefield, den geistlichen Zustand der Menschen mit Lazarus, der tot im Grab lag. Der Unbekehrte ist von Verderbnis und Tod umwickelt wie Lazarus von den Grabtüchern. Er schrieb:

„Kommt, ihr toten, christuslosen, unbekehrten Leute! Kommt und seht den toten Lazarus…. Sein toter, gebundener, begrabener, übelriechender Leichnam ist nur ein schwaches Abbild deiner Seele in ihrem natürlichen Stand… Du bist an Händen und Füßen gebunden mit Verderbnis…. Und du bist unfähig, dich aus diesem ekelerregenden Stand des Todes zu erheben…. du magst dich der Kraft deines eingebildeten freien Willens rühmen, der Energie moralischer Überzeugung und rationaler Argumente… aber alle deine Anstrengungen erweisen sich als fruchtlos, nutzlos, bis dieser gleiche Jesus befiehlt: Rollt den Stein weg! Und ruft: Lazarus komm heraus! alsdann mit seiner mächtigen Stärke kommt, den Stein des Unglaubens weg wälzt, zu deiner toten Seele spricht, dich von den Fesseln der Sünde und Verderbnis losbindet und dich durch das Wirken des Geistes Gottes befähigt, aufzustehen und zu wandeln…“ Johannes 8,36: wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.

Christus verwendete selbst diese Analogie: Denn gleichwie der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht, also macht auch der Sohn lebendig, welche er will ( Johannes: 5,21). Paulus erklärt das im Römerbrief Kap. 5,18 folgend: Wir stellen also fest: Genauso, wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verdammnis brachte, bringt eine einzige Tat (die Tat am Kreuz), die erfüllt hat, was Gottes Gerechtigkeit fordert, allen Menschen den Freispruch und damit das Leben.

Also muss ein Mensch verstehen, dass er geistlich tot ist in den Sünden und nur durch Jesus Christus, der das Leben ist, und seinen stellvertretenden Tod am Kreuz neues Leben bekommt, Leben aus Gott, zu Gott hin und in Gott. Dies bestätigt uns der Heilige Geist: Epheser 1,13,14: in ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unseres Erbes, zu unserer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden. Und das alles:

ZUM LOB SEINER HERRLICHKEIT.

J.I Packer sagt dazu: „Das innere Zeugnis des Heiligen Geistes in Johannes Calvin ist ein Werk der Erleuchtung, wodurch mit Hilfe des Zeugnisses des Wortes die blinden Augen des Herzens geöffnet und göttliche Wirklichkeiten wahrgenommen und als das anerkannt werden, was sie sind…

So erlebte Johannes Calvin in seinen frühen Zwanzigern das Wunder der Öffnung der blinden Augen seines Herzens durch den Geist Gottes. Und was er augenblicklich und ohne jede Beweiskette menschlicher Vernunft erkannte, waren zwei Dinge, die völlig miteinander verwoben den Rest seines Lebens beherrschten: die Majestät Gottes und das Wort Gottes. Das Wort übermittelt die Majestät, und die Majestät bestätigt das Wort.

Calvin war beständig und treu in seinem Glauben, wie wenige seiner Glaubensbrüder: Diese Beständigkeit hatte ein Ziel in seinem Leben und Wirken: die Auslegung des Wortes Gottes. Calvin hatte die Majestät Gottes in der Heiligen Schrift gesehen. Dadurch wurde er überzeugt: Die Bibel ist ausschließlich Gottes Wort. Er sagte: „uns ist der Heiligen Schrift gegenüber, dieselbe Ehrfurcht geboten, die uns Gott gegenüber geboten ist, weil sie von ihm allein ausgegangen ist und nichts Menschliches hat sich dort hineingemischt“. Seine eigene Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass der höchste Beweis für die Heilige Schrift sich im Allgemeinen von der Tatsache ableitet, dass Gott persönlich in ihr redet. Diese Wahrheiten führten Calvin zu einem unausweichlichen Schluss. Wenn die Heilige Schrift tatsächlich die Stimme Gottes ist, und wenn sie sich daher durch Offenbarung der Majestät Gottes selbst autorisiert, und wenn die Majestät und Herrlichkeit Gottes der Grund für alles Seiende ist, so folgt daraus für Calvins Leben, dass es von unüberwindlicher Beständigkeit in der wahren Auslegung der Heiligen Schrift geprägt sein sollte.

Es bedarf auch die ganze Heilige Schrift auszulegen: Er glaubte, dass er durch die Auslegung der Bibelbücher als Ganzes gezwungen wurde, sich mit allem zu beschäftigen, was Gott sagen will, und nicht nur mit dem, was er Calvin sagen möchte: es möge alles nach dem Wort Gottes geschehen. Gemäß dem Bibelwort des Paulus: Apostelg. 20,27: …ich habe euch nicht unterlassen, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen. Wir neigen heute oft dazu nur Bruchstücke des Wortes zu verkündigen, damit wir nicht mit den eigenen Lehren anderer Kirchen oder Gemeinden in Konflikt geraten und so die Einheit in der Ökumene in Gefahr gebracht würde. Andererseits neigen wir gerne dazu auch das wegzulassen, was uns persönlich nicht so gefällt und schwerfällt ins tägliche Leben umzusetzen.

  • Darum bleibt nach Calvin die Predigt der ganzen Heiligen Schrift, also der ganze Ratschluss Gottes, das zentrale Ereignis im Gemeindeleben. Aber auch noch 500 Jahre nach Erfindung der Druckerpresse und auch nach der Erfindung von Radio, Fernsehen, Kassetten, CD`s, Computer und anderen technischen Errungenschaften, hat sich da nichts geändert: Gottes Wort handelt in der Hauptsache von Gottes Majestät und Gottes Erwählung der Menschen zum ewigen Leben: diese Wahrheit zu vermitteln ist das Hauptanliegen des Predigers. Römer 10,17: So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

Calvin war überzeugt, dass die Hinwendung eines Gläubigen zu Gott stets den Hunger nach Predigt in Gottes Volk wachhalten wird. Wenn Gott der – ICH BIN, DER ICH BIN ist – der große, absolute, souveräne, geheimnisvolle, ganz und gar herrliche Gott aller Majestät, den Calvin in der Heiligen Schrift erblickte, dann wird es immer Predigt geben, denn je mehr dieser Gott bekannt wird und je mehr dieser Gott in den Mittelpunkt rückt, umso deutlicher werden wir empfinden, dass er nicht nur analysiert und erklärt werden darf, sondern: Gott, der ICH BIN,  muss mit jubelnder Auslegung verkündet und erhoben werden.

John Piper, selbst Prediger, schließt die Reihe über Calvin mit folgenden Worten:

„Möge Gott jedem Prediger des Wortes auf der ganzen Erde einen „Geschmack“ an der souveränen Freude an Gott und solch ein intensives Begehren nach ihm schenken, dass Gott in jeder Gemeinde durch deren Auslegung verherrlicht wird!“

Die Reformation und ihre Folgen auf die Gemeinde Jesu.

Die Reformation hatte auf die Entwicklung der Gemeinde Jesu nicht nur positive Auswirkungen. Wenn eine biblische Lehre klar verkündet wurde, so gab und gibt es aber fast immer eine Gegenreaktion. So Reformation – Gegenreformation. Rechtfertigung aus Gnade allein – Rechtfertigung mit Einbeziehung der eigenen Werke. Wort Gottes allein – Wort und Tradition, Christus allein – Christus und Dogmen usw. Was die Gerechtigkeit und die Errettung des Einzelnen betrifft hatte die Reformation Wunder vollbracht in erster Linie durch Luther, der diese Errettung in den 5 Solas zusammenfasste und das wurde in ganz Europa von vielen übernommen.

Was aber die Gemeinde Jesu als Ganzes betrifft, sind aus dieser Zeit einerseits drei Staatskirchen hervorgegangen:

  1. katholische Kirche, entstanden bereits unter Kaiser Konstant (3. Jahrhundert).
  2. die Lutherische Kirche, die sich nicht von der weltlichen Macht, der jeweiligen Herrscher eines Gebietes, trennen konnte, obwohl Luther selbst dies nicht so wollte: das wird noch näher erklärt.
  3. die reformierte, protestantische Kirche, ausgehend von der Schweiz: Genf und Zürich (Calvin und Zwingli): siehe später. Andererseits: außerhalb der Staatskirchen entstanden:

Die Wiedertäufer:

Das Kirchensystem, was Staat-Kirche angeht, hat sich also im Laufe der Entwicklung der Reformation in oben genannte drei große Richtungen aufgeteilt. Wobei man sagen muss, dass zwischen der katholischen Kirche und den beiden reformierten Kirchen unüberbrückbare Glaubensinhalte bestanden, während in den beiden reformierten Kirchen durchaus Einigkeit bestand, was das Glaubensfundament angeht.

Nun aber kam andererseits eine andere Richtung dazu: die freien Gemeinden, die sich nicht mit dem Staat vereinten, sondern sich als freie Gemeinden verstanden, wie sie uns vom Neuen Testament bekannt sind. Aus diesen verschiedenen freien Gemeinden und den Staatskirchen entstand der Konfessionalismus (verschiedene kleinere und größere Konfessionen). Dazu später mehr.

Im Zusammenhang mit Gemeinde Jesu in der Zeit der Reformation muss folgendes geklärt werden: um das Jahr 1524 wiederholten in Deutschland viele Gemeinden der Brüder, wie sie seit den frühesten Zeiten und in verschiedenen Ländern bestanden hatten, was 1467 in Lhota geschehen war: Sie erklärten ihre Selbstständigkeit als Gemeinschaften von Gläubigen sowie ihre Entschiedenheit, als Gemeinden die Lehren der Schrift zu beachten und auszuleben. So wurden, wie damals, bei der jetzigen Gelegenheit bei den Zusammenkünften der Brüder, Anwesende, die noch nicht die Glaubenstaufe durch Untertauchen empfangen hatten, getauft. Diese Tatsache ließ einen neuen Namen entstehen, einen Namen, den sie selbst ablehnten, weil er ihnen als schmähender Beiname gegeben wurde, um den Eindruck zu erwecken, als hätten sie eine neue Sekte gegründet; der neue Name lautete: nabaptisten Wiedertäufer.

Widerstand der „Staatskirchen“ gegen die Wiedertäufer

Im Bericht des Rates des Erzbischofs von Köln an Kaiser Karl V. über die „wiedertäuferische Bewegung“ ( aus dem Buch: Die Taufe von Johannes Warns) heißt es, dass die Wiedertäufer sich selbst „wahre Christen“ nennen, dass sie Gütergemeinschaft anstreben, „welche die Weise der Wiedertäufer seit mehr als tausend Jahren war, wie die alten Berichte und die kaiserlichen Gesetze bezeugen. Diese Aussage der Gütergemeinschaft ist auch interessant zu erwähnen, da dies auch in Südtirol, wie später aufgezeigt wird, eine Rolle spielt. Außerdem wird hier auch darauf hingewiesen, dass diese Taufform nichts Neues ist, sondern schon seit über tausend Jahre praktiziert wird. Deshalb wurde dann auch bei der Auflösung des Reichstags zu Speyer festgestellt, dass die neue Sekte der Wiedertäufer schon vor vielen hundert Jahren bestand. Die Brüder selbst fanden ihr Taufverständnis im neuen Testament begründet, also ging diese Tauf-Form zurück zu den ersten Gemeinden. Nun wurde diese Glaubenstaufe erneut verdammt und durch ein allgemeines Gesetz verboten. Es ist Tatsache, so stellte man zu Speyer fest, dass schon über zwölf Jahrhunderte lang die Taufe in der Art, wie das Neue Testament sie lehrt und beschreibt, als gesetzwidrig und mit dem Tode zu bestrafen erklärt wurde. Trotz dieser Erklärungen der Kirche und erneuten Todesdrohungen entstanden aber viele neue selbstständige Gemeinden, und andere nahmen zu an Zahl, da, durch die Zeit der Reformation veranlasst, viele Versammlungen von Gläubigen, die sich der Verfolgung wegen verborgen gehalten hatten, sich wieder hervorzutreten getrauten. In der Schweiz lagen diese Zufluchtsstätten der verfolgten Gläubigen meist in den Bergen, während sie in Deutschland häufig unter dem machtvollen Schutz der Kaufmannsgilden waren. Die Zeit der Reformation, auch das hat sie an Gutem bewirkt, ließ auch hier viele verborgene Brüder wieder hervorkommen. Sie schlossen sich also den bestehenden Gemeinden an, bildeten auch neue, und sie nahmen zahlenmäßig so sehr zu und betätigten sich so stark, dass die Staatskirchen, sowohl die römisch-katholische, aber auch die lutherische, und zum Teil die reformatorische, beunruhigt wurden.

Ein wohlgesinnter Beobachter, der aber nicht zu ihnen gehörte, schrieb über sie, dass 1526 eine neue Partei entstand, die sich so rasch ausbreitete, dass ihre Lehre bald das ganze Land erfasste und sie eine große Anhängerschaft gewann; viele ernstgesinnte und gottverbundene Leute schlossen sich ihnen an. Sie schienen nichts anderes zu lehren als Liebe, Glaube und das Kreuz, erwiesen sich geduldig und demütig in vielen Leiden, brachen das Brot miteinander als Zeichen der Einheit und Liebe und standen sich gegenseitig getreulich bei. Sie hielten zusammen und nahmen so schnell zu, dass die Welt befürchtet, sie könnten eine Revolution hervorrufen. Aber es stellte sich immer heraus, dass ihnen solche Gedanken fern lagen, obwohl sie an vielen Orten tyrannisch behandelt wurden.

So ist es, wenn man meint, dass Europa nach Einführung der Reformation die Kirche Jesu allein in Lutherische oder Schweizer Protestanten auf der einen und römische Katholiken auf der anderen Seite zerfiel. Man übersieht dabei die große Zahl von Christen, die zu keiner dieser Parteien gehörten, sondern zumeist als unabhängige Gemeinden zusammenkamen und sich nicht, wie die andern auf den Beistand der bürgerlichen Macht stützten; sie bemühten sich, die Grundsätze der Schrift wie in neutestamentlichen Zeiten zu verwirklichen. Sie waren, wie bereits erwähnt, so zahlreich, dass beide Staatskirchen (die katholische aber auch teilweise die evangelische), befürchteten, sie könnten ihre eigene Macht oder gar ihre Existenz bedrohen. Der Grund, dass eine so wichtige Bewegung in der Geschichte jener Zeit einen nur so geringen Raum einnimmt, liegt darin, dass die katholischen und protestantischen Staatskirchen durch den erbarmungslosen Gebrauch der Staatsgewalt jene nahezu auszulöschen vermochten; die wenigen Anhänger, die übrig blieben, wurden vertrieben oder hielten sich als schwache und verhältnismäßig unbedeutende Gemeinschaften. Die siegreiche Partei konnte auch viel von dem Schrifttum der Brüder vernichten und, indem sie selbst deren Geschichte schrieb, sie als Verfechter von Lehren hinstellen, die sie doch ablehnten, und ihnen Namen beilegten, denen eine üble Bedeutung anhaftete. Von dieser Entwicklung wurde, wie wir später sehen werden, auch Südtirol nicht verschont

Luther und die freien Gemeinden der Brüder

Luther selbst hatte doch ein anderes Verhältnis zu den freien Gemeinden als manche seiner Glaubensgeschwister, auch wenn er diesen nicht beigetreten ist. Aber vielleicht hat ihm das, was mit denen geschah, die die Glaubenstaufe praktizierten, so abgeschreckt, dass er davon und von anderen biblischen Ordnungen was die Gemeinde betraf, Abstand halten wollen, um doch mindestens etwas einzulenken und Folter und Märtyrertod der vielen Gläubigen zu verhindert. Letztendlich hatte er und die Reformation das Gegenteil erreicht: durch das Zusammenwirken Kirche-Staat, geistliche und weltliche Macht wurde der Boden für den 30jährigen Krieg vorbereitet, der mit weltlichen Waffen und weltlicher Macht geführt wurde und nicht mit geistlichen.

„Mit beispiellosem Einsatz“, so E.H. Broadbent, „und Mut hatte Luther die Wahrheit der Schrift von der persönlichen Errettung des Sünders durch den Glauben ans Licht gebracht, aber als es darum ging, den Weg zurück zur Schrift in allen Fragen, die Gemeindefrage eingeschlossen, aufzuzeigen, versagte er.“ Er hatte doch gelehrt: „Ich sage es hunderttausend Mal, dass Gott keinen erzwungenen Dienst will… Niemand kann oder sollte gezwungen werden zu glauben. 1526 hatte er geschrieben: „die rechte Art evangelischer Ordnung kann nicht unter allem möglichen Volk dargetan werden. Vielmehr müssen diejenigen, die mit Ernst entschlossen sind, Christen zu sein und das Evangelium mit Hand und Mund zu bekennen, sich mit Namen eintragen und für sich in einem Haus zusammenkommen, zum Gebet, zum Lesen, zur Taufe, um das Sakrament zu nehmen und andre christliche Werke zu üben. Bei solcher Ordnung wäre es möglich, diejenigen, die sich nicht nach Christenweise verhalten, zu erkennen, zu prüfen, wiederherzustellen oder auszuschließen, gemäß der Anordnung Christi (Matthäus: Kap. 18,15)“. So meinte er noch nicht die rechten Leute zu haben, obwohl Luther wusste, dass es die rechten Leute gab, die er selbst als treue, fromme, heilige Kinder Gottes bezeichnete. Aber nach langem Zögern, so Broodbent, widersetzte er sich schließlich jedem Versuch, das in die Praxis umzusetzen, was er selbst so ausgezeichnet geschildert hatte. Er betrachtete jedoch nicht, wie viele seiner Anhänger es taten, die lutherische Kirche als die denkbar beste Religionsform; er beschrieb sie als vorläufig als den Vorhof und nicht als das Allerheiligste, und er hörte nicht auf, das Volk zu ermahnen und zu warnen. Er sagte: „wenn wir auf das blicken, was die Leute jetzt tun, die sich selbst als evangelisch betrachten und viel über Christus zu reden wissen, so ist nichts dahinter. Viele von ihnen täuschen sich selbst. Die Zahl derer, die mit uns anfingen und denen unsre Lehre zusagte, war zehnmal größer, es ist nicht der zehnte Teil standhaft geblieben. Sie lernen in der Tat Worte sprechen, wie ein Papagei nachspricht, was die Leute ihm vorsagen, aber ihre Herzen werden nicht davon ergriffen; sie bleiben gerade so wie sie sind, sie schmecken und sehen nicht, wie treu und wahr Gott ist. Sie rühmen sich sehr des Evangeliums und fragen anfangs ernsthaft danach, doch am Ende bleibt nichts; denn sie tun was sie wollen, folgen ihren Lüsten, werden schlimmer als sie vorher waren und sind zuchtloser und anmaßender… als andre Leute…. Ach Herr, so klagte Luther, wenn wir doch nur diese Lehre richtig in die Praxis umsetzten, du würdest sehen, dass, wo jetzt tausend zum Sakrament gehen, kaum hundert gehen würden. Dann kämen wir aber endlich dahin, eine christliche Versammlung zu sein, während wir jetzt fast völlige Heiden mit dem Namen Christen sind. Dann könnten wir aus unsrer Mitte die hinwegtun, von denen wir aus ihren Werken wissen, dass sie niemals geglaubt haben, niemals Leben hatten – etwas, was uns jetzt unmöglich ist.“

Eine der schwersten Fehler der lutherischen Kirche in Bezug auf die Folgen war: nachdem die neue Kirche einmal unter die Gewalt des Staates gestellt war, konnte sie nicht mehr geändert werden. Das trug sicher einiges dazu bei, dass Kriege allen voran der dreißigjährige Krieg folgten, auch wenn dafür in erster Linie die römische Kirche und die weltliche Macht verantwortlich waren.

Die Gläubigen der freien Gemeinden weigerten sich traditioneller Weise aus dem Verständnis des Wortes heraus mit Waffengewalt zu reagieren, auch wenn sie verfolgt, misshandelt und sogar getötet wurden. Ihre Waffen waren seit je die Waffenrüstung Gottes des Epheserbriefes Kap. 6. Luther selbst aber behauptete nie, dass die Kirchen, die er gegründet hatte, nach dem Muster der Schrift eingerichtet seien. Es war wohl eher Melanchton, sein Freund, Berater und Begleiter, der von protestantischen Fürsten als den ersten Gliedern der Kirche sprach und auch mit Calvin in Genf sehr regen Austausch pflegte. Luther nannte sie behelfsmäßige Bischöfe und häufig drückte er sein Bedauern aus über die verlorene Freiheit des Christenmenschen und Unabhängigkeit christlicher Gemeinschaften, nach denen er einst gestrebt hatte.

Die Reformation und die Schweiz

Die Reformation lief nicht in ganz Europa gleich ab. Gerade in der Schweiz war sie geprägt von eigenen Linien. Sie war nicht einheitlich, aber auch nicht entsprechend der Linie Luthers, zumindest was die Gemeinden betraf. Die Entwicklungen in der Schweiz sind andererseits aber sehr ausschlaggebend für die Verbreitung der frohen Botschaft in Tirol und speziell in Südtirol. Das ist eben unser Zweck und Ziel, das Woher der Verkündigung der frohen Botschaft in Südtirol zur Zeit der Reformation und nachher besser zu verstehen. Darum möchte ich noch etwas mehr auf die Entwicklung der Gemeinde Jesu, die Schweiz betreffend, eingehen: Hierfür sind Calvin in Genf und Zwingli in Zürich (darüber wird später berichtet) führend und richtungsweisend. Calvin war dem Wort treu auch in Bezug auf Gemeinde Jesu. Dadurch, dass er ja so die Oberhoheit und Allmacht Gottes betonte, konnte er nicht überzeugt werden einem weltlichen Herrscher alle Macht zu geben, vor allem nicht die geistliche Macht; da ja nur Gott allein Herr über alles ist und ihm allein muss die Gemeinde sich unterordnen, da sie allein Gottes Plan ist. Allerdings betont das Wort durch die Autorität Gottes, dass der Gläubige sich seinerseits der weltlichen Autorität unterordnen soll. Römer: Kap. 13,1: Jeder soll sich der Regierung des Staates, in dem er lebt, unterordnen.

Calvin war bestrebt die Ordnungen Gottes einzuhalten, allein auch weil Gott die Oberhoheit ist, der alles nach seinem Willen zu gehorchen hat. Damit zusammenhängend würde er nie eine andere Taufe oder Mahlfeier gelten lasse als die des Wortes Gottes; so gebot er auch Älteste einzusetzen, die dem Wort treu ergeben sind. Solche Ordnungen und Anweisungen hat allein die Gemeinde aufgrund der Treue zum Wort zu entscheiden und nicht die Regierung eines Ortes. Das war eben in Genf wegen Calvin anders als in deutschen Landen, wo der Fürst eines Landes auch geistliches Oberhaupt war, und alle Untergebenen mussten gleicher Konfession sein. Doch waren diese Ordnungen auch bei Calvin nicht so ganz getrennt. Ein wesentlicher Punkt dazu wäre folgender: zur Gemeinde Jesu wurden in den freien Gemeinden nur Gläubige zugelassen, die den Blick allein auf die Oberhoheit Gottes in ihrem Leben richteten: dies lehrte und predigte Calvin. Broadbent sieht allerdings die reformatorische Lehre Calvins in Bezug auf Gemeinden in ihrer praktischen Ausführung aber doch etwas kritischer: „Obwohl“ (Buch: 2000 Jahre Gemeinde Jesu.) „durch eine Reihe aufregender Geschehnisse Genf wie Neuchatel von der Herrschaft Roms befreit worden war, dauerte es nicht lange, bis eine Regierungsform eingeführt wurde, die in erheblichem Maß die Gemeinden berührte! obwohl sie in der Weise gleichfalls in der Schrift nicht zu finden war. Das ist das Überraschende, dass Männer wie Luther und Calvin in ihrer ganz persönlichen Art „Wunder“ vollbrachten, was die klare Lehre der Errettung, Gerechtigkeit und Majestät Gottes angeht, aber in Bezug auf Gemeinde es ihnen nicht ganz gelungen ist, meiner Meinung nach, neutestamentliche Gemeinde in die Praxis umzusetzen. Bei Calvin war das anders als bei Luther: Calvin wurde durch einen Verwandten Olivetan, Prediger und Bibelübersetzer in Genf, zum Studium der Schrift angeregt. Calvins außerordentliche Begabung verlieh ihm von früher Jugend an großen Einfluss, wo immer er auftrat. Die Veröffentlichung seines Buches „Die Einrichtung der christlichen Religion“ 1536 in Basel, wohin er nach seiner Vertreibung aus Frankreich hatte fliehen müssen, brachte ihm die Anerkennung als des ersten Theologen seiner Zeit ein. Im gleichen Jahr wurde Calvin, als er auf dem Weg nach Straßburg war, durch Kriegsereignisse gezwungen, durch Genf zu reisen. Farel, einer der Lehrer der Gemeinde in Genf, drängte ihn durch beständiges Zureden dort zu bleiben und so blieb er mit Ausnahme einer dreijährigen Verbannung den Rest seines Lebens in Genf. Gott hatte den richtigen Mann an die richtige Stelle geführt, auch wenn dieser, Calvin, sich zunächst nicht zum Leiter und Lehrer einer Gemeinde berufen fühlte, sondern lieber in aller Ruhe sich seiner Liebe zum Studium gewidmet hätte. Aber er wollte dem Gehorsam gegenüber dem Ruf Gottes nicht im Weg stehen.

Durch mancherlei Kämpfe prägte Calvin der Stadt sein Ideal von Staat und Kirche auf, das weitgehend nach alttestamentlichem Muster organisiert war. Der Stadtrat hatte absolute Gewalt in religiösen wie in bürgerlichen Angelegenheiten und wurde aber das Werkzeug! von Calvins Willen. Man bedenke dabei, dass Calvin Recht studiert hatte und so gelernt hatte alles nach Gesetzes Ordnung auszurichten. Diese Ordnung ging eben so weit, dass alle Bürger, ob gläubig oder nicht, aufgefordert wurden, ein Glaubensbekenntnis zu unterzeichnen oder die Stadt zu verlassen. Strenge Regeln zur Bestimmung von Sitten und Gebräuchen des Volkes wurden aufgestellt. Allerdings muss auch betont werden, dass die moralischen und ethischen Zustände in Genf sehr verwirrend und frei waren, ja zum Teil wägten sich auch die Gläubigen in großer Freiheit, was ihr moralisches Leben anging, da Luther und die Reformation ja lehrte man werde allein aus Gnade gerettet, also könne man, so dachten und lebten einige Gläubige, ja tun was man wolle und doch an den Versammlungen und Mahlfeiern teilnehmen. Dem musste Calvin mit Recht entgegenwirken und hatte auch für Ordnung sorgen können. Die Gemeinden Calvins, die in diesem strengen Gehorsam gegenüber der Lehre des Neuen, aber auch Alten Testaments heranzuwachsen begonnen hatten, gingen in der allgemeinen Organisation nahezu unter, denn die päpstliche Herrschaft wurde durch die des Reformators ersetzt, Gewissenfreiheit wurde verweigert.

Es darf aber auf keinen Fall per Gesetz das Gewissen ausgeschaltet werden, denn gerade das Gewissen hat uns Gott gegeben, um zu unterscheiden was von Gott kommt, was von Menschen oder vom Herrscher dieser Welt. Das Gewissen ist sogar eine innere Stimme, die Menschen gegeben ist, welche das Wort Gottes gar nicht kennen: Römer 2,15: Denn wenn Heiden, also im Sinne der Bibel Ungläubige, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie beweisen damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt.

Das Gewissen aber ist auch eine deutliche Stimme für die Gläubigen, die bestätigt, dass wir zumindest bemüht sind aus freier Entscheidung vor Gott ein ihm wohlgefälliges Leben zu führen: So schreibt Paulus in der Apostelgeschichte: 23,1: ich habe mein Leben mit gutem Gewissen geführt, 24,16: übe ich mich… ein unverletztes Gewissen zu haben. Das Gewissen erinnert uns auch an ganz konkrete Lebensweisen der Gläubigen z. B. in Bezug auf Unterordnung: Römer: Kap. 13: … sollen wir der staatlichen Gewalt Untertan sein: Vers 5: Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen…. Dies gilt auch in anderen Lebensbereichen (Römer 14,20; Kol.2,16; 1.Tim 4,1-5; 1. Petrus 2,18,19; 1. Petrus 3,21: wir bitten Gott, um ein gutes Gewissen). Das Gewissen spricht als innere Stimme zu jedem Menschen in den Alltag hinein und der Mensch soll dem Wort Gottes gehorchen, das Gewissen, wer darauf hört, gibt die Gewissheit und Bestätigung in allem Frieden ein Leben seinem Wort entsprechend zu führen. So hat es auch Martin Luther erlebt, der immer wieder auf sein Gewissen hörte und der Stimme des Gewissens folgte: aus Armin Sierszyn Buch: 200 Jahre Kirchengeschichte: Als der Reformator 1521 in Worms vor Kaiser und Reichstag steht, beruft er sich auf sein Gewissen, das allein an die Heilige Schrift gebunden ist.

Nun bin ich überzeugt vom Wort her, dass Gott uns nicht zwingt ihm gehorsam zu sein, der Glaube sollte aus freiem Willen und innerer Überzeugung geschehen und nicht, weil es jemand vorschreibt. Das Gewissen ist aber ein Gradmesser zwischen Gott und dem Einzelnen. Das Gewissen gibt uns auch die Gewissheit und den Frieden über die Gnade Gottes, die nicht abhängig ist von unserem Tun und Gehorsam gegenüber menschlichen Vorschriften, Regeln und Dogmen, die meist nur dem dienen, der sie einfordert: Hebräer: Kap. 9,14: …um wieviel mehr wird dann das Blut Christi, der sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott. (siehe auch Hebräer 10,22 und 13,13,18 Luther-Übersetzung)

Es ist gewiss wichtig und von Anfang der Gemeinde seit Pfingsten so gedacht, dass Menschen, die zu Christus und seinem Wort umkehren, in einer örtlichen Gemeinde sind, wo Gottes Herrlichkeit gepriesen wird, das hat Calvin auf ganz besonders eindrucksvoller und nachdrücklicher Weise in Genf durchsetzen können. Aber es ist genauso wichtig und der Liebe Christi entsprechend, dass jeder Gläubige auch dem inneren Gewissen entsprechend seinen Glauben in Freiheit dem Wort Gottes gegenüber leben und ausüben kann. Der Gläubige darf eine Atmosphäre der Liebe, der Freiheit, des Verständnisses und der Toleranz im Rahmen der Ordnungen Jesu und seines Wortes erwarten.

Calvin und die praktische Verkündigung des Wortes.

Calvin war fest überzeugt, dass seine Hauptaufgabe die Predigt ist und die Gemeinde eine Frucht des gepredigten Wortes ist. Doch die Umsetzung der gepredigten, biblischen Lehre ging in der praktischen Ausführung über die Ordnungen des Wortes Gottes wohl hinaus. Calvin hat in Genf allgemein nicht nur für die Gläubigen eine sehr strenge Ordnung nach biblischen Richtlinien aufgebaut. Von Ermahnung, Gemeindezucht (nach Matth. 18,15), moralischem Verhalten bis hin zu persönlichen Lebensweisen wurde alles geregelt und durch die Ältesten überwacht mit Hausbesuchen und persönlichen Prüfungen und Befragungen. So wurde z.B. Fluchen, Lästern, Glücksspiele, verbotener Luxus, ausgelassene Feste gerügt und bestraft. Den Vorsitz dieser „Prüfer“ führte allerdings ein Bürgermeister. Calvin praktizierte in Genf diese Ordnung für die gesamte Volkskirche, also für  Gläubige  und  Ungläubige,  was  Luther  der  „sonderlichen“,  also  den  ausgesonderten „Gläubigen“  zumutet.  Luther  unterscheidet  damit  zwischen  der  Volkskirche  und  der „sonderlichen“ Gemeinde, den wahrhaft Gläubigen. Calvins Feinde, das kann bei einem solch streng geregeltem System, so gut es auch sein mag, nicht ausbleiben, beschimpfen sein System (bis heute) als Verknechtung der Gewissen und Erziehung zur Heuchelei.

Calvin ist allerdings nicht nur kirchlicher Reformator, sondern, so Armin Sierszyn, auch ein scharfsinniger Intellektueller dessen Wirkungen die ganze westliche Welt bis heute prägen. Calvin, so Sierszyn, nicht Luther, hat die Reformation weltfähig gemacht. Calvins Einfluss reicht weit über die Mauern Genfs und der Schweiz hinaus. Aus dem kleinen bürgerlichen Genf wurde ein international anerkannter Ort. Durch den Einfluss Calvins, so Sierszyn, wird die Provinzstadt Genf zum internationalen Zentrum mit überproporzionaler Ausstrahlung in die angelsächsische Welt. US-Präsident Wilson, calvinistischer Presbyterianer, wählt 1919 nicht das katholische Brüssel zum Sitz des Völkerbundes, des Vorgängers der UNO, sondern Genf. Nur eines von vielen Beispielen.

Teile von Westdeutschland, das gebildete Frankreich, Kirchen auf den Britischen Inseln, die Niederlande, Kirchen in Polen, Ungarn und Amerika bauen und ordnen ihre Gemeinden nach dem Geiste Calvins. Sie bezeugen die Herrlichkeit des Herrn auch für diese Welt und übernehmen Mitverantwortung in Staat und Gesellschaft. Nötigenfalls hat der Christ das Recht zu Widerstand und Revolution, so Calvin. In der Schweiz, in Frankreich, in den Niederlanden, in Schottland, England, Polen und Ungarn sind es reformierte Gemeinden, die den Hauptstoß der Gegenreformation aushalten. Hier hat „Calvin das Werk Luthers gerettet“ (Doumergue). Der beschriebene Calvinismus hat aber nicht nur in der angelsächsischen Welt oder Westdeutschland usw. Einfluss in den Gemeinden Jesu gebracht, sondern auch zum Teil in Südtirol (dazu später). In ihm verliert, das kann mit Recht behauptet werden, die evangelische Kirche ihren bescheidensten und körperlich schwächsten (Calvin hatte viele körperliche Krankheiten), hinsichtlich seiner Wirkung aber den stärksten Reformator.

Calvin und die Gemeindezucht

Durch die strenge Ordnung der geistlichen, wie politischen Gemeinde wollte Calvin allerdings auch vermeiden, dass Irrlehren die Gemeinde verseuchen, eine sehr wichtige Aufgabe eines guten Hirten. In der Tat, als Servetus, ein spanischer Arzt, der einer Lehre angehörte, die die Trinitätslehre und die Göttlichkeit des Jesus von Nazareth ablehnt, also eindeutige Irrlehre, und er sich daran festhielt und diese Lehre verbreitete, geriet er mit Calvin und dem Stadtrat in Streit, und da er sich weigerte, seinen Irrtum zu widerrufen, wurde er 1553 verbrannt. Dies war das folgerichtige Ergebnis des Systems, das man dort errichtet hatte. Es ist nach dem A.T. auch zum Teil nachvollziehbar, denn ein Mensch, der einen Gläubigen von seinem Gott und dem ewigen Wort „abwerben“ will, hat den Tod verdient (z. B. 5, Mose 13,11). Diese Todesstrafe, die man auch auf andere Irrlehrer ausgedehnt hat, wurde allerdings nicht von der Gemeinde Jesu vollzogen, sondern von den Räten, der Stadtregierung, so, nach Meinung Calvins, wollte es die Ordnung des Wortes.

Calvin hat sich allerdings mit einer solchen extremen Zuchtmaßnahme zurückgehalten und sich auch später im Alter für seine „Fehler“ entschuldigt. Man sagt es sei auch die Zeit des Mittelalters so gewesen, dass eben Menschen, die nicht „linientreu“ waren oder gar Irrlehren verbreiteten mit dem Tod bestraft wurden und so aus der Gemeinde der Gläubigen entfernt wurden, vielleicht auch gemäß der Aussage Jesu es wäre besser für einen, der Gläubige zum Abfall verführt, man würde ihn einen Mühlstein um den Hals legen und ihn in die tiefste Tiefe des Meeres versenken. (Matth. 18,6). Das alles ist allerdings nicht mit dem Mittelalter zu entschuldigen, denn die freien Gemeinden, die Brüderunität, die Hugenotten in Frankreich, die Waldenser selbst und viele andere Gemeinden nach der Schrift, hatten solche extreme Ordnungen nicht, sondern hielten sich nach dem Bibelwort: liebet eure Feinde, tut Gutes denen die euch hassen und betet für die die euch verfolgen. Das Gegenteil haben viele Gläubige mit eigenem Leib von den Staatskirchen erfahren, allen voran der römischen Kirche.

Genf war allerdings wie gesagt sehr zurückhaltend aus Rücksicht Calvins was die Todesstrafe anging. Calvin bot vielen von der Staatskirche verfolgten Gläubigen aus verschiedenen Ländern Zuflucht, von denen eine ganze Anzahl aus England und Schottland kamen. Calvin hatte in Frankreich, seiner Heimat selbst erlebt, dass Menschen ohne Begründung nur wegen ihres Glaubens an Jesus und sein Wort hingerichtet wurden. Daher zeigte er sehr viel Verständnis und Liebe für die Gläubigen und ihre Situation. Die Menschen, die in anderen Ländern, allen voran Frankreich, allein wegen ihres Glaubens verfolgt wurden und damit die Todesstrafe auf sie wartete, fanden demnach Aufnahme und Wohlwollen in den Gemeinden in und um Genf. Sie wurden von Calvins Geist stark beeinflusst und trugen seine Lehren weit umher.

Calvin und die „Ökumene“

So streng Calvin in Genf auf die Einheit der Lehre pocht, so maßvoll und tolerant zeigt er sich in seinen Beziehungen zu anderen Kirchen. Mit Melanchton pflegte Calvin eine herzliche Freundschaft. Selbst mit den Katholiken trifft er sich auf Religionsgespräche, bis er erkennen muss, dass eine Einigung nicht möglich ist. Trotzdem wird in Genf kein Katholik seines Glaubens wegen hingerichtet. Calvin will anderen Kirchen weder seine Prädestinationslehre noch sein Kirchenmodell aufnötigen. Im Gegenteil, er beendete mit Bullinger (Nachfolger Zwinglis in Zürich siehe später) den Abendmahlstreit und einigt so die Reformierten der Schweiz. Er bemüht sich um Einheit der führenden evangelischen Theologen mit dem Ziel einer Einheit zwischen Lutheranern und den Reformierten. In der weltweiten Kirche bejaht Calvin Lehrfreiheit und Weite, in Genf aber benützt er den staatlichen Arm zur Durchsetzung der Lehreinheit, weil er fürchtet, aus der Verschiedenheit der Auslegung könnte Unheil entstehen. Aus dieser Überlegung und wegen der Wichtigkeit der Predigt und richtigen Auslegung des Wortes gründete Calvin 1559 die „Theologische Akademie“. An dieser Akademie werden Prediger für die reformierten Gemeinden in aller Welt, namentlich für Frankreich ausgebildet. Schickt mir Holz, sagt Calvin seinen Brüdern in Frankreich so will ich Pfeile daraus schnitzen. Seinen Vorlesungen lauschten zeitweise über 1000 Studenten, vor allem aus Frankreich.

Calvins Nachruf

Er, Calvin selbst, war ein Mann von gütigem und demütigem Herzen und gottesfürchtigem Geist. Er war gewiss überzeugt, dass sich die Menschen, die Gott sich erwählt hat, dieser Majestät selbstverständlich vollkommen unterwerfen. Ich glaube aber, dass eine solche „perfekte“ Gemeinde es erst im Tausendjährigem Reich geben wird, wenn Christus selbst regiert und der Satan gebunden ist. Bis dahin müssen wir erkennen, dass es diese perfekte Gemeinde bzw. Volkskirche, wie Calvin diese in Genf lehrte und durchsetze nicht gibt, da sie aus fehlerhaften Kindern Gottes und sündigen Menschen besteht und geleitet wird. So wurde der Calvinismus aber doch eine machtvolle Gegebenheit in der Welt, und das ernste Wesen Calvins hat zweifellos einen der edelsten Charaktere gebildet.

Calvin war mit den vielen Kirchenvätern, von Paulus bis Luther, einig: die Errettung aus Gnade ist und bleibt Gottes Werk, und ist nicht gebunden an Menschen, es liegt auch allein in seiner Kraft und seinem Willen uns durch den Heiligen Geist zu bewahren vor Irrwegen, darum gilt, so Calvin, dieser Majestät allein alle Ehre. Judas hat dies in seinem Brief folgend ausgedrückt und trifft dabei den Nagel auf den Kopf: Gott allein kann euch davor bewahren, vom rechten Weg abzuirren. So könnt ihr von Schuld befreit und voller Freude vor ihn treten und ihn in seiner Herrlichkeit sehen. Ihm, dem alleinigen Gott, der uns durch Jesus Christus, unseren Herrn gerettet hat, gebühren Ehre, Ruhm, Stärke und Macht. So war es schon immer, so ist es jetzt und wird es in alle Ewigkeit sein Amen. Judas 1,24-25.

Calvin hat in seinen letzten Lebensjahren oft in aller Demut vor Gott gebetet, man möge ihm, der Vater im Himmel aber auch seine Mitgläubigen, seine Fehler vergeben. Er gestand zu Fehler begangen zu haben und nicht vollkommen gewesen zu sein, auch wenn er sich stets mit vollem Eifer für die Sache des Herrn eingesetzt hat. Doch bittet er man solle sich an ihn nur der guten Dinge erinnern. Darum möchte ich mit einer Beurteilung eines großen Theologen über Calvin und seine reformatorischen Bemühungen enden: Geerhardus Vos, ein Neutestamentler aus Princeton, beurteilte die Reformation sehr treffend, vor allem die von Calvin. Er stellte 1891 die Frage, warum die Theologie der Reformation die Fülle der Schrift mehr als jeder andere Zweig des Christentums erfassen konnte, und er gab die Antwort: Weil die Theologie der Reformation den tiefsten Sinn dessen verstanden hat, was die Schrift ausmacht…. Und dies war der tiefste Sinn, der zum Schlüssel zu den reichen Schätzen der Heiligen Schrift wurde: Bei der Betrachtung alles Geschaffenen erblickte man zuerst und vor allen Dingen die Herrlichkeit Gottes. Genau diese ununterbrochene Ausrichtung auf die Herrlichkeit Gottes war das Beständige in Johannes Calvins Leben und in der reformatorischen Tradition, die folgte. Vos sagte, dass die beste Beschreibung des biblischen Glaubens diese ist: Das Wirken der Gnade in dem Sünder ist ein Spiegel der Herrlichkeit Gottes. Im Widerspiegeln der Herrlichkeit Gottes sah Johannes Calvin den Sinn seines Lebens und Dienstes.

Reformation in Basel und Zürich

Die Schweiz brachte aber noch andere führende Männer und Frauen hervor, die sich rühmlich aber oft auch weniger rühmlich um die Sache des Herrn bemühten. Die Stadt Zürich ist dabei in der Geschichte der Verkündigung der frohen Botschaft für Südtirol sehr wichtig. Stadt und Kanton Zürich standen damals ganz unter dem Einfluss Ulrich Zwinglis, der das Werk der Reformation in der Schweiz sogar früher begonnen hatte als Luther in Deutschland. Die Lehre des Schweizer Reformators, die in einigen Punkten von der Lehre Luthers abweicht, hatte sich über viele Kantone und weit in die deutschen Lande hinein ausgebreitet. In früheren Jahren hatte Zwingli enge Verbindung mit den Brüdern. Er hatte sich z. B. ernsthaft mit der Tauffrage befasst und festgestellt, dass es für die Kindertaufe keine Handhabe in der Schrift gibt. Als er jedoch die Reformation in den Linien der Staatskirche durchführte, diese Verbindung mit der zivilen Gewalt zur Durchsetzung ihrer Beschlüsse, zog er sich notwendigerweise von den Brüdern zurück. Denn diese, die Brüder, die auch in der Schweiz und auch Zürich zahlreich waren, achteten sorgfältig darauf, das Wort Gottes ihren Führer sein zu lassen und bewusst nicht unter die Herrschaft von Menschen zu geraten. Sie anerkannten doch dankbar als Älteste und Aufseher in den verschiedenen Gemeinden die Männer, welche die Geistesgaben besaßen, die befähigten Führer zu sein.

Zürich aber war für die Entwicklung der eigenen Reformation der Schweiz so wichtig, dass man die dortige Entwicklung etwas genauer anschauen muss, um diese besondere Art der reformatorischen Entwicklung zu verstehen. Der Einfluss zusammen mit Calvin in Genf breitete sich auf die weitere Entwicklung der Gemeinde Jesu in vielen Teilen der Welt der folgenden Jahrhunderte bis zu unserer postmodernen Zeit herauf aus.

Was in Zürich ablief, sollte ja auch ganz konkret für Südtirol von Wichtigkeit sein:

Die Reformation in Zürich Täuferbewegung:

Zwingli und Zürich gehören wie erwähnt zusammen: sowohl politisch als auch geistlich gesehen, sowohl was die Schweizer Reformation, Protestantismus genannt, also auch was die Täuferbewegung angeht. Vor allem durch die politischen Entwicklungen in der Schweiz wurde die Schweizer Reformation eigenständig und lief anders als in Deutschland unter Luther. Das Verhältnis Kirche/Staat war unter Zwingli in Zürich ein ganz anderes als in Deutschland. Das hing im Wesentlichen von der politischen Geschichte der Schweiz ab. Um 1500, so im Buch 2000 Jahre Kirchengeschichte zusammengefasst, ist der Zürcher Stadtstaat der Haupt- oder Vorort der Eidgenossenschaft. Die zentralschweizerischen Urkantone wollten unmittelbar unter dem Kaiser stehen, ohne Zwischenherren über sich zu haben. Doch im 15. Jahrhundert als regelmäßig die Habsburger zu Leitern des Reichs berufen werden, erfahren sie vom Reich nur Feindseligkeiten. Die drei siegreichen Kriege gegen den mächtigen Burgunderherzog Karl den Kühnen erfüllen die Schweizer mit dem Bewusstsein eigener Kraft und Stärke. Aber nach Auseinandersetzungen mit Kaiser Maximilian über Gerichte und Steuern eröffnet Zürich 1499 den Schwaben oder Schweizerkrieg. Maximilian zieht selbst von den Niederlanden nach Basel und Konstanz herauf, und so entwickelt sich der Kampf zum eigentlichen Reichskrieg. Da die eidgenössischen Truppen auf der ganzen Linie siegen, bringt der Friede von Basel (1499) den Schweizern das definitive Ausscheiden vom Reich sowie die Aufnahme von Basel und Schaffhausen in die Eidgenossenschaft. Nach dem Schwabenkrieg erscheint die Schweiz als souveräner Staatenbund zwischen der französischen Monarchie und dem habsburgischen Länderbesitz.

Ihre kurzfristige Großmachtpolitik endet mit dem furchtbaren Gemetzel bei Marignano (1515). Dieses Datum markiert faktisch den Beginn der Schweizer Neutralität.

Politische Konstellation der Schweizer „direkten Demokratie“:

In Zürich müssen seit 1498 die alten Geschlechter (Konstaffler) die Macht mit den Handwerkern und Bürgern teilen (Zünfte) ja, das Schwergewicht liegt jetzt bei diesen. Die Regierung liegt nun in den Händen des bürgerlich dominierten Großen und des kleinen Rates. So unterscheidet sich die Zürcher Reformation von derjenigen zu Wittenberg nicht nur wegen der verschiedenen Biographien Luthers und Zwinglis. Zwischen Wittenberg und Zürich bestehen auch erhebliche Differenzen im politisch- gesellschaftlichen Umfeld. Städte wie Zürich, Basel und Straßburg mit ihrer selbstbewussten Bürgerschaft und deren offenem Sinn für humanistische Kultur bieten die Grundlage für eine städtisch geprägte Reformation in frühneuzeitlichem Horizont. Zwingli selbst wehrte sich auch immer gegen den Vorwurf von kirchlicher Seite her, er sei Lutheraner. Luther ist ihm ein vorzüglicher Gottesstreiter, der die Schrift mit so großem Eifer durchforscht, wie es ihn seit tausend Jahren nicht mehr auf Erden gegeben hat. Zwingli selber will aber nicht lutherisch sein. Er hat die frohe Botschaft nicht von Luther gelernt, sondern aus dem Wort Gottes selbst. Dies war sicher auch im Sinne von Luther, es so zu sehen. Zwingli hatte außerdem schon früher als Luther die gesamte Bibel, altes und neues Testament übersetzt. Mit Hilfe einiger Sprachgelehrter und Theologen entstand die Züricher Bibel in schweizerischer Sprache, mit einigen Teilen des Alten Testamentes von Luther. Zwingli selbst beteuert: lange bevor ein Mensch in unserer Gegend Luther nur dem Namen nach kannte, begann ich im Jahr 1516 das Evangelium Christi zu predigen. Predigen war für Zwingli das Wichtigste im Glaubensleben der Gemeinde und in der Verkündigung der frohen Botschaft. Diese Überzeugung war bei Zwingli nicht immer schon vorhanden, sondern war eine Entwicklung in seinem Leben, bis er zu sechs Kennzeichen kam, die seine Theologie prägten: aus 2000 Jahre Kirchengeschichte: 5 davon:

  1. Das rechte Verständnis des Evangeliums schenkt der Heilige Geist durch das Ziehen und Erleuchten Gottes (Röm. 8,3; Joh. 6,44; 14,26) Nur der Heilige Geist versteht das Evangelium, nicht aber die Vernunft des Menschen: alle die sagen, das Evangelium sei nichts ohne die Beglaubigung der Kirche, irren und lästern Gott
  2. Die Mitte des Evangeliums ist das Sühnopfer Christi (1.Petrus 3,18)
  3. behandelt er ausführlich die Sünde: Ein Toter (durch die Sünde ist der Mensch tot) kann sich niemals selbst zum Leben erwecken, bis die Gnade des göttlichen Geistes von neuem ZUM LEBEN erweckt wie am Anfang der Welt. Zwingli lehrt in dem Zusammenhang – wie Luther- den unfreien Willen. Alles ist von der Gnade Gottes abhängig. Er hat uns erwählt nicht wir.
  4. Glaube oder Menschenwerk: Alle Werke, so Zwingli, die gut sind, wirkt Gott in uns; nichts ist, gut, als was von Gott kommt. Die Werke, die wir aufgrund von menschlichen Lehren und Gesetzen tun, wirkt also nicht Gott. Sie sind vielmehr Blendwerk, leerer Schein und Aufschneiderei. Nur was Gott in uns wirkt, ist gut; alles, was wir und andere Geschöpfe in uns wirken, ist unnütz und nichtig. Jesus sagt dem reichen Jüngling, als dieser ihn mit gutem Meister anspricht: Wer ist gut außer Gott.
  5. Das Abendmahl: Das Sühnopfer Christi am Kreuz ist einmal geschehen (Hebr. 7,26) Ein Messopfer im Sinne der katholischen Wandlungslehre ist unmöglich, ja eine Lästerung des vollkommenen Opfers Christi. Das Abendmahl ist das Mahl des Neuen Bundes. Bullinger, Zwinglis Nachfolger, hat sich diesbezüglich wie bereits erwähnt mit Calvin geeinigt.

Zwingli und das Wort Gottes

Für Zwingli ist das Wort Gottes klar und deutlich und jedenfalls überall zu predigen: Im August 1522 predigt Zwingli den Dominikanerinnen im Kloster Oetenbach über die Klarheit der Schrift, was später viele Nonnen veranlasst, das Kloster zu verlassen. Aus dieser Predigt entsteht im September seine Schrift „Die Klarheit und Gewissheit und Untrüglichkeit des Wortes Gottes. Aber auch Zwinglis Gegnern ist die Bibel Gottes Wort. Sie möchten aber neben der Bibel die Tradition, das kirchliche Lehramt und das Kirchenrecht stehen lassen, weil die Bibel der Auslegung bedürfe. Für Zwingli ist die Bibel hell und klar. Christus selbst ist das Gotteswort und Fundament unseres Glaubens. Dieses Wort legt sich selbst aus.

Es ist auch klar, dass diese Lehre die katholische Kirche nicht hinnehmen konnte.

Vom 7-9 April 1522 verhandelte eine Abordnung des Konstanzer Bischofs mit den Zürcher Räten und den Stiftsherren des Großmünsters über Zwinglis Lehre. Am 24 Mai warnt ein bischöfliches Mandat die Stadt Zürich vor Aufruhr, Kirchenspaltung und Ketzerei. Der Bischof ersucht die eidgenössischen Stände (Kantone) den wahren Glauben zu schützen.

Doch das Zürcher Pfarrkapitel (Die Pfarrerschaft vom Glarnerland bis zur Stadt Zürich) beschließt am 19. August in Rapperswil, fortan gemäß der Heiligen Schrift zu predigen.

Das ist eben in der neutralen Schweiz nun anders als in Deutschland. Dort entscheidet die weltliche Macht eines Gebietes über den Glauben der Untergebenen. Hier in der Schweiz gibt es diese übergeordnete Macht nicht mehr, also entscheidet in gewisser Weise das Volk. Zwingli nutzt die Gunst der Stunde, um mit dem Bischof endgültig abzurechnen. Am 23. August tritt er mit seiner Verteidigungsschrift Apologeticus Architeles an die Öffentlichkeit. In 69 Streitpunkten widerlegt er sämtliche Mahnungen des Bischofs. Der Ton ist nun spürbar schärfer als in der Bittschrift:

Je mehr du, Bischof Hugo, den Herrn herauskehrst, desto verhasster wirst du dich allen machen! Die Heilige Schrift muss Führer und Lehrer sein; wer sie richtig gebraucht, muss straflos sein, mag er auch den gelehrten Herrchen gar nicht gefallen. Im anderen Falle wird´s uns schlimm ergehen; denn die Kenntnis der Heiligen Schrift ist heute kein priesterliches Vorrecht mehr, sondern Allgemeingut geworden.

Nicht in Zürich, so Zwingli weiter, sondern in Rom werden der Kirche menschliche Einrichtungen entgegengesetzt.

Zwinglis Thesen von Zürich

Zwingli setzte den 95 Thesen Luthers 67 Züricher Thesen auf, die die früheste Zusammenfassung seiner Theologie waren: sie beschreiben allerdings nicht nur, wie bei Luther, das ewige Heil, sondern auch das politische und soziale Leben. Zwingli will das ganze Leben, also alle Menschen in einem Ort unter eine biblische Ordnung bringen. Er sagt: Jesus Christus ist der wägführer und houptmann allem menschlichen geschlecht (Art. 6). Zwingli lehrt zwar genauso wie Luther, den unfreien Willen, alles ist Gnade Gottes. Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt ist allein Gnade Gottes, aber er spricht von einer göttlichen und andererseits von einer menschlichen Gerechtigkeit. Das ist eigentlich schon auch nachvollziehbar. Wir müssen auch in diesem Leben im Zusammenleben der Menschen Gerechtigkeit walten lassen. Das ist unsere Aufgabe. Im Lauf des Jahres 1523 verstärken sich in Zürich zu Stadt und Land die Forderungen, das Bibelwort, besonders die Bergpredigt, müsse auch im staatlichen und öffentlichen Leben durchgesetzt werden. Auch Staat und Politik seien ganz nach dem Worte Gottes zu reformieren. Da gibt es viel zu ändern. Nicht nur im kirchlichen, sondern auch im sozialpolitischen Bereich sollen rasch die Ordnungen des NT eingeführt werden. Eine wünschenswerte und erstrebenswerte Lebenssituation: Kirche und Staat eins unter Gottes Führung nach den Richtlinien der Bergpredigt. Dieses haben viele andere auch versucht, auch später in Südtirol ist davon zu spüren. Doch so ganz einfach ist das nicht. Es wird zu wenig mit der Sündhaftigkeit der Menschen gerechnet und deshalb muss Zwingli sich sehr anstrengen eine evangelische Sozialethik aufzustellen. In diesen Dingen, sowohl in Lehre und Predigt als auch in der Züricher Sozialpolitik hat Zwingli Großartiges geleistet. Unter anderem gab Zwingli aber auch der „weltlichen Macht“ den Räten die Macht des Gerichts, Prediger sollten sich nicht in politische Dinge einmischen. Das Gericht konnte aber auch die Todesstrafe aussetzen. Zwingli konnte sich mit seiner Lehre sowohl was die Trennung von der römischen Kirche mit Hilfe der Räte der Stadt Zürich und Umgebung durchsetzen als auch mit seiner Sozialreform in der Stadt Zürich. Damit wurde er weit über Zürich bis in weite Teile Süddeutschlands bekannt. Gerade die besondere Art der Sozialpolitik und die politische Situation der Ständeräte war es zu verdanken, dass die Bauernunruhen im Frühjahr 1525, die es überall in Mitteleuropa gab und natürlich auch in der Schweiz, nicht in einen Krieg ausarteten. Die Bauern wurden angehört und es ist der vorsichtigen Politik der Regierung und der gemäßigten Haltung der Bauern zu verdanken, dass die Bauernbewegung in der Schweiz zunächst ohne Blutvergießen über die Bühne geht. Ein Zeugnis dafür, dass es im dreißigjährigen Krieg nicht um einen Religionskrieg im strengen Sinn ging, sondern allein um die Machtausübung der katholischen Kirche und vor allem um die Macht der jeweiligen Landesherren, die es ja in der Schweiz nicht mehr gab. (Mehr dazu im Buch 2000 Jahre Kirchengeschichte.)

Zwingli und das ewige Heil der Heiden

Zwingli war sich selbst in seiner Wortverkündigung der alleinigen Errettung aus Gnade nicht immer ganz treu. In seiner „Erklärung des christlichen Glaubens“ an den französischen König Franz I. schreibt Zwingli, so im Buch 2000 Jahr Kirchengeschichte, 1531 wenn er sein Herrscheramt im Sinne Christi ausübe, dann könne er hoffen, nach dem Tode die Gemeinschaft der Heiligen und Weisen, der Gläubigen und Tugendhaften zu sehen, angefangen bei Adam und Abel, über Noah und Abraham., Mose, David usw. bis hin zu Herkules, Theseus, Sokrates, sowie den fränkischen Königen und Kaisern, die ihm im Glauben vorangegangen seien. Luther kann diese Haltung nur mit Entsetzen aufnehmen. Hinter dieser Ansicht Zwinglis steht humanistisches Gedankengut. Auch Erasmus, von dem Zwingli anfangs sehr beeindruckt war, vertritt solche Anschauungen. Michelangelo stellt in der Sixtinischen Kapelle die heidnischen Größen auf eine Stufe mit den biblischen Propheten. Diese Vermischung zwischen der Gerechtigkeit Gottes allein aus Gnade und der Errettung aus dem Verdienst der Menschen, die Erstaunliches an Kunst und Intellektuellen Werken geschaffen haben, zerstört die biblische Wahrheit und der Mensch geht am Heil vorbei, da niemand gerettet werden kann und das ewige Heil erlangt außer durch die Gnade in Jesus Christus.

Das Besondere an Zwingli liegt aber in der Begründung warum Heiden, die menschlich gesehen Großartiges geleistet haben in die ewige Seligkeit mit den „Heiligen“ eingehen sollen. Für Zwingli kommen nämlich Verdienste nicht in Frage. Christen und Nichtchristen sind auf Gottes Erbarmen angewiesen. Auch für die Heiden gibt es nur den einen Weg der Gnadenwahl. Gott hat in seiner freien Gnadenwahl – im Hinblick auf die Verdienste Christi – auch einige griechische und römische Helden zur Seligkeit bestimmt, so Zwingli. Das entbehrt jeder biblischen Grundlage. Ansonsten schöpft Zwingli seine reformatorische Theologie aus der Bibel. Im Zentrum steht zwar nicht (wie bei Luther) die paulinische Rechtfertigungslehre, aber Jesus Christus, und zwar der für uns Gekreuzigte. Was ihn und Luther verbindet, ist allerdings größer als alle Differenzen.

Reformation und Täufertum in und um Zürich.

Solche Vermischungen in der Lehre, die Ausdehnung der Gemeinderichtlinien auf die gesamte Einwohnerschaft eines Ortes und die „langsame“ Umsetzung der biblischen Ordnungen in Kirche und Staat, wegen der „Schwachen“ in der Gesellschaft, veranlasste viele Gläubige sich gegen diese Art der Gemeindelehre und „Volkskirche“ anzugehen. Sie wollten klare biblische Ordnungen lehren und praktizieren und diese nur auf die wahren Gläubigen anwenden. Einer als Beispiel vieler, die ihr Leben in dieser besagten Weise dem Herrn gaben, war Herr Dr. Balthasar Hubmayr: Er hat an der Universität Freiburg Theologie studiert und war als Professor der Theologie in vielen Städten unterwegs unter anderem auch in Zürich. Er studierte mit Interessierten eifrig das Wort und formulierte seine eigenen Gedanken und Lehren so:

Die heilige allgemeine christliche Kirche ist eine Gemeinschaft der Heiligen und eine Bruderschaft vieler frommer und gläubiger Menschen, die einstimmig an einem Herrn, einem Gott, einem Glauben und einer Taufe festhalten. Sie ist, so sagte er, die Versammlung aller Christen auf der Erde, wo immer sie auf dem ganzen Erdkreis sein mögen oder auch eine abgesonderte Gemeinschaft einer Anzahl von Menschen, die an Christus glauben. Er erklärte: Es gibt zwei Gemeinden, die sich tatsächlich decken: die allgemeine und die örtliche Gemeinde… Die örtliche Gemeinde ist ein Teil der allgemeinen, die alle Menschen umfasst, welche beweisen, dass sie Christen sind. Er war auch der Ansicht, dass wegen der Sünde die Schwertgewalt den irdischen Regierungen übertragen sei und dass man sich ihnen deshalb in Gottesfurcht unterstellen müsse. Derartige Zusammenkünfte wurden häufig in Basel gehalten. Nach einer Brüderkonferenz 1527 in Mähren, wo er viele Leute bekehrte und auch taufte, kam er mit seiner Frau in die Schweiz, und zwar in den Kanton Zürich, wo eben Zwingli lehrte. Man möchte nun denken, dass er sich mit diesem zusammentat und gemeinsam das Wort verkünden würde. Das ging nicht, vor allem weil sich Zwingli ja zur Staatskirche bekannte. Daher war der Rat von Zürich oberste Autorität auch in Glaubensfragen und so ordnete dieser eine Disputation zwischen Hubmair und Zwingli an, in der jener, durch die Gefangenschaft geschwächt, von seinem kräftigen Gegner besiegt wurde. In der Furcht, dem Kaiser ausgeliefert zu werden, ging er so weit, dass er einiges von seiner Lehre zurücknahm. Aber gleich darauf bereute er diese Menschenfurcht bitter und flehte Gott an, ihm zu vergeben und ihn wiederherzustellen. Über Umwege kam er nach Mähren, wo er in Nikolsburg lehrte. Er fand dort das Ende, das viele der treuen Glaubensgenossen jener Zeit erlebten: 1527 zwang König Ferdinand die Behörden, ihm Hubmayr auszuliefern. Er ließ ihn nach Wien schaffen, wo er auf seiner Folterung und Hinrichtung bestand. Hubmayrs Frau ermutigte ihren Mann, standhaft zu bleiben. Einige Monate nach seiner Ankunft in Wien wurde er zum Scheiterhaufen geführt, den man auf dem Marktplatz aufgetürmt hatte. Mit lauter Stimme betete er: O mein Vater, ich danke dir, dass du mich heute aus diesem Jammertal hinwegnehmen willst! O Lamm, Lamm, das die Sünde der Welt wegnimmt! O mein Gott, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ Aus den Flammen hörte man ihn laut Jesus, Jesus! Rufen. Drei Tage später wurde seine tapfere Frau in der Donau ertränkt; man warf sie von der Brücke mit einem Stein am Hals.

Trennung Gemeinde Jesu und Volkskirche in Zürich

Um 1524 kam es zu einer Spaltung in Zürich. Konrad Grebel ging der Umbruch durch die Reformation zu langsam und zu zögernd voran. Dieser schloss sich mit anderen zusammen und so kam es schließlich auch in Zürich zu der Bewegung der Täufer, Täuferbewegung genannt. Diese Radikalen sind zwar aus dem Kreis Zwinglis entstanden doch kam es schon nach kurzer Zeit zu Unstimmigkeiten. Der Konflikt zwischen Zwingli und diesen Radikalen betraf soziale Fragen wie den Zehnten, die Zinsen, den Eid und die Rolle der Regierung sowie religiöse Fragen wie die Heiligenbilder und die Taufe.

Konrad Grebel führte vom 18. bis 20 Januar 1525 die erste Erwachsenentaufe durch. Dieser taufte Blaurock und jener dann weitere. Grebel sagte: die Kindertaufe widerspreche der Heiligen Schrift, diese kenne nur die Taufe der Erwachsenen. Diese Aussage steht der Überzeugung von Zwingli und der Volkskirche entgegen. Da Konrad Grebel und seine Anhänger immer mehr Menschen in ihren Bann zogen, griff der Züricher möglichst rasch zur Feder. Er verfasste diese Schrift, um seine Meinung zu der Kindertaufe bekannt zu geben und zu argumentieren. Er schaffte es allerdings nicht mit seiner Schrift, die gläubigen Menschen des Täufertums zu stoppen. Trotz vielen Unstimmigkeiten zwischen Zwingli und den Radikalen gab es auch Übereinstimmungen zum Beispiel im Sommer 1523 als die Radikalen Bilder und Kruzifixe innerhalb und außerhalb der Stadt zertrümmerten. Zwingli stimmte diesem Widerstand zwar zu, aber beteiligte sich nicht daran.

Zwingli setzte die Taufe in ein Verhältnis mit der im Alten Testament erwähnten Beschneidung, die am achten Tag nach der Geburt vollzogen wurde. Durch eine Taufe wird angezeigt, dass der Täufling zu Gott gehört und sein Leben dementsprechend ausrichtet. Somit steht nach Zwingli die Taufe am Anfang eines Weges für Gott. Die Täufer sehen die Taufe als eine Änderung des Lebens. Getaufte haben die Verpflichtung zu einer neuen Existenz in der christlichen Gemeinschaft. Wegen der Zuspitzung des Konfliktes zwischen Zwingli und den Radikalen, bot der Rat am 17. Januar 1525 eine Disputation an. Die Gegner der Kindertaufe mussten ihren Standpunkt vertreten. Die Ratsherren und das ist das Dilemma der Staatskirchen, wenn man Ungläubigen die Entscheidung über geistliche Dinge überlässt, teilten diese Meinung nicht und verfügten, dass Neugeborene innerhalb von acht Tagen getauft werden müssen und jeder der sich nicht daranhielt, habe das Gebiet Zürichs zu verlassen. Trotzdem vollzogen einige Radikale, unter anderen Blaurock weiterhin Taufen der Neugläubigen. Konrad Grebel gründete kurz danach eine Täufergemeinde in Zollikon, ein Dorf, das vom Großmünsterstift unterstützt wird. Die Reaktion des Rates war es, die Todesstraffe auf die Erwachsenentaufe auszusetzen. Der Erste, welcher ertränkt wurde, war Felix Manz am 5. Januar 1527.

Die Disputation des Zürcher Rates von 1525 hatte allerdings, wie in vielen anderen Teilen Europas, genau das Gegenteil vom eigentlichen Ziel erreicht. Das Täufertum breitete sich mehr und mehr aus. Die Brüder waren zahlreich und rührig in Zürich, drei von ihnen waren aus vornehmem Stand, einer früher ein vertrauter Freund Zwinglis.

Dieser, Konrad Grebel, war Sohn eines Züricher Ratsmitgliedes. Er hatte sich an den Universitäten zu Paris und Wien ausgezeichnet. Als er nach Zürich zurückkam, schloss er sich dort der Gemeinschaft der Gläubigen an.

Ein anderer war Felix Manz, ein hervorragender Kenner des Hebräischen, dessen Mutter auch eine eifrige Christin war und ihr Haus für Versammlungen öffnete. Er war, wie erwähnt der erste, der aufgrund der Züricher Räteentscheidung grausam ertränkt wurde.

Der dritte war Mönch gewesen: er erhielt den Namen Blaurock, wurde wegen seiner Größe und Kraft auch oft der starke Georg genannt.

Diese drei waren unermüdlich, sie zogen umher, gingen von Haus zu Haus, predigten, ermahnten; sehr viele nahmen das Evangelium an, ließen sich taufen und kamen als Gemeinden zusammen. In Zürich fanden oft öffentliche Taufen statt, und die Gläubigen kamen regelmäßig zum Herrenmahl zusammen, das sie Brotbrechen nannten. Von sich selbst sprachen sie als der Versammlung der wahren Kinder Gottes, sie hielten sich von der Welt getrennt, zu der sie die reformierte wie die römisch-katholische Kirche zählten. Der Rat untersagte dies alles und gebot wie bereits erwähnt, dass alle Kinder getauft werden müssten.

Die Taufe hat wohl auf beiden Seiten so viel Gewicht wegen folgendem Sachverhalt: in den „Staatskirchen“ war die Kindertaufe wichtig, da durch die Taufe alle Menschen, ob gläubig oder nicht ohne freie Entscheidung in die jeweilige Staatskirche aufgenommen wurden. Das gilt grundsätzlich für die römische, wie lutherische als auch reformierte Staatskirche. Die Täufergemeinden sahen die Taufe als Gebot Jesu und damit als eine biblische Ordnung, bei der sich der Gläubige aus freier Entscheidung öffentlich zu Jesus bekannte und damit bekennt, dass er Nachfolger Jesu sein will mit aller Konsequenz für sein Leben. Zu den Konsequenzen jener Zeit gehörte eben für viele Gläubige Verfolgung, Folterung bis zum Tod des Getauften, wenn dieser nicht seinen Glauben widerlegte und reumütig zur Kirche zurückkehrte. Diese teuflischen Praktiken der Staatskirchen wurden in ganz Europa durchgesetzt und so wurden auch in Zürich Taufen durch die Brüder unter Androhung schwerer Strafen verboten.

Grebel, Manz und Blaurock verstärkten jedoch nur ihre Tätigkeit, und die Leute kamen zu Hunderten, um das Wort zu hören und sich taufen zu lassen. Während Grebel und Manz maßvoll und doch überzeugend auftraten, legte Blaurock einen unbändigen Eifer an den Tag, bisweilen wäre er am liebsten in die Kirchen gegangen, hätte den Gottesdienst unterbrochen und selbst gepredigt. Das Volk hing ihm an, aber der Streit mit den Behörden wurde bald sehr heftig, und viele Brüder wurden schwer bestraft. Blaurock zögerte nicht, Zwingli persönlich vorzuhalten: „Du bist, mein lieber Zwingli, den Papisten stets mit der Feststellung entgegengetreten, dass das, was nicht in Gottes Wort begründet ist, keinen Wert hat, und jetzt behauptest du, es gebe vieles, was nicht in Gottes Wort stehe aber doch in Gemeinschaft mit Gott getan wird. Wo ist nun das machtvolle Wort, mit dem du Bischof Faber und allen Mönchen widersprochen hast?“ Schließlich wurden die drei Prediger und fünfzehn andere, darunter sechs Frauen, zum Kerker verurteilt, bei Wasser, Brot und Stroh, um dort zu sterben und zu vermodern; und jeder, der taufte oder sich taufen ließ, sollte mit Ertränken bestraft werden (1526). Welch gottlose Entscheidung. Die Gefangenen entkamen auf verschiedene Weise, sie hatten viele Freunde, aber die Verfolgung wurde erbarmungslos durchgeführt; die Kantone Bern und St. Gallen schlossen sich, mit anderen, Zürich in dem Bemühen an, die Gemeinden zu vernichten. Im Kanton Bern wurden vierunddreißig Personen hingerichtet, und einige, die nach Biel flüchteten, wo es eine große Brüderversammlung gab, wurden dorthin verfolgt. Die Zusammenkünfte, die man insgeheim bei Nacht in einem Wald hielt, wurden entdeckt und gesprengt, neue Versammlungsplätze mussten gesucht werden.

In dieser Zeit starb Greber an der Pest (1526) Blaurock wurde gefangengenommen und verurteilt, ausgezogen und ist mit Ruten durch die Stadt gepeitscht worden, bis Blut floss und wurde verbannt.

Man fragt sich wie sowas unter Christen möglich ist. Der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht wen er verschlingen kann. Man wusste, und das war nicht nur in Zürich so, nicht mehr zu unterscheiden wer ist nun Kind Gottes und wer nicht. Die Kinder Gottes, die sich im Gehorsam an das Wort hielten, wurden in allen Teilen Europas umgebracht, durch Verfolgung, Gefängnis, Folterung, im Krieg, durch Ertränken, Verbrennen und das nicht nur von der weltlichen Macht, sondern in Zusammenarbeit mit diesen auch von denen, die sich zu den Gläubigen zählten. Wie treffend hat Calvin gelehrt, dass Gott allein erwählt, wer zu den Geretteten zählt und wer dem Gericht verfällt, wessen Herz er zum ewigen Leben verändert und welches er verstockt. Dank sei Gott, dass dieser die Entscheidung trifft. Menschen haben nicht das Recht dazu und sind nicht berechtigt eine Entscheidung zwischen LEBEN UND TOD zu treffen.

Wittenberg, Genf und Zürich: reformatorische Zentren: kurze Zusammenfassung:

Die Zeit der Reformation begann mit den 95 Thesen, die Martin Luther am 31. Oktober 1517 an die Schlosskirche in Wittenberg genagelt hatte. Als aber Martin Luther 1520, als Folge dieser Thesen, öffentlich mit dem Papst brach, hinterließ dies tiefen Eindruck in ganz Europa. Überall machten sich nun Menschen daran, die Kirche zu reformieren: Sie sollte nicht länger dem Papst untergeordnet sein, sondern sich nur nach der Bibel richten. Das sprach unter anderen auch den Waldensern, der Brüderunität und anderen freien Gemeinden aus dem Herzen. In allen Teilen Europas schlossen sich viele Gemeinden kleinere und größere, die sich bis dahin wegen Verfolgung im Verborgenen hielten, der Reformation an, oder es entstanden neue, freie Gemeinden. Es kamen viele Menschen zum Glauben wegen der offenen Verkündigung des Evangeliums. Die Gläubigen, vor allem die wortverbundenen „Wiedertäufer“, von außen ihr neuer Name, wurden später von allen Staatskirchen, allen voran der römischen Kirche und der weltlichen Macht verfolgt, gefoltert und getötet.

Einer der bekanntesten, was die Geschichte der Reformation angeht, ist Calvin, ein Franzose, der durch die Schriften der Reformation zum Glauben kam und sich dieser anschloss und die meiste Zeit seines Lebens nach der Bekehrung in Genf aufhielt und dort lehrte. In Genf erhielten auch die Waldenser Unterstützung von der Stadt, die sich mit Johannes Calvin zu einer protestantischen Hochburg entwickelt hatte. Überhaupt wurde Genf gerade in den letzten Lebensjahren Calvins immer mehr zu einem europäischen Zentrum der Reformation: Calvin, der als der größte Theologe seiner Zeit gilt, gründete, wie bereits erwähnt, eine Akademie, die eine internationale Hörerschaft anzog. Dadurch wurde die Reformation mit den Gedanken Calvins in vielen Regionen der damaligen Welt bekannt. Calvin ist allerdings nicht nur kirchlicher Reformator, sondern, so Armin Sierszyn im Buch 2000 Jahre Kirchengeschichte, auch ein scharfsinniger Intellektueller, dessen Wirkungen die ganze westliche Welt bis heute prägen. Calvin, so Sierszyn, nicht Luther, hat die Reformation weltfähig gemacht. Seine Lehren wurden durch die Ausstrahlung in das angelsächsische Imperium weltweit bekannt und haben bis heute in vielen Gemeinden, -Organisationen und Missionsverbänden großen Einfluss. Calvins Einfluss reicht demnach damals wie heute weit über die Mauern Genfs und der Schweiz hinaus.

Nachdem jedoch die von Calvin zeitlebens angestrebte Einigung mit den Lutheranern (über Melanchton) gescheitert war, näherten sich die beiden reformatorischen Zentren der Schweiz, Genf und Zürich. Immer deutlicher standen sich im Protestantismus zwei große Richtungen gegenüber: die lutherischen Kirchen Mittel und Norddeutschlands, Osteuropas und Skandinaviens einerseits und die reformatorischen Kirchen der Schweiz, Süddeutschlands, Frankreichs, der Niederlande und Schottlands andererseits. Sie traten zunehmend als selbstständiges Gegenüber zum Staat auf und gelangten in den holländischen und englischen Kolonialgebieten zu großer Bedeutung. Auch in Südtirol treffen wir in unserer Zeit auf Gedankengut calvinistischer Prägung.

Aber zunächst wurde die Botschaft Jesu von Zürich aus nach Südtirol gebracht. Zwingli, zunächst mit den Brüdergemeinden in Zusammenhang gebracht, ging aber seinen eigenen Weg, und zwar entstand ein Kirchenstaat nach Zwingli mit bemerkenswerter sozialer Ausrichtung, aber eben doch in Zusammenarbeit Kirche und Stadträte Zürich. Nicht alle Gläubige gingen diesen Weg. Einige hielten sich an die Freiheit der Gemeinde Jesu von staatlichen Organen und hielten fest im Glauben allein an das Wort des Evangeliums und der Apostel. Drei Männer, Konrad Grebel, Felix Manz und Blaurock verbreiteten diese Botschaft des Wortes. Konrad Grebel wird häufig als Täufervater bezeichnet, weil er die erste Glaubenstaufe an Blaurock vollzog und mit Zwinglis neuer „Staatskirche“ in Auseinandersetzung geriet. Diese drei wurden mit anderen Geschwistern von der neuen reformatorischen Kirche Zwinglis dafür verfolgt und viele von ihren Anhängern wurden umgebracht z. B. Felix Manz. Von dieser Täuferbewegung ausgehend von Zürich wurde das Evangelium nach Südtirol gebracht, und zwar von Blaurock, einem ehemaligen Priester, der mit aller Treue und Vollmacht, kompromisslos das Wort Gottes der Gnade und Wahrheit mutig und kraftvoll verkündete. Ein Mann Gottes, der von Gott genau für Südtirol zur Zeit der Reformation in der Schweiz ausgewählt wurde. Einen solchen Mann, unerschrocken, mutig, wortgebunden hatte Südtirol nötig.

Er. Blaurock, hat die frohe Botschaft nach Südtirol gebracht.

 

 

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